Lubumbashi
Lubumbashi ist ganz anders als Kinshasa. Man merkt den Sprung nach Süden bei Einbruch der Dunkelheit: es wird nämlich kühl. Und morgens, man glaubt es kaum, ist es frisch, wenn man nur im Shirt im Innenhof sitzt. Bislang habe ich mit Kongo eine im Tagesverlauf absolut stetige Temperatur verbunden – hier nicht mehr. Die Luft ist klarer und frischer, die Straßen und Gebäude sind besser instand gehalten – hier nämlich ist der Bürgerkrieg nie hingekommen. Es ist immer noch Afrika, keine Frage, es gibt Schlaglöcher und Schlammpisten, schäbige Hütten und das Hotel würde in Deutschland keine drei Sterne bekommen, aber insgesamt ist Lubumbashi viel weniger Trümmerstadt als die Kapitale.

Überhaupt das Hotel: wir melden uns an der Rezeption und die hübsche, junge Frau teilt uns umgehend mit: ja, die Reservierung, also, leider, gerade alles ein wenig überbucht, aber man könne uns in einem angeschlossenen Hotel, also der Dependance.... . Wir lehnen entschieden ab, verweisen auf die Reservierung, diskutieren, verlangen den Manager und siehe da: als Hauptproblem scheinen die Zimmer noch nicht gereinigt zu sein, und dann, entsetzlich!, gibt es nur ein Deluxe Zimmer – einer von uns müßte also mit einem Semi-Deluxe Zimmer vorlieb nehmen. Was ich, als Junior natürlich tue.
Wie allerdings jemand mein Zimmer (oder auch das des Kollegen) mit dem Begriff Deluxe, egal ob semi oder wie auch immer, in Verbindung bringen kann, ist mir rätselhaft.
Das wäre zuerst das Wasser: im Abfluß unter dem Waschbecken gluckert es immer bedrohlich. Wasser, heiß, in der Dusche, kommt erst nach zehn Minuten Wartezeit. Dafür steht das Wasser in der Toilette in pissgelb – auch nach wiederholtem Spülen.
Das Zimmer selbst riecht nicht nach Wasser, sondern nach Chlor, Plastikmöbel in Weichholzoptik, die Matratze steinhart, die Klimaanlage schwächlich, vor allem aber: der Inneneinrichter dieser Räume gehört verklagt. Für die augenkrebserregende Scheußlichkeit dieses Zimmers. Für den mit systematischen Lücken gepflasterten Innenhof, bei dem man dauernd in den begrasten Spalten zwischen den Steinen hängenbleibt: hübsch anzuschauen, aus der Ferne, aber völlig unfunktional. Für den Speiseraum, der so gemütlich ist wie ein Krankenhaus und die Akustik einer Kathedrale hat – bei mehr als drei Gästen versteht man sein eigenes Wort kaum noch. Kaum zu glauben, dies hier sei eine der ersten Adressen vor Ort, aber gut, es sind ja nur zwei Tage.

Der erste jedenfalls, der mir im Innenhof begegnet, ist ein alter Verehrer aus Kinshasa. Seines Zeichens Behördenmitarbeiter, bin ich dem privaten Umgang immer weiträumig ausgewichen, um Konflikte zu vermeiden. Diese Strategie verfolge ich auch unter den veränderten Umständen weiter, zu groß sind die Verstrickungen, mich von so jemandem zum Essen einladen zu lassen (obwohl ich den jungen Mann weniger gutaussehend in Erinnerung hatte). Beinahe allerdings bedauere ich meine Ausflüchte am zweiten Abend, denn vor lauter Arbeit habe ich außer dem Hotel, der Hotelbar und dem Tagungshotel nicht viel von Lubumbashi gesehen. Was gibt es sonst noch zu sagen? Die Europäer in diesem Hotel sind anders. In Kinshasa trifft man vor allem auf UN und Development Personal, hier hingegen sind es rustikale, schwer gebaute, bärtige Herren die, auch wenn sie keine karierten Hemden tragen, doch so aussehen als täten sie es öfter. Bergbau Leute, kurz gesagt. Meine ich jedenfalls, aber vielleicht bin ich voreingenommen. Die Afrikaner bzw. Kongolesen hier sehen logischerweise auch anders aus, sind ja auch andere Volksstämme und natürlich sprechen sie nicht Lingala sondern Swahili. Auch wenn ich, nach sechs Monaten, beschämenderweise zugeben muß, daß es mir immer noch schwer fällt, afrikanische Gesichter auseinanderzuhalten: grundlegende Unterschiede fallen hier sogar mir auf. Insgesamt muß ich dem Kollegen zustimmen: das hier ist viel mehr Südafrika als Zentralafrika. Und Südafrika gefällt mir nicht schlecht. Vielleicht nehme ich bei nächster Gelegenheit die Einladung eines Kollegen nach Johannesburg ja an?

