Social Hours
An amerikanischen Universitäten zahlt man bekanntlich Studiengebühren, und im Zweifel nicht zu wenig. Dafür bekommt man aber auch einiges geboten. Meine neue Emailadresse läßt sich nicht aktivieren? - ich schicke eine Email und erhalte eine Stunde später Antwort, mit Lösung des Problems von der IT-Abteilung. Ich habe eine administrative Frage? - der für mich zuständige Mitarbeiter im Zulassungsbüro hat selbstverständlich Zeit für meine komplizierten Ausführungen, und beantwortet über Wochen jede neue Frage immer gleichbleibend konstruktiv und freundlich.

Nach der Einreise in die Staaten muß mein Visum bestätigt werden – die Universität ist bestens organisiert. Für jeden internationalen Studenten wurde eine Akte mit den relevanten Unterlagen vorbereitet, die Studenten arbeiten sich durch drei Mitarbeiter durch: Nummer 1 sucht die Akte hervor. Nummer 2 macht die Stempel rein. Nummer 3 gibt uns Hefte und Blätter mit Informationsmaterial. Gegebenenfalls kann man mit Nummer 4 noch vertiefende Fragen klären. Nach zwanzig Minuten bin ich wieder draußen.

Es gibt auch reichlich Orientierungsevents, Mentoringprogramme, Einführungsveranstaltungen, Führungen über das Gelände und Begrüßungsempfänge. Es ist ein wenig verwirrend, die Termine alle auseinanderzuhalten,am Ende reden wir einfach immer von Social Hour. Social Hour on Monday, Social Hour on Friday, Social Hour on Wednesday. Jedes Mal gibt es warme Worte und kalte Getränke , Snacks, manchmal musikalische Darbietungen. Die verantwortlichen Respektspersonen der Universität sind stets dabei, überall ist man sehr um unser Wohl besorgt.

Mit der Entscheidung für ein Zimmer der Universität „on campus“ ist sogar, so höre ich von anderen, ein Rundum-Sorglos-Paket verbunden, bei dem man noch mehr an die Hand genommen wird – inklusive Einkaufstrips zu den einschlägigen Märkten und Supermärkten der Umgebung.

Die vielen Einführungsveranstaltungen haben große Vorteile, man kann nämlich hervorragend Leute kennenlernen. Zwar vorwiegend solche, die nicht unbedingt Lösungen für Probleme zu bieten haben, weil sie mit denselben kämpfen, aber auch geteiltes Leid ist schon ein großer Fortschritt, wenn man verzweifelt auf der Suche nach Wohnungen, Möbeln, Fahrrädern oder Kursen ist.

Bei meinem ersten sozialen Ereignis treffe ich gleich drei weitere Studenten, die in ähnlicher Funktion am gleichen Institut sein werden – und natürlich haben wir gemeinsame Bekannte, im weitesten Sinne. Bei der Wohnungssuche lerne ich eine andere Deutsche kennen, die wiederum bei einer Freundin übernachtet – welche ich vor zwei Jahren flüchtig kennengelernt habe. Das ist schon ein ziemlicher Zufall, auch wenn man bedenkt, daß es statistisch gesehen bei ähnlichen Interessen und Karriereplänen auch wiederum nicht völlig unwahrscheinlich ist, am gleichen Ort zu landen.

Das nächste soziale Ereignis bringt mich ins Gespräch mit einer Österreicherin, die in Musiktheorie promovieren wird. Zufällig hat mir eine Wiener Freundin mit musikwissenschaftlichem Hintergrund bereits im Vorfeld den Kontakt zu einer ihrer Freundinnen vermittelt, die auch hier ist – und die beiden wiederum kennen sich natürlich auch. Wir verabreden uns fleißig für Kaffees, tauschen Wohnungssuchnöte aus, und planen, die nächsten Veranstaltungen gemeinsam anzugehen. Überhaupt ist die Vielfalt unglaublich: Franzosen kommen hierher, um französische Literatur zu studieren. Ein Südafrikaner befasst sich mit afrikanischer Soziologie und Diskriminierung, ein Engländer mit Anthropologie, und eine Israelin mit Computerwissenschaften.

Manche dieser Gespräche fallen eher oberflächlich aus, bei anderen nehme ich meinen Mut zusammen und rege an, Kontaktdaten für zukünftiges Kaffetrinken auszutauschen. Schräge Vögel sind natürlich auch dabei: eine junge Frau ist gestern erst angekommen und hat ihre Eltern im Schlepptau. Eine Asiatin ist schon länger hier und auch nach sechs Monaten in diesem Umfeld kaum zu verstehen – die Hälfte des Gesprächs muß ich raten, was sie mir gerade erzählt. Eine Griechin mischt sich ziemlich demonstrativ ein Gespräch ein und erklärt uns umgehend, daß es die Krise eigentlich gar nicht gibt: erst seit so ein Rummel darum gemacht wird, seien Probleme entstanden – ich schweige dazu diplomatisch.

Das skurrilste Ereignis geht an mir leider völlig vorbei und ich erfahre Details erst später aus zweiter Hand: die Orientierungsveranstaltung für mitreisende Partner. Die dort anwesenden jungen Damen und (in kleinerer Anzahl) Herren wurden eingehend darüber informiert, wie sie ihren Partner im anstehenden Jahr optimal unterstützten können: Kochen, Putzen, Kinderbetreuung, administrative Pflichten übernehmen, inklusive nützlicher Hinweise, welche Supermärkte für welche Güter empfehlenswert sind und wie mit Behörden umzugehen ist. Die solcherart Belehrten haben es offenbar mit Humor genommen, jedenfalls lachen wir auf der abendlichen Social Hour herzlich darüber.

Insgesamt bin ich auf jeden Fall sehr froh, zum Semesteranfang hier gelandet zu sein – später fällt es, nach allem was ich höre, viel schwerer, Kontakte zu knüpfen und Anschluß zu finden. Ich hingegen finde es bis jetzt alles recht vielversprechend.

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