Trouvaille
"Gleichwie wir nun die Anhänglichkeit der Wilden an ihre gesetzlose Freiheit, sich lieber unaufhörlich zu balgen, als sich einem gesetzlichen, von ihnen selbst zu konstituierenden, Zwange zu unterwerfen, mithin die tolle Freiheit der vernünftigen vorzuziehen, mit tiefer Verachtung ansehen, und als Rohigkeit, Ungeschliffenheit und viehische Abwürdigung der Menschheit betrachten, so, sollte man denken, müßten gesittete Völker (jedes für sich zu einem Staat vereinigt) eilen, aus einem so verworfenen Zustande je eher desto lieber herauszukommen: Statt dessen aber setzt vielmehr jeder Staat seine Majestät (denn Volksmajestät ist ein ungereimter Ausdruck) gerade darin, gar keinem äußeren gesetzlichen Zwange unterworfen zu sein, und der Glanz seines Oberhaupts besteht darin, daß ihm, ohne daß er sich eben selbst in Gefahr setzen darf, viele Tausende zu Gebot stehen, sich für eine Sache, die sie nichts angeht, aufopfern zu lassen, und der Unterschied der europäischen Wilden von den amerikanischen besteht hauptsächlich darin, daß, da manche Stämme der letzteren von ihren Feinden gänzlich sind gegessen worden, die ersteren ihre Überwundene besser zu benutzen wissen, als sie zu verspeisen, und lieber die Zahl ihrer Untertanen, mithin auch die Menge der Werkzeuge zu noch ausgebreitetem Kriegen durch sie zu vermehren wissen."

Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden

Kommentieren




damenwahl, Donnerstag, 30. September 2010, 10:16
Egal, was das Seminar bringt: diesen Satz gelesen zu haben, war es bereits wert.

energist, Donnerstag, 30. September 2010, 14:11
Immerhin kann man bei Kant oder Schopenhauer normalerweise noch ein bisschen Spaß am Lesen haben und muß sich nicht durch allzu verzwickte Textwuste einen Weg bahnen.

damenwahl, Donnerstag, 30. September 2010, 18:42
Nun ja, immerhin ergeben die Worte einen Sinn, wenn man drüber nachdenkt - aber Sätze in Seitenlänge sind nicht direkt "light reading". Aber ich mag Kant. Sehr.