Samstag, 15. Oktober 2011
Alter Kaffee
Eigentlich mag ich keine Bücher, bei denen verschriftlichte Umgangssprache ein prägendes Stilmittel ist. " Catcher in the Rye" habe ich gehasst und weitgehend verdrängt, mit "Grapes of Wrath" bin ich auch nicht wirklich warm geworden und wenn möglich, meide ich solche Bücher. Da allerdings eine geschätzte Nachbarin das Buch vor einiger Zeit empfohlen hatte, und ich am Flughafen gerne noch ein Buch für die Reise kaufen wollte, habe ich ohne lange Überlegungen zugegriffen. Und bin begeistert.

"The Help" beschreibt die Zustände im Mississippi der 60er Jahre, Rassentrennung mit allem, was dazu gehört, und drei Frauen, die etwas unternehmen. Eine über die alte Heimat hinausgewachsene College-Absolventin schreibt ein Buch, zusammen mit zwei schwarzen Hausmädchen, gemeinsam gehen sie durch harte Zeiten und mischen am Ende die provinzielle Kleinstadt gewaltig auf mit ihrem Werk.

Bücher funktionieren für mich vor allem über Identifizierung, und bei diesem Buch konnte ich den schwarzen und weißen Südstaaten-Tonfall geradezu hören. Ich war ja selbst - lange her - im tiefsten Süden und bei allem, was ich theoretisch damals über das Civil Rights Movement gelernt habe, dieses Buch war lehrreicher als alle Schulstunden. Obwohl es das sicherlich gar nicht sein will, denn die Geschichte berührt die historischen Ereignisse nur am Rande – immerhin weiß ich jetzt, daß der Jackson-Evers Flughafen nach dem Aktivisten Medgar Evers benannt wurde.

Vor allem aber höre ich wieder meine afro-amerikanische Geschichtslehrerin, wie sie in epischer Länge, über underground Railroads, Harriet Tubman, und Dr. Martin Luther King berichtet. Niemals sprach sie von Martin Luther King, stets von Doctor Martin Luther King, in voller Länge, mit Ehrfurcht in der Stimme. Es ist ihre Stimme, ihr Akzent und Singsang, den ich in dem Buch höre, vielleicht etwas verwaschen durch die Jahre seither. Ich sehe vor mir die Schulkantine, in der die Schüler – ganz freiwillig – weitgehend nach schwarz und weiß getrennt saßen. Ich sehe, wie wir kurz vorm Englischunterricht bereits in die engen Stühle mit angebautem Tischchen gezwängt sitzen, und mich einer der Mitschüler, schwarz, Quarterback, fragt, ob ich mit einem schwarzen Jungen ausgehen würde. Die erstaunten Blicke, als ich uneingeschränkt bejahe. Die Konföderierten-Flaggen in den Vorgärten, der beliebte Mittelname „Lee“ für Mädchen – ein Schelm, wer an den Südstaaten-General Robert E. Lee denkt. Ein Schelm, wer denkt, das sei alter Kaffee. Nur gehen die Amerikaner mit diesem Teil ihrer Geschichte anders um - der Stolz auf die eigene, große Vergangenheit à la "Vom Winde verweht" war für mich in den Südstaaten damals immer noch spürbar. Kein Wunder, daß die da unten GW auch ein drittes Mal wählen würden.

Bei der Lektüre von „The Help“ wurden soviele Details für mich in eine neue Perspektive gerückt – dabei ist das Buch humorvoll, witzig, warmherzig, klug, und unglaublich spannend. So spannend, daß ich es kaum aus der Hand legen mochte und gerade zutiefst bedauere, fertig zu sein. Aber es gibt ja noch den Film.

