Dienstag, 5. Mai 2020
20 Seiten Papier, 8 Stempel, 3 Anläufe: Umzug
Ich bin offiziell als Diplomatin hier, und habe daher eine “Carte Diplomatique” - ein vom Außenministerium ausgestelltes Kärtchen, das den Status und die Immunitäten feststellt, und mir erlaubt, persönliche Sendungen zollfrei und kontrollfrei ins Land zu bringen. Im konkreten Fall: sieben Kisten mit Kleidung, Schuhen, Sportzeug, Büchern, ein paar Familienfotos und zwei Lieblingstassen. Bis die sieben Kisten aus London allerdings hier waren, war es ein langer Weg.

In der ersten Woche meiner Ankunft mußte ich Passfotos machen – viele. Dazu bin ich in der Mittagspause in ein Geschäft gefahren, in dem zwischen Druckern, Kopierern und alten Computern wenig Platz übrig war. Man rückte mir einen Stuhl zurecht, ein junger Helfer hielt ein weißes Tuch hinter mir als Hintergrund hoch, ein anderer schnitt die fertigen Fotos zurecht – nach zwanzig Minuten hatte ich 15 Passfotos. Sieben davon gingen mit dem Antrag ans Außenministerium – allerdings erst eine Woche später, weil der Kollege aus der Protokollabteilung vorher keine Zeit hatte. Als nächstes teilte er mir mit, daß man mir leider die korrekte Karte für meinen Status (eine rote) nicht geben könne – denn die seien dem Außenministerium leider gerade ausgegangen. Nach einigem hin und her einigten wir uns, daß die minderwertige grüne Karte immer noch besser als gar keine wäre, und nur zehn Tage später bekam ich mein Kärtchen.

Damit konnten meine sieben Umzugskisten endlich das Lager in London verlassen, Destination Abidjan Flughafen. Es war ohnehin absehbar, daß ich die Ladung persönlich würde abholen müssen, und eine genauere Adresse hatte ich zu dem Zeitpunkt auch gar nicht, weil ich während der Wohnungssuche in einem AirBnB abgestiegen war.

Nach sieben Tagen – davon zwei Übernachtungen am Flughafen in Casablanca – trafen meine Kisten hier ein. Der Protokollkollege machte sich auf den Weg, kam mittags wieder ins Büro und verkündete freudestrahlend, ich könne umgehend losfahren, und müsse nur noch 30,000 Franc Dokumentengebühr an der Kasse zahlen um meine Kisten direkt mitzunehmen. Er habe das leider gerade nicht erledigen können, weil die Kasse geschlossen gewesen sei. Auf Rückfrage stellte sich heraus, daß die Kasse erst nachmittags wieder öffnet – also besser doch nicht sofort losfahren.

Ich erhielt ein Blatt Papier von ihm – Nachweis der diplomatischen Lieferung.

Nachmittags kam ich am Frachtterminal an, fragte mich durch, irgend jemand bot seine Hilfe an, ich nahm an, wir gingen zur Kasse und mußten warten. Dann schlurfte ein älterer Herr und Kassenaufseher zu einer anderen Kasse, wo ich dann endlch zahlen durfte, gegen Beleg. Ich wähnte mich kurz vorm Ziel, aber dann gab es ein kleines Problem mit den Papieren, der Jemand schleppte mich in ein Büro.

Vorrübergehend dachte ich, ich säße einem etwas leger gekleideten Zollbeamten gegenüber, so kritisch und vorwurfsvoll wurde ich befragt – aber nein, dies stellte sich als mein Fracht-Dienstleister heraus. Dies, nachdem ein weiterer Jemand auftauchte und mich (ebenfalls vorwurfsvoll) fragte, warum ich ihn nicht angerufen hätte, er habe doch überall nach mir gesucht und Ausschau gehalten. Um keine weiteren Verwirrungen zu stiften, habe ich mich lieber wortreich entschuldigt und mein mangelhaftes Französisch veranwortlich gemacht, statt zu erklären, daß mir niemand gesagt hatte, ich solle bei der Ankunft jemanden anrufen. Immerhin hatte ich jetzt zwei Jemande, die sich mit meinen Fall befassen würden. Nach einigem hin und her verstand ich das Problem (theoretisch wenigstens): auf den Frachtpapieren war als Empfänger der Flughafen angegeben – nicht ich oder mein diplomatischer Arbeitgeber. Auch wenn die Lieferung natürlich offensichtlich von mir und für mich war, mein Name auf den Kisten, auf den Papieren als Absender, ich persönlich als Empfänger anwesend. Dennoch ein "grand problème".



Eine Stunde später saß ich immer noch in dem Büro, dann mußte ich zum Passagierterminal gehen und mehr Geld abheben für weitere Gebühren, dann saß ich wieder in dem Büro, und dann konnten wir endlich zu den Zöllnern gehen, nun mit kompletten Dokumenten.

Da waren es schon fünf Blatt Papier. Nur war es inzwischen leider 17h und der leitende Zollbeamte bereits ins Wochenende verschwunden. “Bitte kommen Sie nächste Woche wieder.”

Die folgende Woche machte sich der Protokollkollege wieder auf den Weg. Telefonierte mit dem Flughafen, dem Frachtdienstleister, und dem Zoll. Am Mittwoch vermeldete er, das “Dossier” sei nun bearbeitet, ich könne meine Kisten abholen. Aber ich möge sicherheitshalber eine Maske mitnehmen, Corona und so. Nach drei Anläufen fand ich den Kollegen, der den Maskenvorrat meines Arbeitgebers verwaltet und machte mich mit zwei Masken auf den Weg. Das war gut vorausgedacht, denn ohne Maske (wenigstens vorm Kinn, wenn schon nicht vorm Mund) kein Eintritt in die Zollbüros.

Vor Ort angekommen wurde ich diesmal bei Ankunft auf dem Vorplatz von meinem Dienstleister direkt gefunden, wir gingen zu den Zöllnern. Dank der Masken konnten wir bei im Büro des leitenden Zollbeamten vorsprechen und in der Tat, das Dossier war bearbeitet – und zur Vorlage an weitere Zoll- und Kontrollkollegen weitergeleitet worden. Die Kisten mitnehmen? “Mais non, Madame, il faut se patienter encore un peu.”

Ich kann nur spekulieren, mutmaße aber, daß das “Dossier” inzwischen mindestens zehn Seiten hatte.

Die darauffolgende Woche informierte mich der Protokollkollege erneut, ich könne nun meine Kisten abholen. Sicherheitshalber rief auch den Jemand vom Frachtdienstleister an, und der bestätigte - “Dossier traité”. Ein drittes Mal ins Taxi, ein drittes Mal den Jemand auf dem chaotischen Vorplatz finden, diesmal ohne Umweg über die Zöllner direkt zur Frachtausgabehalle. Da standen sie, meine sieben Kisten mit dem blauen Paketband – ich war geradezu gerührt von dem Anblick. Arg mitgenommen von außen, aber insgesamt unbeschadet. Wir drehten eine letzte Runde, verhandelten mit einem weiteren Zöllner, der mit der Aufsicht über den Frachtscanner betraut war, ein letztes Mal zeigte ich mein grünes Diplomatenkärtchen, und dann konnten wir die Kisten endlich auf einen kleinen LKW verladen. Die Kisten waren dann die ersten Gegenstände, die in meine frisch angemietete Wohnung eingezogen sind.



Das Dossier zu diesem Zeitpunkt: fast zweihunder Euro Gebühren, vier Mitwirkende auf meiner Seite, zwanzig Seiten Papier, und über zehn verschiedene Stempel und Unterschriften.

