Geteilte Persönlichkeit
Offiziell habe ich seit letzter Woche einen neuen Job (Teilzeit), aber de facto bin ich in Vollzeit Revolution Watcher. Ich gucke Twitter, AJE, Twitpic, verfolge Freunde auf Facebook. Und wäre gern dabei.

Jetzt, wo den Journalisten der westlichen Qualitätsmedien langweilig wird und sie nach Hause fliegen (keine Zeitung will sich auf Dauer 200 Euro pro Nacht im Nile Hilton leisten, kann man verstehen), noch mehr als letzte Woche. Jeden Morgen öffne ich mit Bangen AJE, und hoffe, dass die Proteste nicht einschlafen. Denn wenn das passiert und es hier niemanden mehr interessiert, dann Gnade den Demonstranten, die in mehr als einer Hinsicht dokumentiert sind (namentlich, bildlich) und einer korrupten, folternden, autokratischen Regierung vollständig ausgeliefert.

Ich wünschte, ich wäre eine richtige Journalistin, dann hätte ich einen Auftrag und sässe schon längst im Flugzeug. Aber leider, leider, ich bin nur eine amateurhafte Bloggerin und so sitze ich hinter meinem Schreibtisch und schiebe Papiere hin und her. Physisch anwesend, aber in Gedanken bei den Demonstranten.

[Rolle vorwärts, Rolle rückwärts: nach einem Wechselbad von Gefühlen und endlosen Gesprächen mit Eltern (Du spinnst!) Freunden (tu's!), noch mehr Freunden (du könntest...) - kann ich nicht. Mein Gefühl sagt mir, daß es Verrückte geben muß, die von solchen Orten berichten und die Ägypter jede Stimme gebrauchen könnten, sogar meine unbedeutende Wenigkeit. Mein Verstand sagt mir, daß meine Berichte auch ein Forum brauchen und die Rückendeckung durch einen Auftrag unerläßlich ist, um solche Risiken mit einem guten Gewissen eingehen zu können. Es mag sich abstrus anhören, aber die Risiken betreffen nicht nur mich, sondern auch meine Familie und schlimmstenfalls die Öffentlichkeit - sollte das AA mich aus mißlichen Situationen heraushauen müssen. Mit einem Auftrag wäre das zu rechtfertigen. Wie die Dinge liegen, wäre ich in der Retrospektive nur eine unbedarfte, leichtsinnige Frauensperson mit Katastrophenambitionen - und das möchte ich nicht sein. ]

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mark793, Dienstag, 8. Februar 2011, 13:48
Schwierig. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass mir der Hintern gar nicht juckt. Aber mit Kind und den ganzen familiären Verpflichtungen (und ohne Auftrag) ist der Schritt, tatsächlich die Hühner zu satteln und da runter zu fliegen, doch zu groß - zumal ich auch keinerlei Erfahrungen in diesem Kulturkreis mitbrächte.

damenwahl, Dienstag, 8. Februar 2011, 14:06
Ich schon, ein bisschen wenigstens. Aber das Geld für Flug und Unterkunft und Versicherung liegt leider nicht auf der Strasse und bei den 20 Lesern hier wäre - so sehr ich Sie alle schätze - auch kein vernünftiges Verhältnis von Kosten und gesellschaftlichem Nutzen gegeben. Leider.
Trotzdem ist es ermutigend zu sehen, dass ich nicht die einzige mit verrückten Anwandlungen bin und so viele in den letzten Tagen ihr Araberbild einigen Veränderungen unterziehen mussten (damit meine ich nicht Sie, sondern die deutschen Normalbürger).

strelnikov, Dienstag, 8. Februar 2011, 14:53
Wollen Sie es nicht mal über ein Kickstarter.org-Project probieren?

damenwahl, Dienstag, 8. Februar 2011, 14:57
Ich kann kein Russisch. Oder bin ich falsch gelandet?

Davon abgesehen: ich habe kurz überlegt, ob ich es nicht wie Gutjahr machen könnte, aber der hat ja eine ganz andere Reichweite als ich. Und damit auch ernsthafte Abnehmer. Ich habe hier zehn geschätzte Stammkunden, so etwa.

strelnikov, Dienstag, 8. Februar 2011, 18:19
Entschuldigen Sie den kleinen Fehler: http://www.kickstarter.com/
Da finden sie Unterstützer aus der ganzen Welt weit über ihr Blog hinaus.

strelnikov, Dienstag, 8. Februar 2011, 18:21
Herr DonAlphonse hat sie ja schon prominent verlinkt. Vielleicht können Sie sich ja auch an seinem FAZ Projekt beteiligen.....

damenwahl, Dienstag, 8. Februar 2011, 20:09
Danke. Die andere Seite war etwas sonderbar. Aber ich fürchte, bis ich genug Geld bei so einer Seite gesammelt habe, sonnt sich Mubarak schon in Dschidda am Strand. Oder geht Heidelberger Krankenschwestern auf den Keks.

cgabbert, Mittwoch, 9. Februar 2011, 11:28
Liebe Frau Damenwahl, ich bin ein ziemlicher Angsthase und Bedenkenträger und man muss nicht immer mit dem Schlimmsten rechnen. Aber ich bin froh, dass Sie sich so entschieden haben. Sicherlich findet sich bald wieder eine Möglichkeit, Ihr Fernweh in Verbindung mit einer sinnvollen Aufgabe auszuleben.
Darüber hinaus ist mein Eindruck der, dass auch beauftragte Berichterstatter, wenn sie in Krisengebieten arbeiten, Ihre Angehörigen besser nicht um Zustimmung fragen sollten. Das Risiko (unbeabsichtigt) zum Opfer der Auseinandersetzungen zu werden ist einfach da - so wie jüngst in Tunesien geschehen.
[Anmerkung: mit "unbeabsichtigt" meinte ich, dass es sich bei dem Vorfall in Tunesien möglicherweise um einen Unfall handelt, obwohl das mittlerweile genauer untersucht wird]

damenwahl, Mittwoch, 9. Februar 2011, 18:39
Ich halte das Risiko eigentlich für überschaubar, bei sowas bin ich nicht so naiv, wie es scheinen mag. Auch wenn es pathetisch klingt: für das, was einem am Herzen liegt, muss man Risiken eingehen. Ob es mir genug am Herzen liegt, dass ich solche Risiken eingehe, wiederum... ist eine andere Frage.

cgabbert, Donnerstag, 10. Februar 2011, 09:38
Erst hinterher war ich mir bewusst, dass meine Formulierung nicht sehr klug gewählt war - bitte entschuldigen Sie. Aus Ihren Worten lese ich weniger Naivität oder Unbedarftheit als Idealismus heraus.
Die Schilderung Ihres Hin- und Hergerissenseins hat eben genau wieder diese Frage, wie nah man "dran" sein muss, um eine gute Sache zu unterstützen, aufgeworfen.

damenwahl, Donnerstag, 10. Februar 2011, 21:31
Das Thema hat mich bis zuletzt (also vor etwa einer Stunde) so beschäftigt, daß ich das Fass noch mal richtig aufgemacht habe.