Samstag, 29. Oktober 2011
Fortsetzung
Irgendwann kommt der Punkt, wo man über all den Ärger nur noch lachen kann. Wenn einem die Dienstmailadresse einfach mal so gesperrt wird, ohne daß man irgendwas falsch gemacht hätte (It-Tante so: "dies kann auch ohne Ihr Zutun passieren..."), wenn man an Tag 3 im Seminar die Frage nach der Pflichtlektüre nicht beantworten kann (weil vergessen), bei der nächsten Sitzung top vorbereitet ist, aber nicht gefragt wird, bei der darauf nächsten Sitzung hingegen wieder die Hose runterlassen muß (weil unvorbereitet), wen man im Fitti stundenlang auf jedes Gerät wartet, die neue Küchenmaschine untauglich ist, wenn man für 14 Personen einen Tisch reserviert und kurzfristig noch ein paar Leute mehr kommen, wenn man mit der eigenen Forschung nicht vorankommt, auf noch mehr Mails noch weniger Antworten bekommt, wenn "Kaffee"verabredungen erst um 18h auftauchen, Karten plötzlich ausverkauft sind, man fast eine Stunde däumchendrehend auf den Chef wartet und die Zeit mit Kaffee trinken totschlägt und den Sorgen der Kollegen lauscht (während die Diss auf dem Schreibtisch einen Dornröschenschlafe schläft), wenn man seine Küche in kürzester Zeit komplett zugesaut hat, weil die Fähigkeit, einen Löffel FESTzuhalten plötzlich weg ist, wenn man - kaum daß sich eine Baustelle beruhigt die nächste auftut- , wenn man außerdem am Samstag morgen ohne Zigaretten im Büro steht, was nicht schlimm ist, weil man im Laufe der Woche andauernd viel wichtigere Dinge vergessen hat, aber doch ärgerlich, weil man noch ein bißchen was arbeiten wollte ...

.... dann ist es Zeit für einen Prosecco um drei Uhr nachmittags, und dafür, über all das Elend eine Runde zu lachen. Das Gute an 30+ ist: man weiß, es wird auch wieder besser. Vielleicht schon heute.

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Sonntag, 23. Oktober 2011
Kennen Sie...
... diese Phasen, wo einfach alles schiefgeht? Man bemüht sich ganz besonders, alles gut und richtig zu machen, aber es gelingt einfach nicht. Nicht im Job, nicht unter Freunden, nicht mal in der Küche.

Die Arbeit ist ein Hamsterrad, panisch wie Kaninchen vor Schlange beobachtet man die Mailbox, stets in Erwartung der nächsten Problemnachricht, derer man sich annehmen muß und mit drei verschiedenen Jobs ist die Liste der zu erledigenden Aufgaben eine vielköpfige Hydra. Vor lauter Stress ist man dann eine dieser permanent hektischen, angespannten, latent aggressiven Personen, mit denen verständlicherweise niemand etwas zu tun haben will (ich würde mir selbst gerade auch eher ausweichen), und da kann es nicht überraschen, daß gute Bekannte ihre Zeit lieber anderweitig verbringen wollen - wer will schon mit einem Pulverfass gemütlich Wein trinken? Wer keine Freunde hat, muß sich das Wochenende alleine schön machen, aber sogar da wartet nur Ärger: die hervorragend gelungenen Macarons von vor vier Wochen waren wohl weniger meinen wundersamen Konditorenkünsten geschuldet, als dem Zufall. Zweiter Versuch kläglich mißlungen. Das indische Hühnchen (glücklichmach-Essen) auch.

Das einzig Gute in diesen Tagen ist das scheußliche Wetter, da muß ich wenigstens kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mich in meiner Höhle verkrieche, schnulzige Liebesfilme schaue, zähe, klebrige Macarons vom Backblech kratze und darauf warte, daß bessere Zeiten kommen. So, wie: noch mehr Arbeit (bis Weihnachten), Bälle in Wien (Partner vom letzten Jahr hat bereits abgesagt), Kieferoperation (November). Ich bleibe vielleicht doch noch etwas länger im Bett - so bis März.

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Mittwoch, 28. September 2011
Hausfraulich
Die Schweiz bietet mancherlei Vorzüge, je nachdem wen man fragt auch in erstaunlicher Vielfalt. Der geschätzte Herr Nachbar erfreut sich an der Existenz von Franken und Banken, andere loben deren besondere Nummernkonten und Steuersätze. Mancher Kollege begeistert sich vor allem für unzählige Berge, die man rauf- und runterlaufen kann, mit und ohne Ski, während mir schon der Anblick von Kühen und Bimmelglöckchen das Herz erwärmt. Da ich aber tendenziell der Aufnahme von Kalorien mehr zugetan bin als deren Verbrennung, kann ich auch der Schweizer Küche einiges abgewinnen. Namentlich Käsefondue (bevor ich hier verschwinde, werde ich einen dieser roten Töpfe kaufen) und Luxemburgerli. Andernorts bekannt als Macarons.

Diese köstlichen kleinen Kekse, nein – Kekspralinen, habe ich häufiger in der Auslage am Flughafen gesehen und wäre niemals auf die Idee gekommen, sie zu kaufen, lebensmittelfarbenbunt und bröseltrocken, wie sie da lagen. Dann jedoch standen sie eines abends bei Bekannten nach dem Essen auf dem Tisch und eine ganz neue Dimension von Genuß tat sich mir auf. Was staubtrocken und knüppelhart aussah, zerging zart auf der Zunge wie Baiser, und die Cremefüllung war eine Wucht.

Völlig hingerissen wollte ich bei nächster Gelegenheit selber zuschlagen und mußte feststellen, daß die kleinen Kekse sündhaft teuer und zum Export völlig ungeeignet sind (weil schnell verderblich). Ein einziges Mal habe ich mir eine Packung gegönnt: 16 Kekse, 18 Franken. Auf den Gedanken, eine solche Köstlichkeit selbst fabrizieren zu können, wäre ich nie gekommen.

Bis ich nach längerem Aufenthalt in Deutschland ohne eigene Küche (=Kochentzug) und kürzlichen Erfolgen am Herd mit neuen Rezepten zufällig auf eine Anleitung bei der ZEIT stieß. Angefixt suchte ich mir ein besser geeignetes Rezept (gewissermaßen die Variante für Dummies) heraus, kaufte eine Küchenwaage und Spritztülle (ich! die ich sonst alle Mengen über den Daumen peile), und machte mich ans Werk. Der Zeitpunkt war günstig, sollten sie gelingen, wären sie ein prima Mitbringsel für anstehende Besuche, und wer nicht wagt, der kann bei diesen Preisen keine Macarons essen (wobei ich ganz klar vor allem vom Eigeninteresse geleitet bin - ich werde diesen Winter Macarons backblechweise essen, jawohl!)

Das Ergebnis ist durchaus noch verbesserungswürdig, ich denke, etwas mehr Eischnee würde die Baisers noch fluffiger machen. Früher aus dem Backofen holen würde auch nicht schaden.



Auch die Schokocreme ist relativ fest geraten, und nächstes Mal werde ich die Reste nicht weglöffeln, sondern noch mehr auf den Keksen verteilen.



Von der unendliche Vielfalt an Sorten und Farben und Geschmäckern, die ich noch probieren kann, gar nicht zu reden. Aber für den ersten Versuch, ganz hübsch. Für die liebste Freundin, am Wochenende.

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Freitag, 23. September 2011
Kundenunterschiede
Der Deutsche ist ja bekanntlich ein sehr sensibler Supermarktkunde. Für zwei Pfennig Preisunterschied geht er statt zu R*we zum Ed*ka, und für drei fährt er sogar zum Discounter ins Industriegebiet hinaus. Er kauft Duschgel palettenweise, so es dafür Mengenrabatt gibt, und stürzt sich auf rabattierte, weil abgelaufene Lebensmittel, wenn er sie bekommen kann. Da muß man als LeMi-Anbieter vorsichtig sein und so beflissen wie möglich, und so billig wie möglich.
Bei meinem ersten Auslandsaufenthalt dachte ich noch: wie teuer hier alles ist! Beim zweiten ebenfalls, beim dritten dämmerte mir: nicht Österreich und die USA sind teuer - Deutschland ist einfach billig. Weil die Kunden so sensibel auf Preise reagieren. Das muß man nicht gut finden, ich bin genug eingeschweizert, um für Qualität zahlungswillig zu sein, und wünschte, mehr Menschen dächten wie ich, aber am Ende, so zeigt sich, bin ich doch sehr deutsch.

Schweizer sind da anders. Nie kämen sie auf die Idee, für 40 Euro Ersparnis 30 km über die Grenze zu fahren (na gut, bis vor kurzem jedenfalls nicht), Discounter sind ohnehin pfui, nur für Unterschichten und seiner LeMi-Kette ist der Schweizer treu, habe ich mir sagen lassen. Entweder man geht immer zu C*op, oder immer zur Migr*s. Ich als Deutsche fühlte mich da ungebunden, beide liegen günstig auf dem Heimweg, beide bieten ähnliche Waren (aber viel weniger Dosenfrass und Tütensuppen als deutsche Märkte) - meist habe ich spontan entschieden. Möglicherweise hatte ich eine kleine Vorliebe für den C*op, weil das Obst mir besser gefiel, die Joghurtdeckel praktischer sind, und man dort Wein bekommt. Vielleicht, ganz vielleicht hatte ich auch einfach etwas weniger Sympathie übrig für den anderen Laden, der systematisch keine Alkohol anbietet - in der Medina von Marrakech verstehe ich das, hier eher weniger.