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arboretum, Mittwoch, 12. Mai 2010, 13:52
Vielleicht nehme ich bei nächster Gelegenheit die Einladung eines Kollegen nach Johannesburg ja an?

Falls wir darüber abstimmen dürfen, bin ich unbedingt dafür. Schon allein wegen der Fotos. :-)

vert, Mittwoch, 12. Mai 2010, 15:26
vor dem hintergrund, dass joburg das ruhrgebiet* za's ist, wäre ich da erst mal etwas gebremster - bis zum krüger nationalpark sind's schon ein paar stunden...


* natürlich kann man auch im ruhrgebiet tolle fotos machen, aber.

damenwahl, Mittwoch, 12. Mai 2010, 17:02
Ein anderer Kollege schlug vor, ich solle doch lieber gleich ein paar Tage Urlaub auf Sansibar verbringen - wäre das vielleicht besser?

vert, Mittwoch, 12. Mai 2010, 17:09
ich bin der letzte, der ihnen joburg ausreden will. nur mit der blümchenknipserei ist es dort eben oftmals nicht so weit her.

(sansibar? das meinen sie doch nicht etwa im ernst!;-)

damenwahl, Mittwoch, 12. Mai 2010, 17:19
Ich knipse ja ohnehin lieber Häßliches als Blümchen. Und ich meine natürlich die Insel. Über die von Ihnen verlinkte Sansibar hatten wir am Wochenende Familienstress: meine Mutter kochte ein Rezept nach, beschwerte sich schon beim Ansetzen der Sauce, das könne ja NIE! so aussehen wie auf dem Foto, was es natürlich auch nicht tat, woraufhin sie erklärte, beim nächsten Sylt Besuch würde sie mit dem Herrn mal ein paar Worte reden. Man kann ihr zutrauen, das zu tun, und dann Gnade ihm Gott.

nnier, Mittwoch, 12. Mai 2010, 15:36
Schön, dass Sie Ihre Berichte nun nachreichen. Danke für diesen wieder mal interessanten Bericht!

damenwahl, Mittwoch, 12. Mai 2010, 17:02
Ich freue mich ja so, daß Sie alle nach langer Stille immer noch hier sind. Aufrichtig!

dergeschichtenerzaehler, Mittwoch, 12. Mai 2010, 17:52
Ich war ja schon lange nicht mehr hier. Aus den Augen, aus dem Sinn, wie man so schön sagt.

Schön zu lesen, dass es Ihnen gut geht und Sie immer noch zahlreiche Abenteuer erleben.

ulfur grai, Freitag, 14. Mai 2010, 23:06
Sansibar? Nun ja, käme wohl vor allem drauf an, was Sie dort suchten. Eine mir einmal entfernt bekannte Ethnologin hat ihre Examensarbeit damals über Sextourismus europäischer Frauen nach Sansibar geschrieben. Als ich bei der Nennung des Themas etwas überrascht guckte, meinte sie, die Insel sei unter Frauen längst weithin einschlägig bekannt. (Also, fällt mir Döskopp gerade auf, sage ich Ihnen wahrscheinlich gar nichts Neues. Nur für den Fall, daß doch... ) Weiß gar nicht, auf welchen Bericht von Ihnen ich gespannter wäre: Johannesburg, Sansibar oder der letzte Grund.

damenwahl, Freitag, 14. Mai 2010, 23:30
Also, Ostsee, lieber ulfur grai, (oder Nordsee, Herr Vert) wird es so schnell wohl nicht geben. Will weit weg, je weiter, desto lieber.
Das mit den Frauen wußte ich nicht, aber meine Motivation wäre viel unschuldiger: einer meiner liebsten Kitsch-Romane für schwarze Tage spielt auf Sansibar. Und worüber ich viel gelesen habe, das will ich auch immer sehen.