So fern und doch so nah
Meine Eltern waren immer sehr darauf bedacht, ihren Kindern nur pädagogisch wertvolle Lektüren angedeihen zu lassen. Vor einigen Jahren habe ich mit meiner Schwester zusammen auf dem Dachboden gesessen und Kisten sortiert: fünf mit eben jenen wertvollen Büchern (oder solchen, die wir einfach toll fanden), weitere fünf mit unzähligen „Bille und Zottel“, „Tina und Tini“ und „Hanni und Nanni“ Schund. Ich kann mich nicht präzise erinnern, aber ich nehme an, daß „Die Wolke“ und „Die letzten Kinder von Schewenborn“ in den Kisten zugunsten unserer zukünftigen Kinder gelandet sind, weil wertvoll. Wenn, dann allerdings sicher mit Zögern – als Kind nämlich, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, fand ich beide Bücher ganz schrecklich.

Es war sicher schon einige Jahre nach Tschernobyl, die Katastrophe selbst ist ebenso wie der Mauerfall an meinem kindlichen Gemüt vorbeigegangen. Aber so ein Buch vergißt man nicht. Schon damals war mir irgendwie klar, daß es sich um wertvolle Literatur handelt und ich das Werk eigentlich gut finden sollte, um als intelligente junge Dame zu gelten. Vermutlich habe ich mich auch dahingehend geäußert – tatsächlich aber fand ich es einfach nur fürchterlich. Gruselig. Beängstigend. Und kein bißchen berührend. Das war nicht meine Realität.

Schon dieser Name: Janna-Berta. So hießen Kinder nicht. Blöder Name. Dann, daß die Eltern nicht da waren, um sich um ihren Nachwuchs in Krisensituationen zu kümmern – kam mir auch völlig unrealistisch vor, und auch beängstigend. Ich erinnere mich ganz vage an eine Szene auf einer Autobahn, ich hatte schon nicht richtig begriffen, warum die Kinder überhaupt mit Fahrrädern auf der Autobahn unterwegs waren (verboten! hatte ich im Fahrradkurs gelernt!), noch viel weniger verstand ich allerdings, warum sich niemand um die beiden kümmerte. Und warum es auf der Autobahn nicht weiterging mit Autos. Staus, ja, das kannte ich, aber Staus über Tage? Völlig absurd, das gab es doch gar nicht. Jedenfalls nicht in meiner Welt. Einerseits war das alles zwar ziemlich realitätsfern aus der Perspektive einer wohlbehüteten Tochter – andererseits aber auch sehr bedrohlich. Ich hatte Angst vor solchen Szenarien und dolles Mitleid mit den Kindern, häßliche Namen hin oder her. Die Identifikation jedoch blieb aus, ich fand das Buch diffus bedrohlich, aber nicht berührend.

Am meisten zu kämpfen jedoch hatte ich mit dem Konzept der Strahlenkrankheit. Mit meinen elf oder zwölf Jahren wußte ich sehr wohl, daß man nicht nur an äußerlichen Verletzungen mit viel Blut sterben kann, sondern auch an unsichtbaren Sachen wie Pest oder Gift, aber all das war ganz klar physiologisch, das konnte ich mir vorstellen. Sogar Gift und Dämpfe. Aber Strahlen? Etwas, das man nicht anfassen, sehen oder riechen kann, sondern nur mit tickenden Geräten messen? Das zu begreifen fällt mir bis heute schwer. Und damals ging es einwandfrei über mein Verständnis hinaus – so ein Bedrohungsszenario war so völlig weit weg, so unvorstellbar, daß ich damit einfach nichts anfangen konnte. Zu Fantasy-Romanen voller absonderlicher Ungeheuer hatte ich mehr Bezug, das erhob zumindest keinen Anspruch auf Realität, war unterhaltsam und ging trotzdem gut aus.

Dieses grauenvolle Kinderbuch jedoch war nicht unterhaltsam, sondern nur eine endlose, trostlose Quälerei, hilflose Kinder, hilflose Erwachsene, unsichtbare Gefahren, unverständliche Krankheiten – ich habe es natürlich durchgelesen, aber danach nie wieder angerührt und bin weiteren Büchern dieser Autorin wenn möglich aus dem Weg gegangen. Heute würde ich sagen, daß ich dafür einfach noch zu jung und mit der Botschaft überfordert war - frage mich aber trotzdem, ob das wirklich kindgerechte Lektüre ist.

Zwanzig Jahre später stelle ich fest: ich kann mit dem Konzept der Strahlenkrankheit immer noch nichts anfangen. Es entzieht sich mir, damals wie heute. In dem Maße, in dem ich darüber lese, erinnere ich mich an aufgeschnappte Wissenshäppchen: Dekontamination, weil Gegenstände (alle!) die Strahlung aufnehmen und weitergeben. „Walking-Ghost-Syndrom“, damals schon grauenerregender als ein Bataillon Fantasy-Zombies. Natürlich habe ich inzwischen das Vermögen, die physikalischen Erklärungen dahinter zu verstehen: Zellteilung, Schädigung des Erbguts, Krebs. Aber die Ursache, Strahlung, bleibt diffus. Sehr, sehr schwer greifbar.

Vermutlich haben die Japaner im Moment andere Sorgen, aber trotzdem frage ich mich: wie geht man damit um, wenn diese Szenarien aus Alpträumen plötzlich Realität werden? Wenn man weiß, daß man den Rest seines Lebens mit all den gesundheitlichen Risiken leben muß, quasi einer tickenden Zeitbombe im Körper? Und was sind das für Persönlichkeiten, die diese Gefahr bewußt auf sich nehmen in Fukushima? Geht es ihnen auch so, daß die Gefahr nicht faßbar bleibt und eben deshalb irreal? Tut man sowas aus Heldenmut? Schrecklich, nicht zu wissen, wie schnell das Ende kommen wird. Warum machen Menschen sowas? Wie kann man überhaupt nach so einem Übermaß an Katastrophen morgens aufstehen?

Auch das entzieht sich meinem Verständnis. Vor einem Jahr hatte ich Gelegenheit, mit einem Japaner zusammenzuarbeiten. Wir verstanden uns aus vielerlei Gründen nicht übermäßig gut, aber an einem Punkt dann überraschenderweise doch: bei der Feststellung nämlich, daß wir beide Nationen angehörten, die Schuldige des 2. Weltkriegs waren, und wie man damit fast zwei Generationen später umgeht. Das war eine Gemeinsamkeit. Seit einer Woche denke ich an ihn, an sein Volk, an das unfassbare Leid, und wünsche von ganzem Herzen, daß das Schicksal Japan nach all dem Unglück wenigstens eine zweite Atomkatastrophe und die schlimmsten Alpträume meiner Kindheit erspart.

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energist, Montag, 21. März 2011, 01:58
In der entsprechenden Situation, unter dem entsprechenden Druck finden sich – unabhängig von Sozialisierung, Gesellschaft oder Bildungsstand – immer Menschen, die bereit sind, sich selbst zu opfern, um ihrer Familie, ihrem „Volk“ oder einer wildfremden Person das Leben zu retten.

Die Geschichte liefert dafür so viele Beispiele, daß jede Aufzählung unvollständig wäre. Einige dieser Helden wurden und werden mit Orden, Medallien oder Denkmälern geehrt, manche sind schon lange vergessen.

Ebenso seltsam ist – von außen betrachtet – das Verhältnis des Menschen zu ionisierender („radioaktiver“) Strahlung. Er schwankt zwischen faktenresistenter Verharmlosung und einem ebenso faktenresistenten Entsetzen vor auch nur dem kleinsten Milligray.

Meine persönliche – nicht mehrheitsfähige – Meinung ist schlicht: der Mensch hat Angst vor dem, was er nicht versteht. Früher waren das Naturphänomene, danach Götter, inzwischen ist es die Kernenergie*. Wenn der Ausstieg vollzogen ist, wird übergangsfrei ein neues Feind- und Furchtobjekt auftauchen.



* Interessanterweise übrigens nur deren ziviele Nutzung. Kaum jemand protestiert mehr gegen die militärische Nutzung, die doch – selbst ohne Hiroshima und Nagasaki – ein Vielfaches an Toten, Kranken und Kontamination auf dem Gewissen hat.

damenwahl, Montag, 21. März 2011, 09:16
Ich muss bei sowas immer an Armageddon denken, wo sich Willis heldenhaft opfert für die Welt. Irgendwie dachte ich allerdings, sowas gäbe es nur in Hollywood.

Was die Angst vor der Strahlung betrifft, bin ich sicher Ihr bestes Beispiel. Grosse Angst, null Verständnis. Davon abgesehen ist es ja leider nicht möglich, solche Technik einfach wieder in die Büchse zu packen - aber wenn es nach mir ginge, würde es ganz viel Abrüstung geben und zwar sogar über Atomtechnik hinaus.

energist, Montag, 21. März 2011, 19:08
Hm, Frau Damenwahl, ich komme jetzt einen Tag zu spät, ich weiß, aber vielleicht können Sie noch irgendwo die FAS von gestern besorgen? Die hatte einen ganzen Einleger über das Thema Radioaktivität (Wissenschaftsteil), tatsächlich halbwegs verständlich beschrieben.

ilnonno, Montag, 21. März 2011, 19:58
Ich würde urzeitliches Staunen über Naturereignisse und Götterglauben ungern mit kommerzieller oder militärischer Nutzung von Kernenergie in Zusammenhang setzen.