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Sonntag, 20. März 2011
So fern und doch so nah
Meine Eltern waren immer sehr darauf bedacht, ihren Kindern nur pädagogisch wertvolle Lektüren angedeihen zu lassen. Vor einigen Jahren habe ich mit meiner Schwester zusammen auf dem Dachboden gesessen und Kisten sortiert: fünf mit eben jenen wertvollen Büchern (oder solchen, die wir einfach toll fanden), weitere fünf mit unzähligen „Bille und Zottel“, „Tina und Tini“ und „Hanni und Nanni“ Schund. Ich kann mich nicht präzise erinnern, aber ich nehme an, daß „Die Wolke“ und „Die letzten Kinder von Schewenborn“ in den Kisten zugunsten unserer zukünftigen Kinder gelandet sind, weil wertvoll. Wenn, dann allerdings sicher mit Zögern – als Kind nämlich, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, fand ich beide Bücher ganz schrecklich.

Es war sicher schon einige Jahre nach Tschernobyl, die Katastrophe selbst ist ebenso wie der Mauerfall an meinem kindlichen Gemüt vorbeigegangen. Aber so ein Buch vergißt man nicht. Schon damals war mir irgendwie klar, daß es sich um wertvolle Literatur handelt und ich das Werk eigentlich gut finden sollte, um als intelligente junge Dame zu gelten. Vermutlich habe ich mich auch dahingehend geäußert – tatsächlich aber fand ich es einfach nur fürchterlich. Gruselig. Beängstigend. Und kein bißchen berührend. Das war nicht meine Realität.

Schon dieser Name: Janna-Berta. So hießen Kinder nicht. Blöder Name. Dann, daß die Eltern nicht da waren, um sich um ihren Nachwuchs in Krisensituationen zu kümmern – kam mir auch völlig unrealistisch vor, und auch beängstigend. Ich erinnere mich ganz vage an eine Szene auf einer Autobahn, ich hatte schon nicht richtig begriffen, warum die Kinder überhaupt mit Fahrrädern auf der Autobahn unterwegs waren (verboten! hatte ich im Fahrradkurs gelernt!), noch viel weniger verstand ich allerdings, warum sich niemand um die beiden kümmerte. Und warum es auf der Autobahn nicht weiterging mit Autos. Staus, ja, das kannte ich, aber Staus über Tage? Völlig absurd, das gab es doch gar nicht. Jedenfalls nicht in meiner Welt. Einerseits war das alles zwar ziemlich realitätsfern aus der Perspektive einer wohlbehüteten Tochter – andererseits aber auch sehr bedrohlich. Ich hatte Angst vor solchen Szenarien und dolles Mitleid mit den Kindern, häßliche Namen hin oder her. Die Identifikation jedoch blieb aus, ich fand das Buch diffus bedrohlich, aber nicht berührend.

Am meisten zu kämpfen jedoch hatte ich mit dem Konzept der Strahlenkrankheit. Mit meinen elf oder zwölf Jahren wußte ich sehr wohl, daß man nicht nur an äußerlichen Verletzungen mit viel Blut sterben kann, sondern auch an unsichtbaren Sachen wie Pest oder Gift, aber all das war ganz klar physiologisch, das konnte ich mir vorstellen. Sogar Gift und Dämpfe. Aber Strahlen? Etwas, das man nicht anfassen, sehen oder riechen kann, sondern nur mit tickenden Geräten messen? Das zu begreifen fällt mir bis heute schwer. Und damals ging es einwandfrei über mein Verständnis hinaus – so ein Bedrohungsszenario war so völlig weit weg, so unvorstellbar, daß ich damit einfach nichts anfangen konnte. Zu Fantasy-Romanen voller absonderlicher Ungeheuer hatte ich mehr Bezug, das erhob zumindest keinen Anspruch auf Realität, war unterhaltsam und ging trotzdem gut aus.

