Mittwoch, 23. Dezember 2009
Verkehrschaos und Weihnachtsfrieden
Falls ich dachte, der Kongo habe das Recht auf Katastrophen und Chaos gepachtet, wurde ich auf meiner Rückreise eines besseren belehrt. Ich war durchaus noch rechtzeitig in Heathrow, eine Stunde bis zum Abflug, aber im Check-in Bereich der Star Alliance endlose Schlangen. Nach Rücksprache mit dem Bodenpersonal durfte ich die überholen, einchecken und sollte nicht einmal meine Tasche abgeben. Das war allerdings auch das Ende aller Freuden: an der Sicherheitskontrolle wurden mir meine Christmas Cracker – zur Familienunterhaltung über die Feiertage erstanden – abgenommen. Auch mit der Tasche zusammen für den Frachtraum einchecken war verboten, wie sich auf Rückfrage nach etlichem hin und her herausstellte. In der Wartehalle setzte ich in froher Erwartung des baldigen Abflugs die letzten britischen Peso-Pfund in Bücher und Tee für Papi um und wunderte mich, daß das Gate noch nicht angekündigt war. Um 17h45, also zum Zeitpunkt des geplanten Abflugs, lernte ich, daß der Flug auf unbestimmte Zeit verschoben sei. Um sieben saß ich in der Wartehalle. Um halb acht zog ich – Wunschdenken – auf eine andere Bank um. Überlegte, mit Kreditkarte Essen zu kaufen - leider war die gesperrt weil das Limit (noch aus Kongo-Zeiten niedrig gesetzt) durch meinen Einkaufs-Wahn gesprengt worden war. Um acht ging es endlich zum Gate. Um neun wurde ein Flug zum Boarding aufgefordert, leider nicht meiner, sondern die Maschine, die schon um 17h00 hätte starten sollen. Um halb zehn ging es los – in Reihenfolge der Sitzreihen von hinten, ich leider ganz vorne. Ein überaus gesprächiger Flugkapitän informierte uns, daß schon in Frankfurt erstens zu wenig Ladepersonal fürs Gepäck verfügbar gewesen sei, zweitens zu wenig Enteisungsmaschinen und drittens die Startbahnen vereist seien – ebenso wie jetzt in London. Bis es endlich losging hörte ich der kleinen Familie in der Reihe vor mir zu: Vater Deutscher, Mutter Französin, die kleine Tochter – vielleicht drei Jahre alt – plapperte munter in allen Sprachen und drehte fast durch vor Freude, als das Flugzeug endlich rollte. Kurz nach dem Start legte sich die Maschine seitlich in die Kurve und die Kleine krähte begeistert: „landen! landen! landen!“ Um halb zwölf in Frankfurt mußten wir noch mal warten, dann wurde eine Treppe ans hintere Ende gedockt und ich auch noch um die Gunst des frühen Ausstiegs (Sitzreihe 8!) betrogen, um halb eins war ich endlich draußen. Rückblickend allerdings kann ich froh sein, nicht einen Tag später geflogen zu sein.
Am nächsten Tag habe ich mein Bestes getan, den Frankfurter Einzelhandel zu unterstützen und gleichzeitig die Empfehlung des Arbeitsamtes umgesetzt, mein Vermögen auf die Freibetragsgrenze für ALG II runterzuleben. In der Bahn herrschte ebenfalls weihnachtliche Stimmung. In jenem InterCity, der nicht nur in Städten sondern auch an jeder Hundehütte auf der Strecke hält, stiegen in einem der Provinznester drei Jugendliche nahe der Volljährigkeit zu, unterwegs in die nächste Stadt. Das Mädchen und einer der Jungs überaus wohlgenährt, alle drei bescheiden gekleidet, auf rührende Weise begeistert von ihrem Ausflug in die weite Welt. Bis die Schaffnerin sie aufklärte, mit dem Regionalticket seien sie leider im falschen Zug. Betretenes Schweigen, Rückfragen, die drei waren sichtlich überrascht und verunsichert. Die Schaffnerin sah aus wie eine typische Berufs-Ziege, schmales Gesicht, blond toupierte Haare, giftroter Lippenstift – so kann die Optik täuschen! – , war aber überaus freundlich, erklärte den dreien ihr Vergehen und ließ sie dann mit einer strengen Ermahnung ziehen. Überhaupt fühlte ich mich von Weihnachtsfrieden umgeben, junge Männer hoben alten Damen ihre Koffer in den Zug, Schaffner waren großzügig und jovial und junge Leute boten ihren Sitzplatz älteren Herrschaften an.