Immerhin trenne ich mich vom Thema Religion leichter als von dem der Halbwertszeiten.

Dass wir Menschlein irrational sind ist dabei eine Konstante wie die Schwerkraft. Sonst gäbe es keine Reklame.

damenwahl, Montag, 21. März 2011, 20:44
Irrational sowieso, ohne Ende.

muerps, Montag, 21. März 2011, 20:52
*tieflufthol*:
Dekontamination, weil Gegenstände (alle!) die Strahlung aufnehmen und weitergeben.
Jein. Es gibt nen Unterschied zwischen Kontamination und Kontamination, und dann gibt es noch Verstrahlung, was mit Kontamintaion nur mittelbar etwas zu tun hat. Wenn in Japan die Menschen aus der Evakuierungszone dekontaminiert werden, dann für den Fall, dass sich auf ihrer Kleidung radioaktive Teilchen befinden - das ist der harmlose, im normalen Umgang mit Radioaktivität (=Forschung) durchaus mal vorkommende, leicht zu bekämpfende Fall: Klamotten ausziehen und ggf. unter die Dusche springen. Diejenigen, die die Dekontamination der Flüchtlinge in Japan durchführen, haben Schutzanzüge an, damit sie nicht ihrerseits radioaktive Teilchen, die sie sich von den zu Dekontaminierenden eingefangen haben, verschleppen – die Radioaktivität wird also oberflächlich verteilt, aber nicht durch strahlende Menschen*. Der weniger harmlose Fall, der im normalen Umgang weitaus seltener ist und unter Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen von normaler Laborarbeit gar nicht vorkommen kann/darf, ist die Aufnahme von radioaktiven Substanzen in den Körper z.B. über das Essen von kontaminierten Lebensmitteln oder Einatmen von Luft, die strahlende Teilchen enthält - besonders die Lunge ist nämlich durch ihre Größe empfindlich. Das kann für die Anwohner von Fukushima tatsächlich relevant werden, daher auch die prophylaktische Ausgabe von Iodtabletten, um nicht strahlendes Iod in der schilddrüse einzulagern, damit das strahlende Iod später nicht mehr zum Zuge kommt. Akute Strahlenkrankheit ist nur relevant, wenn man sich in unmittelbarer Nähe einer Strahlungsquelle befindet - das ist überhaupt die wichtigste Regel im Umgang mit radioaktiven Stoffen: Abstand halten, da die Radioaktivität in irgendeiner Potenz (2. oder 3, aber nagelnSe mich nicht darauf fest) abnimmt. Dosisabhängig kann die Strahlenkrankheit reversibel, irreversibel oder unweigerlich tödlich (letzeres ist dann die Geschichte mit der Walking-Ghost-Phase) sein. Bei geringeren Dosen, die im Zusammenhang mit der Vertrahlung von Landstrichen bei Super-GAUs zum Tragen kommen, treten "nur" statistische Effekte auf. Hier ist allerdings zu sagen, dass inbesondere bei immer geringer werdenden Strahlendosen allein die Wahl der Parameter entscheiden kann, ob z.B. ein Anstieg der Krebsfälle eine signifikante Zunahme ist oder noch im Bereich des Zufalls liegt - die Aussagen, die aus den Werten abgeleitet werden, sind also keinesfalls absolut und in weltanschaulich extrem vorbelasteten Untersuchungen wahrscheinlich sowieso totaler Bockmist. Lange Rede, kurzer Sinn: Diese Auffassung, dass Radioaktivität sozusagen "nichtstofflich" aufgenommen wird und weitergegeben werden kann, stimmt nicht, dafür braucht man immer Partikel die "aktiv" Strahlen können.

(Im Übrigen sind natürliches, also nicht angereichertes, Uran und Plutonium für ihre chemische Giftwirkung weit mehr gefürchtet, als für ihre radioaktive Wirkung, auch wenn das mit Reaktorunfällen nichts zu tun hat.)