Dieses grauenvolle Kinderbuch jedoch war nicht unterhaltsam, sondern nur eine endlose, trostlose Quälerei, hilflose Kinder, hilflose Erwachsene, unsichtbare Gefahren, unverständliche Krankheiten – ich habe es natürlich durchgelesen, aber danach nie wieder angerührt und bin weiteren Büchern dieser Autorin wenn möglich aus dem Weg gegangen. Heute würde ich sagen, daß ich dafür einfach noch zu jung und mit der Botschaft überfordert war - frage mich aber trotzdem, ob das wirklich kindgerechte Lektüre ist.

Zwanzig Jahre später stelle ich fest: ich kann mit dem Konzept der Strahlenkrankheit immer noch nichts anfangen. Es entzieht sich mir, damals wie heute. In dem Maße, in dem ich darüber lese, erinnere ich mich an aufgeschnappte Wissenshäppchen: Dekontamination, weil Gegenstände (alle!) die Strahlung aufnehmen und weitergeben. „Walking-Ghost-Syndrom“, damals schon grauenerregender als ein Bataillon Fantasy-Zombies. Natürlich habe ich inzwischen das Vermögen, die physikalischen Erklärungen dahinter zu verstehen: Zellteilung, Schädigung des Erbguts, Krebs. Aber die Ursache, Strahlung, bleibt diffus. Sehr, sehr schwer greifbar.

Vermutlich haben die Japaner im Moment andere Sorgen, aber trotzdem frage ich mich: wie geht man damit um, wenn diese Szenarien aus Alpträumen plötzlich Realität werden? Wenn man weiß, daß man den Rest seines Lebens mit all den gesundheitlichen Risiken leben muß, quasi einer tickenden Zeitbombe im Körper? Und was sind das für Persönlichkeiten, die diese Gefahr bewußt auf sich nehmen in Fukushima? Geht es ihnen auch so, daß die Gefahr nicht faßbar bleibt und eben deshalb irreal? Tut man sowas aus Heldenmut? Schrecklich, nicht zu wissen, wie schnell das Ende kommen wird. Warum machen Menschen sowas? Wie kann man überhaupt nach so einem Übermaß an Katastrophen morgens aufstehen?

Auch das entzieht sich meinem Verständnis. Vor einem Jahr hatte ich Gelegenheit, mit einem Japaner zusammenzuarbeiten. Wir verstanden uns aus vielerlei Gründen nicht übermäßig gut, aber an einem Punkt dann überraschenderweise doch: bei der Feststellung nämlich, daß wir beide Nationen angehörten, die Schuldige des 2. Weltkriegs waren, und wie man damit fast zwei Generationen später umgeht. Das war eine Gemeinsamkeit. Seit einer Woche denke ich an ihn, an sein Volk, an das unfassbare Leid, und wünsche von ganzem Herzen, daß das Schicksal Japan nach all dem Unglück wenigstens eine zweite Atomkatastrophe und die schlimmsten Alpträume meiner Kindheit erspart.

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Sonntag, 31. Oktober 2010
Tag 31 – Das Buch, das du am häufigsten verschenkt hast
Geschenke machen mir Freude. Machen, nicht bekommen, wohlgemerkt. Ich habe schon vor Wochen die ersten Weihnachtsgeschenke für meine Liebsten gekauft, nur um sie dann bei nächster Gelegenheit viel zu früh herzuzeigen - ich kann einfach nicht anders. Wenn ich etwas sehe, das mir für eine bestimmte Person geeignet scheint, dann schlage ich zu. Das sind allerdings eher selten Bücher, öfter persönliche Gegenstände, Kleidung, Wohnung, Dekoration.

Gelegentlich muß man auch Menschen etwas schenken, die man gar nicht kennt, da bieten sich Weinflaschen, Blumensträusse und Schweizer Pralinen an - das kann nie falsch sein. Fast nie.

Am schwierigsten sind jedoch Anlässe, bei denen man den zu Beschenkenden noch nicht gut kennt (neue oder eher flüchtige Bekanntschaft), aber trotzdem etwas halbwegs nachdenkliches schenken möchte. In der Vergangenheit hat sich da das Buch "Manieren" von Asfa-Wossen Asserate bewährt. Man muß natürlich möglichst geschickt anmerken, daß es sich NICHT um einen Fingerzeig handelt. Das Buch ist nämlich kein moderner Knigge, in dem man schnell nachschlagen kann, wie man eine Serviette zu benutzen hat. Der Autor interessiert sich eher für rücksichtsvolles Miteinander, durchaus auch vor dem Hintergrund verschiedener Kulturkreise und differenziert sehr fein zwischen Manieren und angenehmem Benehmen. Spätestens nach der Lektüre sollte also der Beschenkte sich nicht mehr auf die Füße getreten fühlen. Darüber hinaus liest sich schön, fand ich - auch wenn ein Freund meinte, das habe der Autor nicht selbst geschrieben. Mag sein, ich war schon erstaunt, daß jemand sich in einer Fremdsprache so gewählt und elegant ausdrücken kann - möchte aber in diesem Fall gerne weiter meiner Illusion anhängen, zumal der persönliche Eindruck das durchaus bestätigt hat. Ich traue ihm schon zu, daß er es selbst formuliert hat.

Wie dem auch sei: ich habe es einige Male verschenkt, ich schätze mein Exemplar (signiert!) und habe sogar vor zwei Jahren selbst noch mal eines geschenkt bekommen - fände es aber unanständig, dies nun meinerseits weiterzuverschenken. Keine Ahnung, was ich damit mache. Irgendwann werde ich es wissen.

Sie jedenfalls wissen jetzt viel über mein Bücherregal, meine Vorlieben und Abneigungen. Und ich werde mich jetzt erst der Arbeit und der neuesten Beute aus der Bibliothek widmen: Vikram Chandhra, Sacred Games. Ich glaube, ich muß mal nach Indien reisen.

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Samstag, 30. Oktober 2010
Tag 29 – Warum zur Hölle wurde dieses Buch verfilmt?
Ich war seit fast zehn Jahren nicht mehr im Kino. Entwöhnt wurde ich im ersten Teil des Herrn der Ringe. Ich war mit einer Freundin bei uns im schönsten Kino der Stadt, nur ein Saal, rote Plüschsessel, eine kleine Bar am hinteren Rand - alles sehr traditionell, nix Cine*irgendwas. Ein Kino. Lichtspielhaus. Schön.

Ich mag das Buch sehr, war gespannt auf den ersten Teil der Trilogie und finde die Verfilmung auch eigentlich gar nicht so übel: nicht zu gehetzt, lieber drastisch gekürzt, als halbherzig gestrafft, aufwendig in der Ausstattung, nette Darsteller, tolle Landschaften - alles durchaus in Ordnung. Am Film lag es also nicht. Im Gegenteil: besonders berührt war ich von jener Szene, in der Frodo es auf sich nimmt, den Ring nach Mordor zu tragen und reihum seine Reisegefährten sich im anschließen, sehr ergreifend. Bis es neben mir knisterte und der junge Mann (der schon länger geräuschvoll seine Cola schlürfte) erneut herzhaft in seine Nacho-Tüte griff. Mitten in dieser Szene.

Ich wäre ihm am liebsten ins Gesicht gesprungen, habe mich stattdessen schweigend schwarz geärgert, auch noch den ganzen weiteren Film, und bin seither nie wieder ins Kino gegangen. Warum auch sollte ich viel Geld ausgeben, um auf einem dreckigen, siffigen Sessel zwischen teilweise unangenehmen, quatschenden, flüsternden, knisternden, fressenden, schlürfenden Leuten zu sitzen, und einen Film auf Deutsch zu sehen, den ich genausogut zu Hause auf dem Sofa, in eine Decke gewickelt, den Kühlschrank in Reichweite, ohne störendes Umfeld auf Englisch sehen kann? Für weniger? Sogar für umsonst?