Ab heute jedoch werde ich beim C*op nur noch das nötigste einkaufen, also den Wein. Diese deutsche Kundin nämlich hat sich geärgert. Vor längeren Abwesenheiten hamstere ich immer haltbare Lebensmittel, so daß ich, sollte ich erst nach Ladenschluß wieder in der bergigen Heimat eintreffen, trotzdem ein Frühstück und ein Abendessen machen kann (auswärts essen ist im Budget nicht vorgesehen und außerdem ist es ein schönes Gefühl, zu vollen Schränken heimzukehren). Das Aufbackbrot jedoch, bei der Heimkehr einen Tag vorm Ablaufdatum: übel verschimmelt. Und am übernächsten Tag, die gerade erst gekaufte Nektarine ebenfalls. Einen Einzelfall hätte ich ignoriert, zwei nicht. Das Brot trug einen fetten C*op-Aufdruck, die Nektarine sogar das Kleberchen mit dem Datum - allein es half mir alles nichts, da ich keinen Einkaufszettel vorlegen konnte. Auch die sonst so erfreuliche Schweizer Freundlichkeit war wie weggeblasen, jedenfalls erinnere ich mich an nichts, was nach Ausdruck des Bedauerns klang (dabei hätte das nicht mal was gekostet).

Auch das schöne Weinregal tröstet mich über diese Enttäuschung nicht hinweg, nur leider kann ich darauf nicht verzichten - aber ich kann meine sonstigen Lebensmittel zukünftig in der Migr*s kaufen. Nicht, daß das C*op sonderlich jucken würde, fürchte ich, aber das: ist eine Frage des Prinzips.

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Freitag, 22. Juli 2011
Einmal Bregenz
Manche Menschen nennen die Bregenzer Seefestspiele in einem Atemzug mit Bayreuth. Manche Menschen meinen, auf Bregenzer Karten müsse man auch ewig warten. Oder nach Bayreuth könne man einfach mal so fahren. Beide liegen völlig falsch: Bregenz verhält sich zu Bayreuth wie Hollywood-Kitsch zu Programmkino. Oder ein Fußballspiel zu einer Ballettaufführung. Nun habe ich Bayreuth in meinem jungen Leben noch nicht erlebt und halte mich daher mit einer Bewertung zurück, aber Bregenz, dazu habe ich nunmehr eine Meinung.

Keineswegs habe ich den Besuch der Premiere von Umberto Giordanos „Andrea Chénier“ diese Woche dort forciert, es ergab sich eher so, und wenn Opernaufführungen quasi meinen Weg kreuzen, sage ich nie nein. Als quasi ortskundiger Teilzeit-Schweizer rechnet man natürlich mit strömendem Regen. Bei zwölf Grad Außentemperatur ist man weiterhin gut beraten, den Wintermantel aus der sommerlichen Versenkung hervorzuholen, außerdem Schals und warme Pullover. Sogar die Stiefel mit den Lammfelleinlagen hatte ich vorsorglich angezogen – und völlig zu recht. Ich war dankbar für jedes einzelne Teil und die Entscheidung, lieber häßlich & warm als schick & kalt zu sein.

Zunächst jedoch kam die Werkseinführung, erfreulicherweise noch in geschlossenen Räumen. Ein Praktikant von Regieassistent erklärte all jenen, die es für überflüssig halten, vorher ein Textbuch zu lesen, die Handlung, garniert mit ein wenig Geschichtswissen auf 7.Klasse-Niveau. Danach eine Runde Oligarchen-Gucken neben dem roten Teppich, während eine österreichische Freundin mich über die Bedeutung dieses Abends (nur alle zwei Jahre!) für das gesellschaftliche Leben der Donaurepublik informierte. Ich persönlich würde ja weder Geld für einen Flug Schwechat-Altenrhein noch 270 Euro für eine Karte in der Festspielloge ausgeben, aber diese Ansicht wird von Wienern offenbar nicht geteilt.

Da der Regen nicht aufhören wollte, und ich mein sensationelles Wachs-Käppie zuhause nicht hatte auftreiben können, erwarb ich einen überaus kleidsamen Plastiksack Regenponcho, dann bezogen wir unsere Plätze auf den billigen Rängen. Niemals würde ich mir eine Plastiktüte ohne äußerste Notwendigkeit über den Kopf ziehen, aber auch damit stand ich allein auf weiter Flur und fortan raschelte und knisterte es fröhlich um mich herum im aufkommenden Abendlüftchen am Bodensee. Das Panorama ist unbestreitbar eine Wucht, und wuchtig war auch das Bühnenbild. Ein beturbanter Torso im Wasser hängend, in der Hand eine bewegliche Platte als Bühne, dazu sich am Hals hochwindende Treppen. Der Torso, das sollte Marat in der Badewanne sein, in Anlehnung an das bekannte Gemälde eines großen Übeltäters, aber ich befürchte, diese subtile Anspielung dürfte an das Publikum verschwendet gewesen sein – sofern man nicht in der Werkseinführung ein paar Happen für Bildungsprotzer aufgeschnappt hatte. Der Toile de Jouy darüber hingegen gefiel mir gut, sowas hätte ich gerne mal für meine Wände. Vielleicht kann ich in zwei Jahren in Bregenz einen Restposten beziehen?

Bregenz kommt natürlich nicht ohne große Action und viele Menschen aus, eine Hundertschaft Statisten muß es schon sein, ein paar Moderntänzer gerne auch, und so gab es manche Akrobatikeinlage (Verzeihung: „aerial acrobatic performers“ lautet die korrekte Bezeichnung gemäß Besetzungsliste), deren tieferer Sinn jenseits des spektakulären Effekts mir verborgen blieb. Die Symbolik kam überhaupt mit der Brechstange daher: Messer klappten hoch beim Todesurteil vorm Revolutionstribunal, der personfizierte Tod mit seiner Sense schipperte auf einem Nachen rund um den Torso und sammelte pathetisch kampfes- und revolutionswillige Jünglinge ein, Nadeln stachen von innen aus dem Marat-Kopf hervor, Blut troff aus der Nase, und als furioser Höhepunkt wurde der ganze Kopf im 3. Akt nach hinten aufgeklappt. 60 Tonnen (die Werkseinführung!) Hollywood-Action.

Abgesehen davon, daß ich zu jener antiquierten Minderheit gehöre, die Oper auch ohne Effekte und aufwendige Kleider mag, mißfällt mir in Bregenz jedoch am meisten, daß der Klang von der Gestik gelöst ist. Die Männchen auf der Bühne sind so winzig, der Schall aus Dolby-Surround ist so diffus, daß man gar nicht recht zuhören kann, weil man permanent damit beschäftigt ist, Klang und Person zu verorten. Wie bei einer Marionette, der die Fäden durchgeschnitten wurden, passt das einfach nicht so recht zusammen für mich. Ohnehin sind mir Mikrophone ein Greuel, weil mir dabei das entscheidende Element einer richtigen Aufführung (im Gegensatz zu CDs oder Filmen) fehlt, und in diesem Fall war die Anlage außerdem noch schlecht justiert. Oder der Dirigent hatte in Ego-Problem. Das Orchester war nämlich definitiv zu laut.

Ich habe im Studium noch gelernt, daß das Orchester in der Oper die Sänger lediglich begleiten und unterstützen soll, aber der moderne Dirigent sieht das – so meine kürzlichen Erfahrungen – nicht mehr so. Bedauerlicherweise mußten die eifrigen Zuhörer daher auf sämtliche Piano-Passagen der Sänger verzichten, da gab es nur eine dicke, kuschelige Orchesterdecke.

Die Sänger jedenfalls waren ganz ordentlich besetzt: die Maddalena (Norma Fantini) hatte ihre große Arie „La mamma morta“ sehr intensiv geübt und wundervoll gesungen – keine leichte Aufgabe, wenn doch jeder bei dieser Szene die Callas innerlich im Ohr hat. Aber das war sehr schön, sehr eigenständig, sehr lyrisch interpretiert. Im übrigen blieb die Sopranistin aber doch etwas blaß, ähnlich wie der Tenor. Aber Tenöre sterben ja ohnehin aus, ein leidiges Thema. Am besten gefiel mir noch der Gérard, ein satter, voller Bariton mit enormem Volumen (sängerisch, nicht physisch, zu letzterem vermag ich aufgrund der Entfernung nichts zu sagen). Die Rolle des Gérard ist mit Abstand die vielschichtigste, interessanteste: Gegenspieler des Liebespaares, und zerrissen zwischen seinen Begierden (Maddalena), seinen Idealen (der Revolution), den Anforderungen der Zeit (Jakobiner). Scott Hendricks war sich nicht zu schade, diese Zerrissenheit auch musikalisch umzusetzen. Mal brachial, mal lyrisch, mal gewalttätig, mal empfindsam, nutzte er alle Möglichkeiten sehr überzeugend, sehr authentisch – dramatische Oper, wie sie sein sollte.

Insgesamt ist mir Giordano auf jeden Fall viel lieber als Puccinis Zuckergußmusik, und allein schon die Aussicht auf den Sonnenuntergang überm See ist es wert, einmal im Leben nach Bregenz zu fahren. Aber nur einmal, das reicht dann auch.

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Dienstag, 5. Juli 2011
Die Individualisierung
Ach! Der Verfall der Gesellschaft im Allgemeinen. Ganz gleich, was die Moderne an materiellen Annehmlichkeiten zu bieten hat, dieses Argument schlägt alles. Von jugendlichen Gewalttätern über böse Investmentbanker ohne Skrupel, von zerschlagenen Gartenzwergen bis hin zu korrupten Politikern: alles gesellschaftlicher Verfall und alles ein Ausfluss der üblen Individualisierung. Jeder kämpft für sich allein. Früher haben Familien und Gruppen noch zusammengehalten und man fühlte sich dem Gemeinwohl verpflichtet. Heute ist alles schlechter.

Kann sein. Ich suche in vielen meiner Studienkollegen vergeblich nach dem protestantischen Arbeitsethos, das meine Eltern mir vermittelt haben. Die eigene Arbeit, das war nicht nur Broterwerb, um ein angenehmes Leben zu finanzieren, es war auch ein Beitrag zum Funktionieren der Gesellschaft im weitesten Sinne – für den Schlachtergesellen ebenso wie für den Arzt. Ich bezweifele, daß die Investmentbanker meines Bekanntenkreises für solche Aspekte besonders empfänglich sind, der höhere Sinn ihres Berufes erschöpft sich für sie in liquiden Kapitalmärkten und effizienter Allokation, bestenfalls.

Andererseits bin ich nicht sicher, ob die Großkapitalisten der industriellen Revolution wirklich so viel altruistischer waren und am Gemeinwohl interessiert. Korruption als Straftat hat keine besonders lange Geschichte: es war früher einfach die Regel und gesellschaftlich kein großer Makel. Man denke nur daran, wie Napoleon seine sämtlichen Geschwister auf europäische Throne brachte, wie Hochzeiten strategisch arrangiert wurden, wie die europäischen Industrienationen die Flächen in Afrika bei der Berliner Konferenz untereinander verschacherten.

Vor hundert Jahren erwarben Kaufleute Adelstitel für ihre Kinder durch geschickte Heiraten bei Mitgiften, heute erwerben sie Doktortitel durch Ghostwriter und Universitätsspenden. Damals wie heute hielten sich die Titelträger für die eigentliche Elite und fühlten sich berufen, die Geschicke des Landes zu lenken -wo ist da der Unterschied? Umgekehrt könnte man auch sagen, es spricht eigentlich für den Fortschritt in unserer Gesellschaft, daß der durch Leistung erworbene akademische Titel vielen heute erstrebenswerter scheint als der Adeltitel. Und daß Korruption immerhin eine Straftat ist.

Vielleicht war die individuelle Moral früher besser. Vielleicht waren aber auch die Maßstäbe ans Wohlverhalten einfach andere und die Informationen schwerer verfügbar, so daß Missetaten nicht so oft, schnell und ausufernd in der Öffentlichkeit breitgetreten wurden. Ich denke zum Beispiel an unmenschliche Erziehungsmethoden in KinderheimenAnstalten für Schwererziehbare, über die sich damals niemand aufregte. So weit her kann es da ja mit der individuellen Moral nicht gewesen sein?

Die Erosion von sozialen Netzen und Gemeinschaften, Nachbarschaften, Familienzusammenhalt – das mag schon zutreffen. Aber dafür haben wir heute staatsfinanzierte soziale Netze, die vieles davon überflüssig machen. Früher mussten Familien nolens volens zusammenhalten, Eltern Kinder ernähren, dann Kinder Eltern ernähren, alleinstehende Onkeln und Tanten gleich mit, es gab ja keine breite Absicherung für alle. In dem Moment aber, wo die wirtschaftliche Notwendigkeit solcher Netze entfällt, sucht man sich vielleicht lieber die Gesellschaft, die einem wirklich behagt – statt an Familienbanden zu hängen, wenn man die heimatliche Provinz als bedrückend empfindet.

Genausowenig braucht man nachbarschaftliche Beziehungen, denn ein Kilo Zucker oder zwei Eier bekommt auch um Mitternacht noch an der Tankstelle und die Pakete kann man auch wochenends aus der Postbox holen. Heute kann sich jeder in totaler Freiheit sein soziales Umfeld selber suchen und das Risiko, mit irgendeinem Lebensentwurf anzuecken, ist viel geringer als früher. Die Möglichkeit, für jede noch so verrückte Neigung gleichgesinnte zu finden, ist hochgradig individuell – und für manche Minderheit sicherlich ein großer Gewinn.

Wir suchen uns die Kontakte, die wir aus Neigung wirklich pflegen wollen, passend zu jeder Lebensphase, alle sehr individuell. Aber ist das zwangsläufig schlechter? Traurig ist es da, wo Brüche am Generationenübergang entstehen: wo alte Menschen alleine zurückbleiben, weil die Jugend weiterzieht, während die alten Leute auf ihre Kinder gezählt haben. Daraus allerdings gleich den Niedergang unserer Zivilisation zu konstruieren, halte ich für übertrieben. Und wer weiß: wenn wir erst mal ganz Europa aufgekauft haben, als Nation Insolvenz anmelden und die staatlichen Sicherungssysteme zusammenbrechen: vielleicht kommt dann ja die schöne alte Zeit der dörflichen oder kleinstädtischen Gemeinschaft wieder, wo man die Nachbarn halbe Tage am Fenster beobachten, ob man auch die Straße pflichtgemäß gekehrt hat und welche Damen wann Männerbesuch hatten.

Auch wenn es an der Gegenwart vieles zu kritisieren gibt, wenn ich mir vieles anders wünsche: so toll war es vielleicht früher auch nicht. Jedenfalls nicht alles. Das muß auch mal gesagt werden.

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Freitag, 24. Juni 2011
Die Moderne - Facebook
Facebook ist keine Firma, für die ich jemals würde arbeiten wollen, ebensowenig wie irgendeine andere Internet-Unternehmung. Andererseits würde ich auch weder für Rüstungskonzerne, noch für BMW, Coca-Cola oder Loréal arbeiten wollen, einfach weil ich mich mit deren Mission oder Geschäftsgebahren nicht identifizieren kann.
Im Facebook-Fall eher das Geschäftsgebahren. Ich weiß, die klauen meine Daten. Sie locken unschuldige, junge Kinder aufs Glatteis, verführen zur völligen Selbstentblößung („Nutze den Freundefinder! (und gib uns bitte Dein E-Mail-Passwort“), sie ändern die Sicherheitseinstellungen und Vertragsbedingungen heimlich und durchs Hintertürchen, seit neuestem wollen sie sogar per Gesichtserkennung meinen Namen an irgendwelche Fotos dranhängen.

Trotzdem kann ich Facebook etwas Gutes abgewinnen: ich behalte nämlich viele Freunde in Reichweite, in Kontaktweite, und manchmal sogar buchstäblich im Auge. Ich sehe, wer schwanger geworden ist und wer geheiratet hat, wer auf welcher Party war und mit wem. Facebook erinnert mich an Geburtstage und so kann ich mir die Mühe machen, der Freundin oder dem Freund ein paar Sätze zu schreiben (allerdings nicht an die Pinnwand, sondern unter vier Augen, im chambre séparée). Wenn ich in Deutschland auf Reisen gehe, muß ich nicht sämtliche 10 mehr oder weniger guten Bekannten vor Ort einzeln anmailen, nach Verfügbarkeit und Interesse für einen Kaffee fragen und mühsam Termine koordinieren. Ich poste den Termin und meinen Kaffeewunsch in den Status, und schon trudeln Angebote ein für Nachtlager, Unterhaltung, und – natürlich – viele Kaffees. Ich muß nicht einmal koordinieren: das ergibt sich ganz von selbst aus der Reihenfolge, in der Freunde meine Ankündigung sehen und antworten.

Vielleicht hätte ich vor 100 Jahren eine schwunghafte Korrespondenz mit spannenden Menschen auf der ganzen Welt oder in ganz Deutschland geführt (so ich hätte lesen und schreiben können, Geld für die Beförderung gehabt und überhaupt es überhaupt zu Bekanntschaften außerhalb der Dorfgemeinschaft gebracht hätte). Vielleicht hätte ich mir tatsächlich die Zeit genommen, Seite um Seite handschriftlichen zu füllen – vielleicht wäre ich aber auch im Briefeschreiben so maulfaul gewesen wie meine Generation mailfaul ist. Ich habe exakt eine Freundin mit der ich wesentliche Inhalte gelegentlich per Mail kommuniziere - ansonsten beschränken wir uns auf wenige Sätze und telefonieren oder skypen.

Prinzipiell wäre ich durchaus willens, auch längere Mails zu schreiben, aber da mir selten jemand vergleichbar ausführlich antwortet, hätte ich vermutlich bald die Lust verloren und damit über kurz oder lang auch die Beziehung zu Menschen, die weit weg sind. Ich habe viele spannende Menschen getroffen, spannend genug jedenfalls, sie gerne wiedersehen zu wollen. Gleichzeitig war es nicht immer möglich, einen so innigen Kontakt herzustellen, daß er auch bei Entfernung und Kommunikationshürden getragen hätte. Nun kann man sagen: die brauche ich dann auch nicht als Freunde. Man kann aber auch sagen: Facebook ermöglicht mir, den Kontakt mit diesen Menschen über einen dünnen Faden aufrecht zu erhalten. Es ist eine kleine Bereicherung, die es ohne Facebook und Skype nicht gegeben hätte und die ich – trotz der mangelnden Innigkeit – schätze.

Ich muß solchen Datenkraken nicht mehr Informationen zum Fraß vorwerfen als unbedingt nötig. Das ist immer noch weitgehend meine eigene Entscheidung, und die in dieser Hinsicht nachlässigere Jugend muß meine Meinung nicht teilen. Regelmäßig hyperventilieren die Medien: Personaler machen sich in sozialen Netzwerken über Bewerber schlau! Das ist natürlich nicht schön, und wer zwanzig Bilder in halbnackter Pose mit Bier am Swimming-Pool postet, empfiehlt sich damit nicht unbedingt für verantwortungsvolle Positionen. Andererseits: wenn es nur genug Leute so machen, dann wird es irgendwann normal und kein Kriterium mehr sein. Mal ehrlich: wer hat es nicht in seiner Jugend ein paar Mal krachen lassen? Und wer hat nicht schon mal gedacht: Mieser Arbeitstag im Büro und der Chef ist ein dummer Hund?

Wer weiß, wenn die Personalrekruteure dieser Welt irgendwann begreifen, daß jeder so etwas schon mal gedacht hat, weil jeder es irgendwann mal auf Facebook niederschrieb – vielleicht wird die Welt tatsächlich ein bißchen ehrlicher? Wohlgemerkt: ich schätze meine Privatsphäre sehr, hier wie anderswo im virtuellen und realen Leben, ich hüte und schütze sie und wundere mich manches Mal über die Auslassungen anderer in aller Öffentlichkeit. Aber jene, die soziale Netzwerke auf Selbstentblößung ohne gesellschaftlichen Mehrwert reduzieren und immer nur der schönen alten Briefzeit nachweinen, ignorieren die guten Seiten. Da muß man auch mal gegenhalten.

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Donnerstag, 28. April 2011
Brillenproblem...
... gelöst! Nach all dem Drama mutet die Lösung geradezu lächerlich an, aber wen schert das schon, solange die Optik stimmt? Oder besser: das Preis-Leistungsverhältnis. Und das kam so: nach drei Wochen grübeln fand ich immer noch 500 Euro für eine Alltagsbrille zu teuer - so oft scheint die Sonne hier leider nicht, und falls doch, sitze ich meistens gerade im Büro. 150 Euro (ohne Spezialgläser für mit Kontaktlinsen tragen) fand ich auch zu teuer - angesichts der maximal 20 Tage im Jahr, die ich Linsen benutze.

Heute Abend dann in Kauflaune erneut in den Laden, weil ich so unbedingt! jetzt! sofort! eine braune, große Sonnenbrille haben wollte. Im Zweifel auch ein nicht ganz so luxuriöses NoName-Gestell, wenn es denn dafür weniger als 100 Euro gekostet hätte. Am Ende stand ich mit der Wunschbrille in der einen und einer günstigeren Alternative in der andere Hand vorm Spiegel, schön nah am Glas, Maulwurfkneifaugen, um mich selbst zu erkennen, überlegte hin, überlegte her. Setzte meine normale, randlose Brille auf. Zog die Wunschbrille drüber -

sitzt.

Skurrilerweise passen wirklich beide gleichzeitig problemlos auf mein breites Näschen. Klar, ohne ist immer noch besser, aber die eigentliche Brille sitzt trotzdem völlig normal unter der Sonnenbrille, ist mein Eindruck. Und damit, Herrschaften, ist aus der 150-Euro-15-Tage-Brille eine 150Euro-200-Tage-Brille geworden - und meine Welt wieder in Ordnung. Meine Freude wiederum war so offensichtlich, daß ich sogar die Verkäufer angesteckt habe. Gute Tat für heute inklusive.

Hoffentlich regnet es morgen nicht.

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Montag, 25. April 2011
Knick in der Optik
Ich muss acht oder neun Jahre alt gewesen sein, als Freunde meiner Eltern sich bei irgendeinem Besuch nach der Schule erkundigten, wie man das so tut. Ich mochte Schule damals wie später im Prinzip ganz gerne, es gab schließlich viele spannende Dinge zu lernen, allein: die Schrift der Lehrer. Ich las gerne und viel, Schreib- und Druckschrift, aber irgendwie, so erklärte ich den Erwachsenen, würden die Lehrer inzwischen viel schlechter schreiben als noch in der ersten Klasse. Unordentlicher und so.

Tage später schleppte meine Mutter mich zum Optiker: das Kind stellte sich als kurzsichtig heraus. Meine erste Brille hatte einen grün-rot-blauen Rahmen, den ich so toll fand, daß ich zwei Jahre später das gleiche Modell noch einmal wählte. Heute würde ich meine Mutter gerne fragen, wie sie diese Scheußlichkeit zulassen konnte, aber fraglos erfüllte das Ding seinen Zweck. Ich erinnere mich noch, wie ich in meinem Kinderzimmer am Fenster stand und feststellte, daß ich jedes Blumenblatt in Nachbars Rabatten erkennen konnte. So scharf! So klar! Die Welt sah plötzlich ganz anders aus und ich war begeistert.

Im Laufe der Jahre gab es etliche Kontaktlinse-Episoden, aber angesichts langer Tage vor dem Bildschirm trage ich schon seit Jahren wieder meistens Brille, außer beim Ausgehen und Sport. Ich kann ohne Brille nicht mal ein Buch lesen, ich würde meine eigenen Eltern nicht erkennen, im Winter ist das Ding beschlagen, im Sommer hantiere ich mit zwei Brillen, und ohnehin dauernd kämpfe ich gegen Patschflecken auf dem Glas – kurz: es ist ein Kreuz. Ich träume von einer Existenz ohne Komplikationen, bin aber zu risikoscheu (und geizig), um zu diesem Zeitpunkt eine Operation zu erwägen. In einigen Jahren, wenn ich Geld haben werde, setzt vermutlich bereits die gegenläufige Altersweitsichtigkeit wieder ein, dann brauche ich es nicht mehr. Egal, manche sagen, ich sehe klug und apart aus mit Brille, und ohnehin nutzt es nichts, über unabänderliche Gegebenheiten zu jammern.

Im Moment jedoch leide ich wieder einmal besonders: ich brauche nämlich eine neue Sonnenbrille. Gerne hätte ich einen dieser großen Fliegenaugenbrummer, allein: so einfach ist das nicht. Ich hätte das Ding nämlich gerne mit Gläsern in meiner Stärke und das ist nicht trivial, wenn man ein multimorbider blinder Fisch ist.

Option 1 habe ich vor Jahren probiert und mir normale, getönte Brillengläser in ein altes Brillengestell einsetzen lassen. Dafür mußte selbiges geradegebogen werden, damit der Blick geradeaus durch die Gläser geht. Danach bekam ich von der Konstruktion regelmäßig Kopfschmerzen und so ist es vielleicht nicht schlimm, daß ich das Ding auf meinen weitläufigen 20 qm trotz aller Bemühungen nicht finden konnte.

Bleiben Optionen 2 und 3: ich könnte ein normales, ohnehin gerade Brillengestell wählen, das halbwegs nach Sonnenbrille aussieht und normale Brillengläser kaufen. Kostenpunkt 240 Euro. Ein mäßiger Kompromiss, denn eine normale Brille sieht nun mal nicht so cool aus wie eine modische Sonnebrille. Oder ich könnte das Gestell meiner Wahl nehmen und spezielle Sportgläser für mich schleifen lassen. Die wären bausteindick (je größer das Glas desto dicker der Rand, habe ich gelernt), ich müßte mich also in die oberen Luxusklassen der Brillenglasschleifkunst begeben und an die 500 Euro investieren. Was mir sehr viel scheint. Dafür könnte ich ja auch genauso gut Variante 2 wählen und noch eine coole Sonnenbrille. und diese ohne Spezialgläser mit Kontaktlinsen tragen.

Dafür spräche, daß ich die Sonnenbrille vor allem trage, wenn ich am Wochenende unterwegs bin, Strand, Sommer, Sonne, Freizeit. Dauernd mit zwei Brillen hantieren zu müssen (rein, raus, auf, ab) nervt mich ohnehin, also wäre es gar nicht dumm, bei solchen Anlässen öfter die Kontaktlinsen zu benutzen. Andererseits trage ich seit drei Jahren wirklich fast immer Brille – das spräche also für Variante 3, da hätte ich dann genau das, was ich will.

Seit Wochen nun klappere ich Optiker ab. Die Kette meines Vertrauens schafft es ohnehin nicht, die Gläser in meiner Stärke zu schleifen. Der High-End-Optiker vor Ort schon, und der ist sogar ausnahmsweise mit den genannten 500 Euro günstiger als der High-End-Optiker daheim in Deutschland. Die Kompromissbrillen gefallen mir eigentlich alle nicht so toll und 300 Euro für einen Kompromiss kommen mir schwachsinnig vor. 500 Euro für ein Accessoire hingegen irgendwie erst recht. Teufel auch, ich weiß beim besten Willen nicht, was ich machen soll, aber irgendeine Lösung muß her: sonst bekomme ich demnächst Falten vom Blinzeln gegen die Sonne, und das geht wirklich gar nicht.

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Freitag, 22. April 2011
Wie man einen guten Tag verbringt
Der gute Tag beginnt bereits am Vorabend, wenn man rechtzeitig daran denkt, den Wecker für morgens um sieben Uhr auszustellen, das gelingt nicht immer, ist aber eine wesentliche Voraussetzung für einen guten Start in einen guten Tag. Dann nämlich wird man erst um 10h vom Telefon geweckt, wenn Freunde anrufen, um die Uhrzeit für einen sommerlichen Ausflug an den See zu koordinieren. Die verbleibenden zwei Stunden bis dahin kann man nutzen, um ein frisches Brot fürs Frühstück zu backen und auf der Fensterbank sitzend einen Kaffee zu trinken, während man leise die Kuhglocken am Berg bimmeln hört.

Die nächste wichtige Entscheidung ist, den Bikini unter Shorts und Shirt drunterzuziehen. Im Vorjahr hat man es in vergleichbarer Situation später bitter bereut, nicht einfach ins kühle Wasser springen zu können (mangels passender Bekleidung) und daher aus dem Fehler gelernt. Gut, die angekündigten 14 Grad Wassertemperatur sind nicht so verlockend, aber man weiß ja nie.

Mit guten Freunden macht man einen Abstecher zur Tankstelle und kauft ein paar Dosen kühles Bier und Wasser, aber solange die Sonne über Mittag brennt, setzt man sich in ein Restaurant und ißt noch einen Happen. Notfalls einen Geselligkeitshappen, falls das Frühstück kaum eine Stunde zurückliegt. Rechtzeitig vor dem nachmittäglichen Kundenansturm findet man sich am Bootsverleih ein und strampelt danach aufs Wasser hinaus, aber nicht zu weit, wir sind schließlich zum genießen und trinken dort, nicht für die körperliche Ertüchtigung. Das Wasser ist wirklich bitterkalt erfrischend, aber das hält ein wahres Nordlicht nicht ab: der Sprung (jawohl, gesprungen!) ins Wasser ist die beste Entscheidung des Tages überhaupt. Schimpft man die faul herumsitzenden Männer Feiglinge, hat man auch bald Gesellschaft im Wasser, denn das können wahre Männer nicht auf sich sitzen lassen. Und gemeinsam schnappt es sich viel besser nach Luft vor Kält, während die Lippen blau anlaufen. Und die Sonne danach ist noch viel schöner und wärmer. Nur gute Seiten, die Tat.

Später gibt es Eis (Walnuß und Straciatella, Riesenkugeln), rumliegen auf eine grünen Wiese, leutegucken und noch mehr Sonne, während der Bikini wieder trocknet, so daß man ganz ohne unschöne nasse Flecken auf der Hose am Spätnachmittag den Heimweg antreten kann. Es ist gewagt, aber nachdem der Tag so wunderbar war, kann man ruhig ein Risiko eingehen und das Abendkleid in die Waschmaschine packen (Sie erinnern sich vielleicht? 55 CHF für die Reinigung finde ich immer noch unverschämt). Der Höhepunkt des Tages jedoch, bevor man mit selbstgebackenem Flammkuchen und Martini auf dem Sofa ins Urlaubskoma fällt, kommt völlig unerwartet: ein Anruf. Vom längst abgeschriebenen Tischherrn, der im Juni ohnehin in der Gegend ist und gerne vorbeikommen möchte. Warum nicht gleich so?

Warum nicht immer so?

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