*Nur so nebenbei: Wir strahlen unweigerlich auf niedrigem Niveau aufgrund von natürlich vorkommenden radioaktiven Isotopen wie z.B. des Kaliums, die wir in unserem Körper haben. Ist aber völlig unbedenklich und schon seit Anbeginn der Menschheit so. Ob dagegen schon jemals Menschen so viel radioaktive Substanzen aufgenommen haben, dass sie für andere Menschen gefährlich wurden, weiß ich nicht, wage es aber zu bezweifeln, da das gewaltige Mengen sein müssten, die man da verschlucken müsste.

damenwahl, Montag, 21. März 2011, 21:09
Meine Leser sind so klug! Klug! Klug! Vielen Dank!

ilnonno, Montag, 21. März 2011, 21:09
"irrational" ist aber genausowenig ein Makel, wie man einem Hasen vorwerfend kann, dass er ein Fell hat. Ich habe mich im Hauptstudium gegen alle rationalen Überlegungen gewandt und mich für Planungssoziologie entschieden. In einem Satz zusammengefasst: "Warum kommt es immer anders, als man denkt?".

damenwahl, Montag, 21. März 2011, 22:07
Ich mag ja Rationalität und halte das nach wie vor für einen oftmals vernünftigen und zuverlässigen Erklärungsansatz. Man darf nur nicht vergessen, daß es eben manchmal auch nicht so läuft.

ilnonno, Montag, 21. März 2011, 22:29
Ob ich Rationalität mag, habe ich mir noch nicht überlegt. Ich mag vor allem, wenn etwas so funktioniert, wie ich es will, unter Berücksichtigung meiner und andere Leute Verrücktheit. Alles andere halte ich für Illusion. Klingt zynisch, ist es aber nicht.

Es gibt ja nicht einmal für banale Fragen wie zum Beispiel Wärmedämmung die eine vernünftige logische Antwort.

energist, Dienstag, 22. März 2011, 16:47
@ muerps: in der zwoten Potenz, da es sich bei der Strahlung ja um eine Leistungsdichte handelt, man also auf die Fläche umrechnen muß.

Davon unabhängig kann natürlich bei der Verteilung von radioaktiven Stoffen je nach Wind- und Oberflächenverhältnissen alles mögliche passieren, was nicht in den dort eigentlich bestehenden 1/r-Zusammenhang paßt.

dergeschichtenerzaehler, Montag, 21. März 2011, 21:57
Radioaktive Strahlung hält sich peinlich genau an physikalische Gesetze und Regeln. Es passieren keine Überraschungen und genau dieser Fakt lässt die Menschen denken, sie hätten die Atomkraft unter Kontrolle.

Dabei vergisst er immer wieder seine eigene Schusseligkeit einzuberechnen.

damenwahl, Montag, 21. März 2011, 22:08
Das sowieso. Wobei es schon erstaunlich ist, daß wir eigentlich nur so ungefähr schätzen können, wann wieviel Strahlung wie schädlich ist. Gruselig.

ilnonno, Montag, 21. März 2011, 22:42
Pardon, wenn das sarkastisch klingt. Die Strahlung interessiert sich nicht dafür, ob sie schädlich ist. Ungefähr so, wie es der Schwerkraft egal ist, dass wir Treppen runterfallen.

Wie soll die Frage nach dem "wieviel" beantwortet werden? Mit derselben Menge Alkohol bringt man die einen zum fröhlichen Strahlen, während die anderen schon tot sind.

damenwahl, Montag, 21. März 2011, 22:46
Der geschätzte GEZ hat gesagt, dass Strahlung sich an Physik hält - die wir aber offenbar so wenig verstehen, daß wir über den Schaden von Strahlung trotz aller Forschung nichts genaues nicht sagen können. Was die ganze Sache nur noch gruseliger macht. Mehr meine ich gar nicht.

ilnonno, Montag, 21. März 2011, 22:56
Da sind wir dann im normalen Leben. Wir wissen nichts, und schon gar nichts genaues, aber wir wurschteln fröhlich dahin.

muerps, Montag, 21. März 2011, 23:01
Dass wir nichts genaues über den Schaden der Strahlung sagen können, hängt damit zusammen, dass wir – gottlob – nur unzureichende Mengen experimenteller Daten dazu haben. Alles, was wir über die Schädlichkeit von Strahlung wissen, insbesondere die Abhängigkeit von der Dosis, wissen wir aus im Nachhinein ausgewerteten Unfällen. In dem Fall sollten wir es vielleicht bevorzugen, zu wenig zu wissen.

dergeschichtenerzaehler, Montag, 21. März 2011, 23:35
Dass wir nichts darüber wissen, stimmt nicht ganz. Wir wissen ja, dass sich rad. Strahlung an die Gesetze hält und wir kennen die Gesetze. Das ist wirklich gut erforscht.