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Montag, 21. Dezember 2009
Wintermärchen
Schneechaos in Deutschland? Habe ich erst mitbekommen, als ich in Heathrow festsaß, vorher war ich damit beschäftigt, mich zu amüsieren. Ich war in der National Gallery und im Museum of London, bin viel gebummelt, habe zwanzig Minuten damit zugebracht, rund um Cannongate nach der richtigen Haltestelle für die Linie 11 zu suchen, weil ich unbedingt Bus fahren wollte, war in der Oper und fein essen mit netten Menschen.
Der erste Abend begann später als mir lieb war, erst um kurz nach neun rief mein Bekannter an, und als ich zwanzig Minuten später im Restaurant ankam, waren seine Freunde und er schon da. Sein Freund P. klassischer Angehöriger der upper class: sehr britischer Akzent, sehr teure Manschettenknöpfe und noch teurere Uhr, und dabei doch nett und absolut understatement. Seine Freundin L. ebenso. Als ich gerade bestellen wollte, wurden die Vorspeisen der übrigen gebracht und ich bestand darauf, nur ein Hauptgericht zu bestellen. Nacheinander gab mir erst mein Freund K. von seinen Jakobsmuscheln ab, dann reichte die L. eine Gabel von ihren Ravioli über den Tisch und Minuten später versorgte sie mich auch mit Foie Gras auf Brot von P.s Teller. Wobei P. sie ermutigte und sich für sein Versäumnis entschuldigte. Meine Pappardelle mit Kalb waren hervorragend: normalerweise muß man ja bei Nudeln mit X immer sehr sparsam das X einteilen, damit es für die vielen Nudeln reicht – diesmal jedoch hatte ich am Ende immer noch großzügig Kalb auf dem Teller. Die drei unterhielten sich vorrangig über ihren Bekanntenkreis und gemeinsam verbrachte Abende oder Wochenenden in S. und P. merkte an: “that is my country house“. Dem Tonfall und Gespräch nach hätte ich mir vermutlich eine kleine Hütte vorgestellt, allerdings wußte ich von K. schon, daß das country house ein ausgewachsenes Herrenhaus, zumindest teilweise unter Protektion des National Trust, ist. Davon abgesehen erfuhr ich, daß die L. unglücklich verliebt ist in irgendeinen Snob der Oberschicht, der sie vor kurzem abgeschossen hat, weil sie nicht zur richtigen Schicht gehört, und daß das beste Dessert gar nicht auf der Karte zu finden ist, sondern nur auf Verlangen gezaubert wird: halbgefrorene rote Beeren mit flüssiger weisser Schokolade und Chantilly Crème. Sämtliche Vorurteile über idiotische Investmentbanker und britische Snobs wurden vom P. jedenfalls aufs Schönste widerlegt und die L. ist eine reizende junge Frau – hätte ich solche Freunde, könnte ich London als Wohnsitz vermutlich auch mehr abgewinnen.
Andere Einblicke erhielt ich am Freitag: während ich den Abend in der Oper verbrachte, war meine Gastgeberin zum Abendessen eingeladen: zwei junge Herren, zwei junge Damen und eine Packung Christmas Cracker mit Musikpfeifen drin. Der weinselige Abend endete damit, daß die Herrschaften aus dem Stand heraus mit den Zähnen ein Stück Pappe vom Boden aufheben sollten – und als der einen Dame die Hose dafür zu eng wurde, zog sie selbige offenbar aus. So berichtet nachts um eins, als meine Gastgeberin heimkehrte. Meine Oper hingegen war wunderbar, ich war so lange nicht mehr in Covent Garden, hatte einen hervorragenden Platz ganz weit oben, und beobachtete in den Pausen das übrige Publikum. Freundlicherweise stehen in allen Restaurants in den Pausen Karaffen mit eisgekühltem Wasser auf den Tresen - mutmaßlich fürs Fußvolk wie mich - während an hübsch gedeckten Tischen die Oberschicht kleine Snacks zu sich nimmt. Die Musik war natürlich wunderbar, der Applaus enthusiastisch und ich sehr glücklich mit meinem Abend.
Am Sonntag war ich noch mit einem anderen Freund – ebenfalls Investmentbanker, aber fröhlicher Teilhaber einer eher studentischen Wohngemeinschaft und von einem Wissensdurst, der mich jedesmal Staunen macht – frühstücken und auf dem Weihnachtsmarkt im Hyde Park Glühwein trinken. Unter strahlend blauem Winterhimmel und im kalten Sonnenschein eines perfekten Wintertags gefiel mir London ausnehmend gut.