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Ähnlich, und doch anders
Da bin ich wieder. Als ich vor sechs Jahren den letzten Beitrag schrieb, dachte ich nicht, daß ich mich hier noch einmal melden würde. Erstens war ich vorwiegend in langweiligen europäischen Großstädten, wo es nicht soviel Bemerkenswertes zu erzählen gab. Zweitens war ich offline ziemlich umtriebig, ich war auf Parties und Bällen, habe neue Sportarten probiert (Polo, Tauchen, Radfahren), neue Freunde gefunden und auch wieder verloren – all das hat mich auf Trab gehalten.

Jetzt hingegen fühlt es sich ein bißchen wie 2008 an – ich bin wieder in einem fremden Land, das Sozialleben ist eingeschränkt, und ich habe zum ersten Mal wieder das Bedürfnis, kleine Erlebnisse des Alltags zu teilen, weil der Alltag hier so ganz anders ist.

Hier, das ist Abidjan, Cote d’Ivoire. Nicht Elfenbeinküste, bitte, das verbitte ich mir, aus Loyalität zu meinen Gastgebern, denen das sehr wichtig ist. Abidjan war in den siebziger Jahren eine der fortschrittlichsten Metropolen Afrikas. Kakaoexporte haben Strassen, Schulen, und Hochhäuser finanziert. Dann kam die Wirtschaftskrise, dann der Bürgerkrieg, aber seit zehn Jahren geht es wieder aufwärts.

In Abidjan kann man als Expat prima leben, jedenfalls kein Vergleich mit Kinshasa, damals. Es gibt mehrere Einkaufszentren, Schnellstrassen, nicht nur Burger King sondern auch Sushi, Supermärkte, einen Golfclub, immer noch Hochhäuser, offizielle Taxis (inoffizielle natürlich auch).

Im Unterschied zu damals, bin ich hier nicht nur auf Stippvisite. Mein Arbeitgeber hätte mir einen kompletten Container verschifft, wenn ich denn gewollte hätte – wollte ich aber nicht. Angekommen bin ich mit zwei Koffern. Acht Wochen später kamen sieben Umzugskisten Luftfracht an (das wird eine Geschichte für sich). Heute besitze ich außerdem eine komplett neue Wohnungseinrichtung (Sofa, Esstisch, Schreibtisch, Konsolen, Regale (auch eine Geschichte), zwei Bilder, ein Bett, zwei Matratzen, zwei Moskitonetze, neues Geschirr und Besteck, Flaschenöffner und was man sonst so in der Küche braucht – und ein Auto. Wie es sich gehört, ein SUV natürlich. In knallrot, damit ich in der Anarchie des hiesigen Straßenverkehrs gesehen werde, periphere Sicht und Leuchtfarben und so. Der Autoerwerb ist nicht nur eine Geschichte, sondern eher drei.

Ich habe also schon so einiges erlebt in den drei Monaten, die ich jetzt hier bin. Und ich bin froh, wieder hier zu sein – ich bin ja kein Fan von “Africa is a country” Artikeln und Perspektiven, Afrika ist so vielseitig und jedes Land verdient Aufmerksamkeit mit seiner eigenen Identität. Aber gemeinsam ist allen Ländern, daß der Alltag anders ist, und ich empfinde es immer noch als Privileg, hier sein zu dürfen, und mehr von der Welt zu sehen, als ich mir hätte erträumen können.

Ich freue mich immer noch jeden Abend am Sonnenuntergang, der hier soviel öfter ein echtes Naturschauspiel ist.



Ich freue mich, im Kofferraum des Taxis vor mir (Modell Toyota Corolla) sieben kleine Ziegen zu entdecken.



Ich freue mich, wenn die Polizisten mich rüberwinken, denn dann folgt eine unterhaltsame Unterhaltung. Ich freue mich, wenn ich alltägliche Straßenszenen beobachten kann, während ich im Stau stehe.



In diesem Punkt hat sich also seit “damals” in Kinshasa nichts verändert – ob das heute noch jemand lesen will, weiß ich nicht, aber wir werden ja sehen… .

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