Aber es stimmt..über die biologische Wirkung ist nicht wirklich viel bekannt.

muerps, Montag, 21. März 2011, 23:48
Das mit dem nichts wissen bezog sich bei mir auch einzig auf die biologische Wirkung.

In irgendeiner Zeitung, es könnte die Süddeutsche gewesen sein, gab es einen Kommentar zu einem deutschen Rückkehrer aus Japan, der im KKW Fukushima gearbeitet hat, als das Erdbeben war. Der Tenor war, dass der Ingenieur doch achso technikgläubig wäre, weil er sich sicher ist, dass er nicht kontaminiert ist, weil das Messintrument das so sagt. Meine Güte, ich bin doch auch nicht blind technikgläubig, bloß weil ich z.B. meinem Tacho im Auto glaube, wenn er mir ne Geschwindigkeit anzeigt.

dergeschichtenerzaehler, Dienstag, 22. März 2011, 00:07
Blinde Technikgläubigkeit! Das ist der Ausdruck nach dem ich schon seit langem suche. :)

Das ist unter Ingenieuren weit verbreitet! Es mag nach einem Paradoxon klingen, aber die Menschen, die wissen wie groß die Gefahren sind, stehen auch meistens in den Reihen der Befürworter.
(Dafür haben Ingenieure Angst vor Dingen, die sie nicht verstehen. Frauen zum Beispiel :) )

damenwahl, Dienstag, 22. März 2011, 09:44
Das ist vermutlich menschlich, sich vor dem zu fürchten, was man nicht versteht. Vielleicht hat auch das mit der von NN Taleb vorgeführten Unfähigkeit des Menschen zu tun, Wahrscheinlichkeiten zu bewerten. Sozusagen Pseudo-Verständnis.

nigeth, Dienstag, 22. März 2011, 14:52
Es gibt einige gut verstandene Verzerrungen der Denkprozesse ("cognitive biases"), denen Menschen gerne unterliegen.

Eine davon ist die sog. "Kontrollillusion", der Wahn dass man sein Leben, seine Umwelt und die diese Umwelt steuernden technischen und sozialen Prozesse kontrollieren würde oder könnte.

Dahinter steckt ein sehr sehr großer Verdrängungsprozess. Der Ingenieur verdrängt den "menschlichen Makel" und vertraut alleine auf die "unfehlbare Technik", der Stammhalter aus dem Geldadel verdrängt das Bankkonto und die Seilschaften/Netzwerke seiner Sippe, der Self-Made-Man die vom Staat gesponsorte Ausbildung und Infrastruktur die ihm seinen Erfolg erst ermöglicht hat usw.

Letztendlich glaubt jeder dieser Personen, dass sein Erfolg oder seine Technik ohne Mitwirkung anderer entstanden und von anderen nicht beeinflusst wird.

Wenn sie wissen wollen, wie sicher ein System ist fragen sie den Befürworter einfach ob er selbst die Verantwortung dafür übernehmen will, da werden einige dann plötzlich ziemlich kleinlaut.

damenwahl, Dienstag, 22. März 2011, 15:23
Das ist ermutigend zu hören. Alle wollen Verantwortung, nur bitte am Ende nicht verantwortlich sein, wenn es schiefgeht.

nigeth, Dienstag, 22. März 2011, 15:51
ermutigend oder entmutigend?

Ich bin selbst Ingenieur (weshalb ich auch versucht war die Spitze mit dem fehlenden Frauenverständnis zu kommentieren ;-) ) und Verantwortung spielt eine große Rolle warum solche Prozesse genau diese Dynamik erreichen.

Verantwortung kann es nur geben, wo man frei handeln kann. Wer dem Namen nach Verantwortung trägt, letztendlich aber nur "Befehlsempfänger" bleibt, hat keinen Einfluß.

Letztendlich ist das die Konstellation in vielen Firmen. Bei solchen Projekten geht es um viel Geld. Da geht es um die Bonuszahlungen für Verkauf, Marketing und Management der nächsten Jahre, um steigende Aktienkurse und Prestige.

Geschäftsführung und strategisches Management haben alle bedeutenden Entscheidungen längst gefällt, bevor überhaupt eine Entwicklungsabteilung davon erfährt. Danach ist nur noch die "Umsetzung" gefragt, selbst wenn Zeitpläne und Budgets irrsinnig und die technische Machbarkeit fraglich ist.