Leuchtet mir schon lange nicht mehr ein, und so verzichte ich auf Kino. Den zweiten und dritten Teil habe ich irgendwann daheim gesehen und war enttäuscht: zuviel Blut, zuviel Hauen & Stechen, zuwenig Nähe zum Buch, zuwenig Zeit für die wichtigen Dinge. Am Ende bleibt die Erkenntnis, daß der Film mir die Bilder im Kopf weggenommen hat, die eigene Vorstellung, und meine Phantasie beschneidet. Noch ein Grund, Bücher, die ich sehr mag, nicht im Kino sehen zu wollen.

Tag 30 – Warum zur Hölle wurde dieses Buch noch nicht verfilmt?
Siehe oben - ich könnte schon Bücher nenne, die eine Verfilmung wert wären - aber ich will die dann nicht sehen müssen.

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Donnerstag, 28. Oktober 2010
Tag 28 – Zum Glück wurde dieses Buch verfilmt!
An anderer Stelle habe ich bereits angekündigt, daß "Die sieben Säulen der Weisheit" von T.E. Lawrence bei mir nicht sehr gut wegkommen.
Den Film liebe ich seit meiner Jugend, ein Klassiker, der bei uns zu Hause meistens angeschaut wurde, wann immer er im Fernsehen kam. Mein Vater erzählte ein bißchen, daß es die Person wirklich gegeben hat, erklärte, was wir nicht verstanden (warum fällt der erst vom Motorrad und ist dann plötzlich wieder lebendig?) und so war das einer der Filme, die mich beim Erwachsenwerden begleiteten: jedes Jahr verstand ich ein bißchen mehr, mochte die Musik lieber und schwelgte mit zunehmender Sehnsucht in den Wüstenlandschaften.

Irgendwann nahm ich den Film auf (Video, endlich!) und nachdem Videorekorder inzwischen außer Mode sind, habe ich ihn nun auf DVD.

Irgendwann, vor etwa fünf Jahren, versuchte ich mich dann an dem Buch und scheiterte kläglich. So gar nicht konnte ich mich mit den endlosen politischen Beschreibungen und Details anfreunden, mir fehlte Hintergrundwissen und die Handlung zog sich zäh wie Kuchenteig, ohne in Schwung zu kommen. Nach 150 Seiten gab ich auf, was ich wirklich sehr sehr selten tue. So würde ich also resümieren, daß dies einer der wenigen Filme ist, die ich bedeutend lieber mag als das Buch. Eigentlich der einzige, mir fällt kein anderer an - in der Regel ziehe ich das Buch deutlich vor. Aber vielleicht versuche ich es ja nach der warmherzigen Empfehlung doch noch mal mit dem Papier.

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Mittwoch, 27. Oktober 2010
Tag 27 – Ein Buch, dessen Hauptperson dein „Ideal“ ist
Sara, die kleine Prinzessin, von F. H. Burnett. Als Kind fand ich die Hauptperson eher etwas langweilig und öde, aber je älter ich werde, desto mehr wünschte ich, ich wäre etwas mehr wie sie. So lieb und duldsam, genügsam und fröhlich, ohne Boshaftigkeit und Gemeinheit, ohne Rachsucht - einfach ein liebes und anständiges Wesen.
Das am Ende vom Schicksal für seine Anständigkeit belohnt wird.

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Dienstag, 26. Oktober 2010
Tag 26 – Ein Buch, aus dem du deinen Kindern vorlesen würdest
Astrid Lindgren natürlich. In meiner Familie hat jeder ein anderes Faible für eine Astrid-Lindgren Figur und die Vorlieben korrespondieren durchaus mit der Persönlichkeit. Einer mag Ronja Räubertochter, der andere Michel aus Lönneberga, bei einem dritten stand Pippi Langstrumpf immer hoch im Kurs.
Ich hingegen mochte Madita immer am liebsten - so kess und fröhlich wäre ich auch gern gewesen.

