Montag, 20. Juni 2011
Die Moderne
Früher dachte ich, ich hätte lieber in einem anderen Jahrhundert gelebt. Ich mag Konventionen, gute Umgangsformen und klare Regeln. Nichts kleidet einen Mann in meinen Augen besser als Uniformen und Gesellschaftsanzug, Musik vor 1900 kann ich einwandfrei zuordnen, während mir die moderne Unterhaltungsmusik ein einziger Brei ist. Ich lese Bücher und werde mich nie mit E-Books anfreunden, schreibe gerne Briefe und in Ermangelung derselben zumindest E-Mails und Facebook-Nachrichten im Briefformat. Es spricht also vieles dafür, daß ich mich auch vor 100 oder 200 Jahren wohlgefühlt hätte, und möglicherweise hätte ich nicht mal mit dem damaligen gesellschaftlichen Korsett ein übermäßiges Problem gehabt.

Wenn ich sehe, wie Geburtstagsgrüße in meiner Generation sich fast ausschließlich auf eine knappe Facebook-Pinnwand Nachricht beschränken, weiß ich, mit meinem Bedauern über diesen Errungenschaft der Moderne allein zu stehen. Ich bin dann ein Anachronismus. Und dennoch hoffe ich, niemals dem „früher war alles besser“ Syndrom zu verfallen. Es gibt vieles, worüber man jammern könnte: den Verfall der Demokratie. Der klein- und großbürgerlichen Tugenden. Die neue Egozentrik Individualität. Die Zunahme von Gewalt im Alltag, rechtskonservativer Strömungen in der Politik, Integrationsprobleme, Casino-Banker, die Post-Privacy-Bewegung und den Niedergang der Gesellschaft in toto. Bei meinen Eltern stelle ich gewisse kulturpessimistische Tendenzen fest, und halte dann stets dagegen, weil ich immer gerne dagegen bin. Meinen Eltern die Segnungen der Neuzeit begreiflich zu machen, ist nicht leicht, weil ihnen das Identifikationspotential mit Facebook, unseren arabischen Nachbarn und vielen Stempeln im Reisepass fehlt. Trotzdem würde ich mit ihnen nicht tauschen wollen. Noch weniger mit meiner Ur-Ur-Ur-Großmutter.

Der Beruf

Ich weiß, ehrlich gesagt, gar nicht, was meine Ur-Ur-Ur-Ahnin getan hat. Meine Urgroßmutter väterlicherseits war jedenfalls Hausfrau und Bäuerin auf dem eigenen kleinen Subsistenz-Acker. Mein einer Großvater Fuhrmann. Der andere Waldarbeiter. Die Damen meiner Großelterngeneration waren Mägde auf fremden Höfen, Dienstmädchen in fremden Haushalten. Die bestsituierte unter ihnen ist nie in die Nähe einer höheren, dem Gymnasium vergleichbaren Lehranstalt gekommen. Der Aufstieg ins moderate Bürgertum einer dörflichen Gesellschaft ist ihnen nur mit klugen Heiraten gelungen. Realistischerweise muß ich also annehmen, daß ich vor 100 Jahren nicht als Simone de Beauvoir und vor 150 Jahren nicht als Lise Meitner geboren worden wäre.

Ich hätte niemals studiert. Niemals fremde Länder bereist. Intellektuelle Herausforderungen hätte ich allenfalls in der Führung eines Haushaltsbuches ausleben können, vielleicht bei der abendlichen Lektüre im Bett, so wir uns elektrisches Licht oder Kerzen hätten leisten können. Ich wäre statt blind mit Brille einfach nur blind durchs Leben gegangen. Ich hätte in meinem jetzigen Alter sicherlich schon viele Kinder gehabt, wäre womöglich sogar bereits im Kindbett gestorben – die durchschnittlichen Lebenserwartung um 1850 für Frauen lag bei 37 Jahren.

Die Moderne hingegen hat mir Möglichkeiten verschafft, die noch meiner Mutter qua Herkunft, Gesellschaft und Erziehung praktisch unmöglich waren, weil für Frauen eine eigene Karriere nicht selbstverständlich war. Nachgerade für ungehörig, jedenfalls unnötig gesehen wurden. Es bestand in meiner Familie allerdings nie Zweifel daran, daß ich ein Gymnasium besuchen und studieren würde. Ich weiß noch, daß ich mit 16 Jahren auf einer Familienfeier mit meiner Sandkastenfreundin diskutierte, wie wir unseren Auslandsaufenthalt in der 11. Klasse organisieren würden. Daß wir das tun würden, war für uns beide gleichermaßen selbstverständlich – das „ob“ mußten wir niemals diskutieren.

Ich bin weiter gereist, als meine Großeltern sich jemals hätten träumen lassen, habe Länder gesehen, die sie kaum aus Büchern kannten. Ich bin aufgewachsen in der Gewissheit, daß ich auch Astronautin oder Diplomatin hätte werden können und daß Frauen über die gleiche intellektuelle Kapazität wie Männer verfügen. Obwohl ich manchen Mann getroffen habe, der diese Ansicht nicht teilt, obwohl ich für weniger Geld mehr habe leisten müssen als männliche Angestellte, schätze ich mich glücklich, nicht vor hundert Jahren gelebt zu haben. Ob ich nämlich den Kampfgeist und Ehrgeiz gehabt hätte, mich damals all den Widrigkeiten zu stellen, bezweifele ich. Ich wäre Hausfrau und Mutter geworden, hätte es in Entfernungskilometern maximal bis zur Ostsee geschafft, und ob ich irgendwas vermißt hätte – wer weiß. Vielleicht nicht. Aber ich dankbar, daß mir das erspart blieb.

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Mittwoch, 13. April 2011
Nur so...
Facebook möchte gerne wissen:
Warst du in den letzten Wochen in der Nähe von Kleinkleckersdorf (Kleinkleckersdorf, Switzerland)?

Dann soll ich anklicken:
Ja, ich war kürzlich dort
Ich wohne in einem Vorort oder Nachbarort
Innerhalb von 100 km von Kleinkleckersdorf
Anderenorts in Switzerland
Ich wohne in einem anderen Land

FB versichert auch:
Deine Antwort bleibt anonym.

Ja sicher. Und ich habe einen Hund und der kann kochen. Sind die noch ganz knusper? Wer zum Teufel beantwortet sowas? Die Dummheit Das Mitteilungsbedürfnis der Menschen kennt scheinbar keine Grenzen.

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Samstag, 20. November 2010
Keine Zeit
Ich könnte berichten, wie französische Crosstrainer aussehen - sowas gibt es im neuen Fitti. Das wird kompensiert durch die überwältigende Auswahl an Raclette-Käse, die jeder Supermarkt bietet. Kleine Heißwürstchen (im Glas) gibt es hingegen nicht. Fast so enttäuschend, wie HotDog bei I*ea ohne Gurken und Zwiebeln.

Dem obenstehenden können Sie entnehmen: hier passiert gerade gar nicht viel, außer viel Arbeit. Also bleibt es vorübergehend still. Bin im Arbeitsurlaub.

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Montag, 1. November 2010
Grusel am Abend
Ich gehe nicht nur nicht ins Kino - ich habe auch keinen Fernseher. Nicht mehr, seit wir vor einigen Jahren ein schwarzes Monstrum vergeblich ins zweite Obergeschoß geschleppt haben und meine Mutter fragte: Wohin damit? Mein Vater meinte: In die Nähe der Buchse, natürlich. Die es nicht gab. Zu dritt krochen wir eine Weile auf dem Fußboden herum, untersuchten Anschlüsse und Steckdosen ohne Erfolg, bis wir nach Rückfrage bei den Nachbarn den Fernseher wieder zurück ins Auto trugen und ich in den folgenden zwei Jahren feststellte: der Fernseher gehört zu den Dingen, deren Abwesenheit einem klarmacht, daß man sie überhaupt nicht braucht.

An dieser Einstellung hat sich grundsätzlich nichts verändert, einzelne Nächte mit unterirdisch schlechtem Programm in Hotels oder zu Hause haben mich in meiner Auffassung nur bestätigt.
Mittlerweile gibt es jedoch Fernsehen auch übers Internet, dieses Wochenende stapelte sich die Arbeit, das neue Buch läßt sich nur mühsam an und in der Not frißt der Teufel bekanntlich Fliegen - und ich schaue Unterschichten-Programm.

"Bauer sucht Frau". Sehen Sie es mir nach, ich war heute Abend wirklich verzweifelt und bin der morbiden Faszination solcher Programme erlegen. Da gibt es "scharmante Schweinewirte", "einsame Schäfer" und "tätowierte Schwäbinnen" (das muß das Fernseh-Pendant zur tätowierten First Lady sein), Damen werden an Bushaltestellen abgeholt, die wirklich nur ein betoniertes Viereck am Straßenrand sind, beim Wiedersehen gebärden sich die Herrschaften als wären sie Königskinder, die endlich das tiefe Wasser überwunden haben, und das Pathos wäre auch Tristans und Isoldes würdig gewesen. Die Sendung ist eine grandiose Lehrstunde in Euphemismen. Man muß nicht sagen, daß ein Hof völlig heruntergekommen ist - "urig" klingt doch viel schöner, arbeitslos wird ersetzt durch das "hübsche Haufrau". Wobei sich meiner Meinung das mit dem hübsch in Grenzen hält - aber ich ja auch eine stutenbissige Ziege. Merken Sie sich: kein Nomen ohne illustrierendes Adjektiv. Da eröffnen sich ungeahnte sprachliche Möglichkeiten. Und wußten Sie, daß "gelernte Melkerin" ein Ausbildungsberuf ist? Die Dame hatte natürlich ein entsprechend hervorragendes Verständnis für das ländliche Umfeld:
"Ich habe noch nie Schafe mit so'm langen Schwanz gesehen! Wo ha'm die die her?" Sprach's, kniete nieder und machte "Putt, putt, putt".

Das tollste sind jedoch die Einblicke in fremde Schlafzimmer: was da an Scheußlichkeiten in Biber-Pseudo-Satin auf Plastik-Furnier geboten wird verschlägt mir glatt die Sprache, da helfen auch keine niedlich auf dem Kopfkissen drapierten Marzipanschweinchen mehr und die Kissen können noch so rührend bemüht vom jeweiligen Bauern (oder seiner Mutti) aufgeschüttelt werden. Daß solche Einrichtung neu gekauft sein soll (ja ehrlich!) kann ich mir kaum vorstellen, aber wenn es im Fernsehen kommt, muß es ja wahr sein. Trotz solcher Widrigkeiten findet der wahrhaft Bemühte auch hier Gelegenheit zu tiefsinnigen Dialogen:
Sie so: "Schönes großes Bett. Da kann man auch zu zweit drin liegen."
Er so: "Ja, kann man, und das ist sogar 2 Meter lang!"
Sie so: "Da kann man aber auch drin liegen, wenn man nur 1,70 groß ist". Das nenne ich mal eine subtile Anmache.

Zwangsläufig frage ich mich: wer guckt sowas? Einschaltquoten können ja nicht nur von verzweifelten Individuen wie mir geschaffen werden - es muß wohl Leute geben, die sich sowas regelmäßig anschauen. Ein Rätsel. Eigentlich wollte ich jetzt lobende Worte über die Hintergrundmusik verlieren, aber da läuft gerade "Modern Talking". Das muß also entfallen. Vielleicht versuche ich es nochmal mit dem Buch. Notfalls nehme ich das "Handbuch Außenpolitik" mit ins Bett - alles ist besser, als das hier.

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Dienstag, 19. Oktober 2010
Grandios
.... dieses Gespräch.
Das sind die Tage, an denen ich absolut sicher bin, daß BWL ein totales Schwachsinnsstudium ist, wenn es solche Gestalten produziert.

Wünsche mir einen "like" Button für den Hausmeister.

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Freitag, 1. Oktober 2010
Grrrrr
Kreissäge ist ein dämliches Wort - es müßte eigentlich Kreischsäge heißen. Oder kommt das von "kreissen", weil da auch Lärm gemacht wird? Und warum muß das alles direkt unter meinem Fenster stattfinden?

Wenn das so weitergeht, kann ich mich bei Thommi Gottschalk anmelden - ich erkenne diverse Baustellengerätschaften am Geräusch, Schlagbohrer, Sägen, Hochdruckreiniger, das ganze Programm. Jawohl.

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Freitag, 17. September 2010
Urlaub -
eine Katastrophe. Wäre besser daheim geblieben, hier geht gar nix. Das Wetter ist trügerisch: gehe ich nur mit Jackett raus, wird es windig. Nehme ich den Schal mit, kommt die Sonne. Setze ich die Sonnenbrille auf, geht sie wieder weg. Zwei Tage mit Schirm in der Handtasche - kein Tropfen. Heute daheim gelassen - der Himmel wird grau. Denke ich: hach! Sonne!, jetzt gehe ich Spreebootfahren, ist es wieder diesig, kaum daß ich aus der Bahn steige. Elend.