Ingenieure gelten da oft als Querulanten, die unnötig Probleme konstruieren, immer nur von Schwierigkeiten sprechen und allgemein mehr Mut haben sollten. Ich kenne Firmen die nehmen Experten gar nicht mehr zur Akquise mit, weil die ja eh nur den Abschluß gefährden.

Als Entwickler bekommen sie den Bonus erst nach erfolgreichem Abschluss des Projektes (also nie), da ist die Karawane der "Nieten in Nadelstreifen" längst in die feine neue Eigentumswohnung (bezahlt aus dem letzten Quartalsbonus) und den neuen Job bei der Konkurrenz gezogen.

Wer zu oft oder zu intensiv stört wird auch gerne mal durch "bequemer" zu handhabende Mitarbeiter ersetzt. Übrig bleibt irgendwann eine Gruppe von "Yes-Men" und Leuten deren Existenz von dem Job abhängt und die deshalb nichts sagen. Einfluß hat da selten einer, aber die Verantwortung soll gefälligst jeder übernehmen.

Der Burn-Out under Ingenieuren in DE ist hoch. Viele würden heute nicht noch einmal ein solches Studienfach wählen, viele gehen ins Ausland und der Rest versucht so schnell wie möglich das mittlere Management zu erreichen, um zumindest irgendwann mal was vom Kuchen abzubekommen, bevor die Abteilung nach China oder Indien ausgelagert wird.

Zurück zum Anfang. Ich kann nur dann frei Verantwortung übernehmen, wenn ich Freiheit habe. Freiheit der Gestaltung, Freiheit ein unsinniges Projekt abzulehnen oder zu beenden oder zumindest die Rahmenbedingungen zu gestalten.

Diese Freiheit bietet einem keine gängige Organisationsstruktur. Was umgekehrt dazu führt dass die Mitarbeiter zu Befehlsempfängern mutieren, die machen was ihnen angeschafft wird und sich sagen "mir egal obs schief geht, hängt ja der Kopf des Chefs dran".

Die einzige andere Alternative wäre zu kündigen.

Klingt desillusioniert ist nur leider oft so.

ilnonno, Dienstag, 22. März 2011, 16:39
Moment. Ich meine zu verstehen, wie das gemeint ist. Und stimme dem zu.

Nur kann ich Großtechnik nicht mit der Freiheit und den individuellen Fähigkeiten einzelner Ingenieure betreiben. Wer soll die einschätzen und beurteilen?

Vielmehr muss ich deren normale menschliche Schwächen durch eine effektive Organisation ausgleichen. Als eine Art doppelten Boden.

Selbstverständlich wird jeder unter den Zwängen der Organisation "leiden". Die Alternative wäre: persönliche Verantwortung bis zur letzten Konsequenz.

energist, Dienstag, 22. März 2011, 16:40
Das Problem ist ja weniger, daß wir nicht wüßten, was ionisierende Strahlung anstellt. Das Problem ist eher, daß es keinen Grenzwert gibt.

Man kann nicht sagen, bis hierher ist noch Spaß, ab da nicht mehr. Bereits winzige Dosen natürlich vorkommender Strahlung vor der eigenen Haustür *können* Zellveränderungen bewirken, die zu Krebs führen. Genausogut kann eine Person völlig schadenfrei recht hohe Strahlmengen überstehen.

Dieser Zwang zum Denken in Wahrscheinlichkeiten ist der größte Feind der Fähigkeit des nicht einschlägig gut vorgebildeten Menschen, Radioaktivität und ihre Folgen treffend einschätzen zu können.

Frau Damenwahl, ich scanne mal die entsprechenden Seiten der FAS ein und lasse sie Ihnen zukommen.

damenwahl, Dienstag, 22. März 2011, 17:00
Bürokratie ist immer doof, aber oft unersetzlich, und ich weiß bürokratische Strukturen mancherorts durchaus zu schätzen, weil man einfach nicht immer allen blind vertrauen kann.

Lieber , ja bitte!

nigeth, Dienstag, 22. März 2011, 17:29
"Vielmehr muss ich deren normale menschliche Schwächen durch eine effektive Organisation ausgleichen. Als eine Art doppelten Boden."

Ich denke sie wissen bereits was ich sagen möchte und ich möchte jetzt nicht zu sehr abschweifen.

Die Organisation vieler Firmen erreicht heute das Gegenteil von dem was sie sich hier wünschen, weil die "Schwächen" bestimmter Menschen eben nicht ausgeglichen sondern zur Maxime erhoben werden.

"Selbstverständlich wird jeder unter den Zwängen der Organisation "leiden". Die Alternative wäre: persönliche Verantwortung bis zur letzten Konsequenz."