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Donnerstag, 17. Dezember 2009
Auch nicht besser
Ich liebe meine Familie – aber die Liebe wächst mit der Entfernung. Meine Mutter wurde vor Jahren gefragt, ob sie es nicht bedauere, daß nun alle Kinder aus dem Haus seien. Sie verneinte, es sei sogar ganz großartig, denn man könne sich immer zwei Mal freuen: wenn die Kinder kommen und wenn sie wieder abreisen. Mir geht es ganz ähnlich, und mehr als zehn Tage konsekutiv mit meinen Eltern und Geschwistern sind für mich ein Alptraum, gleichauf mit einem langweiligen Job in der deutschen Privatwirtschaft. Folglich habe ich die erste sich bietende Möglichkeit genutzt, vor den Weihnachtsfeiertagen noch einmal zu flüchten und Freunde in Frankfurt besucht. Am Dienstag war ich mit meiner besten Freundin C. und ihrem Liebsten S. essen. Am Mittwoch war ich mit der ehemaligen Kollegin V. zu Mittag verabredet, habe teuer gekleidete Investmentbanker mit unsäglichen Tischmanieren bestaunt und einen riesigen Eimer Thai-Curry verspeist. Danach habe ich weitergestaunt, die neue Zeil, den häßlichen Glaskasten, das Palais aus der Retorte. Das neue Palais erinnert mich in seiner Künstlichkeit an Deko-Obst aus Holz oder Plastik: hübsch anzuschauen, aber irgendwie nicht authentisch. Um sechs bin ich zum Glühweintrinken mit Freunden zum Römer geeilt und um acht war ich mit K. zum Abendessen verabredet.

K. ist ein besonderer Fall: wir haben uns vor fast drei Jahren eher zufällig kennengelernt, der Abend endete damit, daß er mich nach London einlud, auf seine Kosten. Soviel Großzügigkeit war mir eher unheimlich und letztlich haben wir uns meistens in Frankfurt getroffen, abgesehen von einer Gelegenheit, wo ich eine Freundin in London besucht habe und folglich von ihm unabhängig war. Ich erinnere mich noch, wie ich damals – seit langer Zeit zum ersten Mal wieder – zum Flughafen fuhr in aller Frühe, voller Vorfreude auf den Flug, eine vergleichsweise weite Reise, eine fremde Stadt und das vor mir liegende Abenteuer. Wiederholt hat er mich seither eingeladen, nie mochte ich kommen: innerhalb von zwei Tagen Flug und Hotel buchen und mich spontan auf den Weg zu machen war mir fremd, und so beklagte K. regelmäßig meine überaus deutsche Planungssucht und Treffen wurden auf seinen nächsten Geschäftsbesuch in Frankfurt verschoben. Dieses Mal hingegen war mir jedes Ziel recht, um der geliebten Familie noch einige Tage zu entgehen, besagte Freundin hat inzwischen eine Wohnung mit Gästebett, auch der Wechselkurs kommt mir entgegen, und so habe ich spontan am Dienstag Abend einen Flug für Donnerstag morgen gebucht und K. informiert, er möge mich in seine Abenplanung am Wochenende bitte einbeziehen. Er fragte per Textnachricht: Who are you? And what have you done with Damenwahl?

Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: gestern Abend waren wir essen, schon nachmittags rief er an und schlug beiläufig ein indisches Restaurant vor. Ich war zu sehr mit bummeln und staunen beschäftigt, um mir über eine alternative Adresse den Kopf zu zerbrechen und so traf ich ihn um halb neun an der Bar. Selbstverständlich kannte er – wie fast überall, wo wir jemals essen waren – den Eigentümer und das halbe Personal. Natürlich hatte er schon ein Glas Whisky vor sich und bestellte für mich einen Martini, kaum daß er meiner ansichtig wurde. Um neun wurde unser Tisch frei, er bestellte ein Steak und suchte einen feinen Wein aus, ich entschied mich für dreierlei Hähnchen. Ich habe die Angewohnheit, das Beste zuletzt zu essen, gestern Abend jedoch war ich aufgeschmissen: alles war wunderbar. Das Hähnchen im Backteig mit Mangochutney, das Tandoori mit Sauce ebenso wobei die dritte Variante – Chicken Tikka – leicht vorne lag. Ich halte ja sonst nicht viel von Fresstempeln für hippe Investmentbanker, aber das Essen war definitiv gut. