Reisebekanntschaften
Eine der guten Seiten an infernalischen Reisebegebenheiten wie meinem Heimflug ist die engere Bekanntschaft mit Menschen, mit denen man sonst niemals ein Wort gewechselt hätte. Zum Beispiel die kongolesische Maman, die mir erst den Platz wegnahm ( free seating, today) und danach die endlosen Wartezeiten Spitzendeckchen-häkelnderweise rumbrachte. Oder die Französin in meinem Alter, mit dem sicherlich fünfzehn Jahre älteren afrikanischen Ehemann und den beiden entzückenden kleinen Jungs, die ich sogar dann noch reizend fand, als sie längst schon ohne Unterlaß brüllten vor Müdigkeit und Irritation. Der Papa so liebevoll, die Mama so geduldig und die Jungs so niedlich, daß ich sie am liebsten geklaut hätte.
Die beiden afrikanischen Mitreisenden, mit denen ich im Frühstücksraum ins Gespräch kam, alle Sorgen eines langen Wartetages und ein Auto zum Flughafen teilte, um den Rest des Tages wie die Spatzen auf der Stromelitung aufgereiht auf dem stillstehenden Gepäckband wartenderweise hockte. Wir jammerten ohne Unterlaß, lachten ungläubig über die Unfähigkeit von Ethiopian und bewachten bei Besorgungen gelegentlich gegenseitig unser Gepäck. Der eine kam vom Einkauf beim Kiosk wieder und brachte jedem eine Packung Kekse und eine Dose Cola mit – kleine Freundlichkeiten unter Leidensgenossen, die ich sicher nicht vergessen werde.

Am bemerkenswertesten jedoch waren die beiden jungen Männer, die auch nach Frankfurt wollten. Der eine von Geburt Kongolese und mit dem Aussehen einer kleineren Ausgabe des Mr. T aus dem A-Team. Der andere ein braver deutscher Bengel, blond, Anfang dreißig, in schreiend-buntem Hawaihemd, Jeans und Turnschuhen. Höherer Angestellter bei der allseits geliebten Deutschen Bahn. Schon im Flugzeug, während der ersten Warteetappe kamen wir ins Gespräch, während wir uns beide im Galley-Bereich die Beine vertraten, aber erst sechs Stunden später bei einer Zigarette vor der Immigrationskontrolle machten wir uns näher bekannt. Wir plauderten über meine Arbeit, er fragte sehr interessiert nach meinen Erfahrungen und als ich dann freundlich das Interesse erwiderte und mich nach seiner Reise erkundigte, verkündete er, er habe geheiratet. Im Kongo. Er sei also zum ersten Mal für drei Wochen im Land gewesen. Das Abziehbild von Mr. T und er seien nämlich alte Fußballkumpels und irgendwann habe er sich - aus unerwähnt gebliebenen Gründen - von seiner damaligen Freundin getrennt und dann übers Internet und Telefon die Schwester von Mr. T kennengelernt. Auf diesem Kommunikationsweg sei man füreinander entflammt, und nun habe man geheiratet, in Kinshasa. Mit einer Ministerperson als Trauzeuge, und im Beisein der gesamten kongolesischen Familie und großem Aufwand. Er zeigte ein Din A 3 großes, kitschiges Fotoalbum her, daß er die ganze Zeit unterm Arm trug und ich konnte Fotos der durchaus feudal ausstaffierten Feierlichkeiten, eines glücklichen Bräutigams und einer ausnehmend schönen, aparten junge Frau besichtigen. Dunkle Anzüge, pastellfarbene Kostüme, zarte Hutkunstwerke, Sektgläser und alles. Wo denn aber die Braut sei, wollte ich gerne wissen? Die müsse nun leider als Ausländerin auf ihr Visum warten, seine Aufgabe sei es, zu Hause den Papierkrieg und die Nachholung der Glücklichen einzuleiten. Deutsch lerne sie allerdings schon, in Erwartung der Übersiedlung, mit der man in ungefähr sechs Monaten rechne. Mr. T stand daneben, nickte zustimmend und immer noch sehr angetan von der ganzen Angelegenheit. Ich drückte ausreichendes Bedauern für die anstehenden Schwierigkeiten aus, wie auch für das unrühmliche Ende dieser ansonsten so freudigen Reise. Konnte aber nicht umhin, mich zu wundern.

Ich meine: das machte alles wirklich nicht den Eindruck einer um der Staatsbürgerschaft arrangierten Heirat, aber zum Teufel: wie kann man jemanden heiraten, den man noch nie gesehen hat? Ich verstehe durchaus, daß man sich auch übers Internet verlieben kann (Kandidaten, die sich in meine grandiosen Blogbeiträge verliebt haben, dürfen sich gerne melden, bmB), aber dann trifft man sich doch vielleicht erst mal? Verbringt möglicherweise wenigstens ein oder zwei Urlaube miteinander, wenn denn die Entfernung dem probeweisen Zusammenleben unüberwindbare Hindernisse entgegenstellt? Es will mir schlicht nicht eingehen, wie jemand mit Universitätsabschluß und scheinbar völlig normalem Leben ohne sofort offensichtliche Absonderlichkeiten im Verhalten sich über die moderne Telekommunikation in eine Frau verlieben und schwuppdiwupp in den Kongo zur Heirat fliegen kann. Echt nicht.

Aber eine Bereicherung meiner Reiseerfahrungen war es auf jeden Fall, wir haben uns nett die Wartezeiten vertrieben (und davon hatten wir ja reichlich). Ich bereue inzwischen, daß ich das Fotoalbum nicht ausführlicher in Augenschein genommen habe, aber dafür war ich zu unruhig und gedanklich nicht frei genug, in dem Moment. In Addis haben wir uns am Transferschalter aus den Augen verloren, die beiden haben vermutlich vom Hotelangebot Gebrauch gemacht und sind erst später weiter nach Europa geflogen. Und ich sitze in der Schweiz und frage mich zuweilen, was wohl auch den vielen lieben Mitreisenden geworden ist.

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alterbolschewik, Samstag, 22. Mai 2010, 23:47
Ich lese das hier (seit der Don auf den Container-Eintrag aufmerksam gemacht hat) jetzt schon seit einiger Zeit mit. Und ich wollte hiermit eigentlich nur meine Anerkennung für die gut geschriebenen, interessanten, unterhaltsamen und oft genug lehrreichen Beiträge ausdrücken. Wenn sie sonst nichts bewirkt haben, dann zumindest dies, daß sie meine Vorurteile, im Bereich der Wirtschaftswissenschaften (so ich denn Ihre Tätigkeit richtig eingeordnet habe) würden nur Vollpfosten rumrennen, etwas revidiert haben.

damenwahl, Sonntag, 23. Mai 2010, 11:31
Lieber alterbolschewik, ich freue mich über die netten Worte, und kann Ihnen nur zustimmen: es gibt viele Vollpfosten unter den Wirtschaftswissenschaftlern, aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.