Außerdem bin ich für diese riesige Metropole einfach zu planlos. Dauernd laufe ich in die falsche Richtung, bevorzugt dann, wenn ich den Koffer hinter mir herzurre, zwei Tage hinterheinander dachte ich: schönes Café fürs Frühstück suchen und bin zweimal kläglich gescheitert, lande am Ende in Prolo-Läden oder bei Starbucks. Gut läuft es hingegen, wenn sich jemand um mich kümmert: gestern Museum und Wein, heute Lunchdate - in Gesellschaft und mit persönlichem Navi geht alles gleich besser.

Zwischendurch noch familiäre Sorgen, pünktlich dann, wenn ich mich gerade entschlossen habe, den Rest des Tages jetzt, wirklich - aber wirklich! - noch zu genießen. Voller Vorfreude auf die Heimat, da regnet es wenigstens berechenbar und zuverlässig.

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Dienstag, 1. Juni 2010
Sittenverfall
Meine Eltern werfen meiner Generation oft den allgemeinen Verfall der Sitten vor. Keine Manieren, kein Anstand, keine Werte. Wenn ich mir allerdings die Diskussionen in diversen Blogs anschaue, bei denen ich vermute, daß das Durchschnittsalter etwa zehn Jahre über meinem liegt, kann ich nicht umhin, mich zu fragen, wem es hier an guten Sitten mangelt.

Über die Berechtigung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan kann man geteilter Meinung sein. Über die Auflösung des Bundestags 2005 ebenso wie über allerlei von Köhler unterzeichnete Gesetze. Ich persönlich würde ihm allerdings schon zutrauen, daß er gerade Afghanistan nicht für einen Präzedenzfall des Typus Handelskriegs hält. Deutschland hat in 2009 Güter im Wert von über 800 Milliarden Euro in alle Welt exportiert, davon gingen weniger als 223 Millionen (!) nach Afghanistan – unser Hauptabsatzland scheint das nicht zu sein. Die Importe sind übrigens nicht mal erwähnenswert. Als Handelskorridor für Öl aus dem Kaukasus ist es sicherlich wichtig, aber nachdem Deutschland seine Unabhängigkeit von Rußland auf einzigartige Weise durch die Ostseepipeline untergräbt, kann das wohl auch kein Argument gewesen sein, damals. Und wer, wenn nicht Köhler als IMF Präsident sollte solche Zusammenhänge verstehen? Man kann ihm vieles vorwerfen, aber nicht mangelnde Intelligenz oder die Abwesenheit wirtschaftlichen Sachverstands. Die Rohstoffe, die Afghanistan hat, werden sicherlich noch auf etliche Jahre unter der Erde bleiben, andererseits können sich die Chinesen allerorten auch ohne militärische Beteiligung durchsetzen – kurz: ich glaube Köhler in diesem Fall, daß er andere Fälle im Hinterkopf hatte. Über die Berechtigung dieser anderen Fälle, niedergelegt ( via Che) in den Verteidigungspolitischen Richtlinien von 1992, kann man ebenfalls streiten, wie auch über Pragmatismus und Idealismus in der Außenpolitik ganz allgemein.

Ganz unabhängig vom Sachverhalt jedoch finde ich den Ton der Debatte unerträglich, widerlich, populistisch, hämisch, und weit jenseits aller guten Sitten.
Nicht zum ersten Mal, übrigens.

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Sonntag, 9. Mai 2010
Entschuldigung
Hier war lange totale Stille, aber nur, weil mein Leben so umtriebig und aufregend war. Ich habe viel zu viele Nächte zu kurz oder sogar ganz außerhalb meines Bettes verbracht, angefangen bei der Rückreise aus Kinshasa bis heute, bin umgezogen, sitze in einer reichlich leeren Wohnung, und all das war dem Schreiben nicht zuträglich. Aber jetzt, ganz bestimmt, kommt alles wieder in geregelte Bahnen, wobei ich zuerst den Arbeitsrückstand an der Uni aufholen muß. Und ich muß alle meinen schönen Bücher, die ich vier Jahre lang nicht befingern konnte, noch mal lesen.
Erwarten Sie also bitte nicht zu viel von mir. Trotzdem, jetzt werden erst mal die letzten Berichte aus Kinshasa nachgeliefert. Peu à peu.

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Donnerstag, 1. April 2010
Afghanistan?
Wurde aber auch Zeit. Kabul oder Kunduz?
Lieber nicht, Irak oder Somalia wären spannender.
War in Erdkunde immer schlecht, mir egal.

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Created by damenwahl on 2010.04.01, 22:11.

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