Was eine Selbstverständlichkeit sein sollte

damenwahl, Dienstag, 22. März 2011, 17:43
Ja, Verantwortung wäre gut - aber dann müßte man auch unkontrolliert vertrauen, daß die Verantwortlichen das richtige machen - und das scheint mir weniger klug.

ilnonno, Dienstag, 22. März 2011, 18:46
Mein Begriff der Verantwortung schließt haften und bezahlen mit ein. Nachdem niemand eine Atomexplosion bezahlen kann, stellt sich die Frage, warum man jemandem solche Experimente erlauben soll. Kapitalgesellschaften schon gar nicht, da einer deren Hauptzwecke in der Haftungsvermeidung liegt. Verbunden mit außergewöhnlichen Gewinnversprechen. Tatsächlich keine gute Voraussetzung für den Umgang mit riskanter Technik.

Was da in Japan passiert, mit Verlaub, ist keine Frage von Grenzwerten. Grenzwerte sind nicht mehr als willkürliche, oft genug gekaufte Zahlen.

energist, Dienstag, 22. März 2011, 19:41
Werter ilnonno, nur zum Verständnis: reden Sie von Versuchen im Bereich der Kernspaltung, von kommerziellen Reaktoren oder von militärischer Nutzung? Die Formulierung „Atomexplosion“ deutet auf letzteres, ich vermute jedoch Sie meinen die erste (und mit Einschränkungen die zweite) Option.

Natürlich ist es nicht immer einfach, eine Risikoabschätzung zu betreiben. Und keiner der Wissenschaftler, die in dem Bereich forschen, wird mit seinem Privatvermögen alle möglicherweise entstehenden Schäden decken können.

Aber was ist die Konsequenz? Möchten Sie, daß bei jedem Anzeichen von Risiko die Forschung eingestellt wird?

Das Problem läßt sich nicht auf Einzelpersonen, einen Konzern oder ein Land herunterbrechen. Solange die Möglichkeit, aus den Atomkernen durch Fusion oder Spaltung billig und in großen Mengen Energie gewinnen zu können, am Horizont steht wird der Mensch weiter danach streben, das zu erreichen. Die Abwägung, welches Risiko wir (= die Menschheit) dazu bereit ist einzugehen, ist nicht so einfach wie es auf den ersten Blick scheint.

muerps, Dienstag, 22. März 2011, 01:21
Ich hab gerade mal den Ausschnitt aus der Süddeutschen durchgelesen. Meine Güte, ist das moralinsauer, da rollen sich mir ja die Zehennägel.

(Es gab einen Grund, warum ich als Kind praktisch ausschließlich Sachbücher gelesen hab. Gängige Kinderbücher waren mir oft entweder zu betulich – Heidi habe ich gehasst – oder die Moral von der Geschicht war mir so aufdringlich, dass ich mich nicht ernst genommen fühlte. Da waren mir Bücher über Dinos oder Raumfahrt oder Geschichte oder wasweißich viel lieber. Sowas wie Treasure Island oder Neil Gaimans Bücher habe ich erst viel später für mich entdeckt, sowas kriegt man ja, zumal als Mädchen, nicht geschenkt.)

damenwahl, Dienstag, 22. März 2011, 09:45
Ich mochte immer am liebsten historische Romane mit der richtigen Mischung aus Bildung, Spannung und Anspruch (nicht die moderne Massenware in diesem Genre). Aber mal so aus Neugier: hat denn sonst niemand "Die Wolke" gelesen?

latifundius, Dienstag, 22. März 2011, 14:57
Die Wolke - nein,
Die letzten Kinder von Schevenborn - ja,

Fand ich aber damals weder ansprechend, noch wertvoll für die Nachwelt (da lag mir Hohlbein deutlich näher :-)

Edit: Nach längerem Suchen - was mir zum Thema Strahlung noch gefallen hat war "Z wie Zacharias" - kennt das noch jemand?

damenwahl, Dienstag, 22. März 2011, 15:25
Danke... wenigstens stehe ich also nicht völlig alleine mit meiner Meinung. Z wie Zacharias kenne ich nicht, hört sich aber gut an.

energist, Dienstag, 22. März 2011, 16:35
Ich habe tatsächlich „Die Wolke“ gelesen – lesen müssen. Auch mir sind noch die bedrückenden Szenarien im Kopf, allerdings auch zwei andere Dinge:

Erstens hatten wir ebenfalls in der Schule Damals war es Friedrich durchgenommen. Parallel dazu hatte ich auf Empfehlung meiner Deutschlehrerin ein Buch über die Weiße Rose gelesen. Die noch recht lebendigen Eindrücke daraus desensibilisierten sicherlich etwas gegenüber den in der „Wolke“ geschilderten Szenarien.

Zweitens kamen mir bereits damals einige Punkte nicht stichhaltig vor – keine naturwissenschaftlichen, die ich heute anders sehen würde, sondern solche, die man als Kind in Frage stellt. Logikfehler. Aber möglicherweise ist das auch mit dem zeitlichen Abstand ein Produkt meiner verfälschten Erinnerung.

berenike, Dienstag, 22. März 2011, 22:12
Ich habe die Schevenbornkinder gelesen. Und geheult. Und nicht schlafen können. Und Angst gehabt.

Heftig, aber gut finde ich das Buch.
Mit den Kindern konnte ich mich allerdings auch nicht identifizieren, sonst hätte ich es wahrscheinlich auch nicht zuende lesen können.

Einen anderen Roman, der Hiroshima aus der Sicht eines Mädchens bis zu ihrem Tod schildert, hat mich auch sehr beeindruckt. Den Titel habe ich allerdings vergessen.

muerps, Dienstag, 22. März 2011, 22:47
Ich habe Die Wolke aus zweierlei Gründen nicht gelesen: In der DDR gabs sowas nicht – das hätte man schließlich so interpretieren können, dass der Staat fehlbar ist – und außerdem waren meine Eltern und ich durch die Erfahrungen im DDR-Kindergarten sehr empfindlich, was wie auch immer geartete ideologische Infiltration angeht.

damenwahl, Dienstag, 22. März 2011, 23:07
2006 war das Buch nach der Verfilmung ja noch mal ein Hype. Und dieser Tage habe ich überlegt, wie ich das damals wahrgenommen habe, diese Lektüre. Deswegen hat es mich interessiert, wie es anderen ging. Scheint aber auch ein Generationending zu sein, irgendwann wurde es offenbar Pflichtlektüre.

tucholskyfuerarme, Mittwoch, 23. März 2011, 02:44
Ich kann schlecht einschätzen zu welcher Generation unsere Gastgeberin gehört, der Höflichkeit halber sicherlich einer mir nachfolgenden :-), aber meine Generation und ich (Anfang Dreißig) hat das Buch "Die Wolke" zu Beginn der Gymnasialschulzeit gelesen und es war auf jeden Fall prägend im Bezug auf meine (und in meines Freundeskreises) Einstellung gegenüber der zivilen Nutzung der Kernkraft.
Ich habe in der letzten Woche sogar nochmal in den Bücherkisten für meine persönlichen (potenziellen) Nachkommen gestöbert und das Buch glücklicherweise wiedergefunden.
Ansonsten ein Lob für das kleine aber feine Publikum das sich hier zu Wort meldet, sowie an die Gastgeberin, der ich als treuer aber stummer Leser zu selten meine Anerkennung ausspreche.
Dafür Danke

damenwahl, Mittwoch, 23. März 2011, 09:21
Lieber Tucholsky, Komplimente höre ich immer gerne... ich nehme schon an, daß es ein gutes Buch ist - aber möglicherweise gerade für unsere Generation (und die davor) mit mehr Wert. Hoffentlich werden unsere Kinder das gar nicht mehr brauchen, weil AKWs bis dahin alle weg sind.

txxx666, Mittwoch, 23. März 2011, 03:29
Bei der Erwähnung von "Die Wolke" fiel mir spontan ein Lieblingsbuch meiner frühen Jugend ein, das ebenfalls im weiteren Sinne zum Thema "Verstrahlung/Radioaktivität" passt: "Die grüne Wolke" von A.S.Neill : )

damenwahl, Mittwoch, 23. März 2011, 09:24
Was es nicht für Geschichten gibt... ich bewundere immer das am meisten, was mir völlig abgeht, und dazu gehört eine blühende Phantasie. Hört sich spannend an!

energist, Freitag, 25. März 2011, 14:57
Ich weiß, ich hole diese Diskussion immer wieder hoch, aber es paßt so gut zum Thema.

damenwahl, Samstag, 26. März 2011, 21:29
Das ist das Thema, also immer gerne. Danke auch für die Artikel!

ilnonno, Freitag, 25. März 2011, 15:48
Ein spannendes Experiment wäre, den Begriff "Atom" in der Diskussion durch "Asbest" zu ersetzen.

damenwahl, Samstag, 26. März 2011, 21:29
Da fielen mir auch noch andere Dinge ein...

energist, Sonntag, 27. März 2011, 13:31
Mir auch. Wie wäre es mit DDT? ;)