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Montag, 25. Oktober 2010
Tag 25 – Ein Buch, bei dem die Hauptperson dich ziemlich gut beschreibt
Ich mag solche Fragen nicht. Selbst- und Fremdwahrnehmung liegen oft weit auseinander, und verschiedene Fremdwahrnehmungen ebenso. Ich vertraue hier also einem lieben Freund, der mir gewissen Ähnlichkeiten mit der Protagonistin in "Jenseits" von John Galsworthy unterstellt hat. Möglicherweise nicht zu Unrecht.

Der Roman spielt im viktorianischen England, wo eine junge Frau, Gyp, aus gutem Hause sich rasend in einen sprunghaften Künstler verliebt und die Ehe gegen alle Widerstände durchdrückt. Das geht natürlich nicht gut und nach einigem Leid und Ärger trennt sie sich, zieht zurück zu ihrem Vater.
Erst später lernt sie dann ein passenden Junggesellen ihrer eigenen Kreise kennen und schätzen, der ihre Gefühle erwidert, aber als bereits verheiratete Frau stehen einer offiziellen Verbindung zuviele Hindernisse entgegen. Die beiden ziehen also vor die Stadt, abgelegen, Gyp widmet sich ganz ihrer Tochter und dem geliebten Mann - bis die Eifersucht auf seine Aktivitäten tagsüber, fern von ihr, sie irgendwann auffrißt. Mit ihrem vor allem von unbändigem Stolz diktierten Verhalten ruiniert sie die Beziehung und ihrer beider Leben. Schreckliches, trauriges Ende mit Toten.

Stolz bin ich ganz sicher auch. Ob ich so stolz wie die Protagonistin bin, weiß ich nicht, das mögen andere einschätzen. Auf jeden Fall habe ich kein Faible für eigenwillige Künstlertypen, und ich würde - glaube ich - keine Ehe schließen, wenn mein gesamtes Umfeld dagegen wäre. Freunde sind mir nämlich auch wichtig und deren Rat nehme ich ernst. Davon abgesehen fände ich eine Beziehung fernab der Welt, in einer Seifenblase, gänzlich unbefriedigend auf längere Sicht - es spricht also alles dagegen, daß es mir jemals wie Gyp ergehen wird.

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Sonntag, 24. Oktober 2010
Tag 24 – Ein Buch, von dem niemand gedacht hätte, dass du es liest/gelesen hast
Phantasy-Schund -Romane. Meine Zuneigung zu den Werken von Tolkien ist ja durchaus noch salonfähig, aber ich habe auch allerlei anderes Phantasy-Zeug gelesen, lange bevor ich die Bekanntschaft der Hobbits machte. Zum Beispiel als Jugendliche fast alle entsprechenden Romane von Wolfgang (und Heike) Hohlbein. Natürlich konnte icht nicht umhin zu bemerken, daß das Grundkonstrukt der Geschichte sich nie änderte: junger Mann/Kind kämpft gegen böse Mächte und siegt am Ende, wenn er auf irgendeine Art aufgibt oder selbstlos handelt. Der Held hieß immer anders, die bösen Mächte variierten, die Helfer ebenso, aber am Ende war das Schema unveränderlich. Ich habe sie trotzdem alle - mehrfach - gelesen, es waren Geschichten von einem ganz anderen, aufregenderen Leben, aber je älter ich wurde, desto mehr begriff ich: so aufregend würde ich mein Leben doch lieber nicht haben wollen. Mit dem Alter kam noch eine Erkenntnis: die Vorstellung, mein Geld mit der Fließbandproduktion solcher Bücher in endloser Reihe verdienen zu müssen, fand ich zunehmend abschreckend. Keine Ahnung, wie solche Leute sowas machen.

Mit noch mehr Begeisterung habe ich die Alanna und Dhana Romane von Tamora Pierce gelesen, ich mochte die historische Komponente, die mich an Rittergeschichten erinnerte, und ich mochte auch, daß die vier Alanna-Bände im Regal zusammen ein Buchrücken-Bildchen von einem Pferd bildeten. Hübsches Detail.

