Haben will
Erst mit Mitte Zwanzig habe ich begriffen, was für ein kapitales Ereignis der Mauerfall war - 1989 war ich zu klein und die Geschehnisse weit weg. Dieser sehr umstrittene Journalist hat offenbar mal gesagt, beim nächsten Mauerfall wolle er dabei sein. Der Gedanke hätte von mir sein können - es käme mir allerdings vermessen vor, so etwas laut zu sagen. Oder zu tun, was er tut.

Was zum Teufel soll ich mit meinen fünf Worten Arabisch in Kairo? Die wenigen Bekannten von vor zwei Jahren sind vermutlich längst weg oder nicht mehr auffindbar. Ich müßte wahnsinnig sein, das zu machen. Als Frau. Ohne Versicherung. Den Job hier liegen lassen. Total meschugge. Aber wenn ich anderer Leute Berichte lese, packt mich die Sehnsucht und ich frage mich, ob ich es mein Leben lang bereuen werde, nicht dagewesen zu sein, in dieser Zeit.

(Edit: Es gibt noch Flüge. Es gäbe auch eine Versicherung. Mein Handy kann kein Internet, aber mein Rechner hat ja UMTS. Das Visum bekommt man am Flughafen und es kostet immer noch 15 EUR. Vielleicht würde sogar meine alte Handykarte noch funktionieren. Na gut, das vermutlich eher nicht. Aber mein Hostel gibt es noch, gleich um die Ecke vom Midan Tahrir. Ich könnte Assim morgen anrufen und fragen. Könnte, würde, sollte, möchte.)

(Edit, 3.2. Ich hätte jetzt ein Hotel. Haha. Steht im Moment leider nicht zur Debatte, aber gut zu wissen.)

Kommentieren




strelnikov, Dienstag, 1. Februar 2011, 23:23
Wo kann man spenden um Ihnen die Entscheidung zu erleichtern?

damenwahl, Mittwoch, 2. Februar 2011, 09:26
Heute morgen wieder mit dem rationalen Bein aufgestanden. Ich muß wahnsinnig sein, sowas zu wollen. Ein paar Nachdenk-Zigaretten machen mich vielleicht entscheidungsfreudiger.

conma, Mittwoch, 2. Februar 2011, 08:15
Eigentlich gäbe es ja auch in der Heimat genug zu tun, um Demokratiedefizite abzubauen.
Ich bin mir nicht sicher, ob es so einge gute Idee ist, "Revolution-Watcher" zu spielen, ohne Bezug zu dem Land?

damenwahl, Mittwoch, 2. Februar 2011, 09:27
Liebe Conma, ich war vor zwei Jahren vier Wochen in Kairo, und habe ein ausgeprägtes Faible für Nordafrika. Sonst würde ich gar nicht drüber nachdenken, da habe Sie völlig recht.

berenike, Mittwoch, 2. Februar 2011, 11:00
Buchen Sie den Flug.
Ja, es ist wahnsinnig, aber alle großen Geister sind auch ein wenig wahnsinnig und Sie sind kein Kleingeist.

damenwahl, Mittwoch, 2. Februar 2011, 11:15
Ach, Berenik... note to myself: nicht Al-Jazeera gucken. Nicht Twitter lesen. Das macht es nicht besser.

Einerseits kann ich behaupten, schon mal dagewesen zu sein, sogar länger und nicht nur als Tourist, ich kann ein bißchen Arabisch (nicht fließend, aber doch brauchbare Bruchstücke). Aber reicht das, um etwas so wahnwitzig riskantes zu machen? Das würde ja auch meine Familie, meine Freunde betreffen? Darf man solche Risiken einfach eingehen?

berenike, Donnerstag, 3. Februar 2011, 08:38
Ich habe meine Reiseempfehlung mittlerweile zurückgezogen und bin ganz froh, Sie von hier aus über Kairo schwärmen zu hören!

damenwahl, Donnerstag, 3. Februar 2011, 08:57
So blöd es sich anhört: ich fühle wirklich mit den Aegyptern. Bei manchen weiss ich, dass es ihnen gut geht - bei anderen habe ich längst den Kontakt verloren, leider, aber Sorgen mache ich mir trotzdem.
Und ich wäre immer noch gerne dort - auch wenn ich einsehe, dass das ein sehr dummer Wunsch ist.

berenike, Donnerstag, 3. Februar 2011, 09:05
Ich kann den Wunsch verstehen, aber man muss ja nicht alle Wünsche in die Tat umsetzen.

damenwahl, Donnerstag, 3. Februar 2011, 09:33
Nein, bei mir hat ja auch die Rationalität die Bremsen gezogen.

dergeschichtenerzaehler, Mittwoch, 2. Februar 2011, 14:14
Zuallererst: Ich kann es verstehen, warum Sie das machen wollen. :) Es riecht nach Abenteuer und prickelnder Ungewissheit. In Kairo wird gerade Geschichte geschrieben und natürlich will man da dabei sein...in der ersten Reihe.

Und jetzt kommt das aber: Man weiß einfach nicht wie sich das alles entwickeln wird. Von einer friedlichen Demokratie bis zu einem blutigen Bürgerkrieg ist alles möglich.

damenwahl, Mittwoch, 2. Februar 2011, 14:38
Ja, das ist es, was mich verunsichert. Die 5 % Wahrscheinlichkeit, daß die Situation komplett explodiert. Was möglicherweise zuviel Risiko ist, dafür, daß ich kein Nahostexperte bin. Finde ja immer, sowas sollten Profis streng nach Subsidiaritätsprinzip machen.

ilnonno, Mittwoch, 2. Februar 2011, 21:59
Ich verstehe das Gefühl. Nur ist das so, wie wenn ich mich in die Kurve der HSV-Fans stelle (seltsamer Vergleich, ok): dann bin ich dort, mehr aber auch nicht. Da bin ich zweifacher Zuschauer, Zuschauer des Spiels, Zuschauer der Fans.

Eine Revolution, bei der wir dabei sein wollen, die werden wir schon selber machen müssen.

damenwahl, Mittwoch, 2. Februar 2011, 22:18
Hängt das nicht auch davon ab, wie weit man sich identifiziert? Klar wäre ich immer nur Zuschauer, aber eben doch ein innerlich zutiefst bewegter Zuschauer. Eingefleischter Fan in der Kurve, obwohl von außerhalb kommend, sozusagen.

ilnonno, Mittwoch, 2. Februar 2011, 22:39
Klar kann man sich mit anderer Leute Leben identifizieren, aber es ist eben nicht das eigene.

Insofern stellt sich die Frage, wie weit wir uns mit dem eigenen Leben identifizieren. Oder warum wir das nicht tun.

conma, Donnerstag, 3. Februar 2011, 07:25
Es gäbe ja sicher auch Möglichkeiten, die Ereignisse in Ägypten, Tunesien etc. von Europa aus zu unterstützen. Sie sind ja kreativ. Organisieren Sie Unterstützungsdemonstrationen, Gottesdienste bei Kerzenschein kommt auch gut, appellieren Sie an Ihre Volksvertreter, bieten Sie Hilfsorganisationen Ihr Talent an ...
Möglichkeiten gibt's viele, auch von der Ferne. Und einige sind sicher effektiver, als in dem Getümmel in Kairo dabei zu sein.