Nachhaltig beeindruckt von: "Bevor die Flut kommt" von Susan Cooper, mitsamt allen Nachfolgern, irgendwas mit Cornwall und normalen Kindern, die in einen Kampf zwischen Licht und Schatten hineingezogen werden. Irgendwann war mir der zweite oder dritte Band abhanden gekommen und daher kam es zu keiner Wiederholung der Lektüre. Beim Umzug meiner Familie vor zwei Jahren tauchten endlich alle Bände wieder auf, aber mittlerweile bin ich dem Niveau doch entwachsen.

Natürlich auch Harry Potter. Lange habe ich mich gesträubt als der Hype seinerzeit losging - was alle toll finden (inklusive der breiten Massen) sollte mir eigentlich nicht gefallen, aber irgendwann fiel mir doch der erste Band in die Hände, und dann konnte ich nicht mehr aufhören. Auf Englisch, immerhin. Und, so sage ich mir, irgendwann wird das eine feine Lektüre für meine Kinder, die ich ihnen vorlesen kann.

In neuerer Zeit - man könnte es als eskapistischen Aussetzer betrachten - habe ich sämtliche Eragon-Bände erworben, auch große Mädchen wollen manchmal vor der Realität flüchten. Mit solchen Büchern kann ich mich ein ganzes Wochenende einschließen, einfach nur lesen, keinerlei Anstrengung damit verbunden, blinder Konsum ohne Bildung, aber viel Vergnügen. Gewissermaßen der Ersatz für den nicht vorhandenen Fernseher.

Trotzdem stehen solche Bücher im Regal bei mir in der zweiten Reihe - muß ja nicht jeder gleich sehen.

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Samstag, 23. Oktober 2010
Tag 23 – Das Buch in deinem Regal, das die wenigsten Seiten hat
Schwierig. Ich mag dünne Bücher grundsätzlich nicht - davon hat man so wenig. Kaum hat man sich angefreundet, ist das Vergnügen wieder vorbei. Es gibt durchaus Tage, wo ich im Buchladen systematisch alles anschaue, was mehr als vielversprechende 500 Seiten hat.

Wenn ich jetzt also ein sehr schmales Buch suchen soll, ist die Auswahl begrenzt. Ich habe einige Novellen (Fontanes Grete Minde in einer sehr schön illustrierten Ausgabe, Tolstois Kreutzersonate). Vermutlich ist das dünnste Buch irgendwas von Khalil Gilbran, aber das fand ich so doof, daß es in eine Schmuddelecke verbannt wurde.
Nach eingehender Prüfung der Kandidaten: William Shakespeare, Einundzwanzig Sonette. 95 Seiten. Deutsch in der Übersetzung von Celan, aber auch auf Englisch. Ich glaube, ich habe das mal gekauft auf der verzweifelten Suche nach einem Sonett, das ich liebe und seit der ersten Lektüre in der Schule nicht wiedergefunden habe. Gerade dieses ist nicht in dem Bändchen, aber das macht nichts. Shakespeare ist einfach großartig. Man muß den Inhalt gar nicht verstehen, kann man sich doch in Worten verlieren:

All days are nights to see till I see thee,
And nights bright days when dreams do show thee me.


Und hier nun jenes, welches ich nie finden konnten, aber das I*net weiß einfach alles:

My mistress' eyes are nothing like the sun;
Coral is far more red than her lips' red:
If snow be white, why then her breasts are dun;
If hairs be wires, black wires grow on her head.
I have seen roses damask'd, red and white,
But no such roses see I in her cheeks;
And in some perfumes is there more delight
Than in the breath that from my mistress reeks.
I love to hear her speak, yet well I know
That music hath a far more pleasing sound.
I grant I never saw a goddess go:
My mistress, when she walks, treads on the ground.
And yet, by heaven, I think my love as rare
As any she belied with false compare.

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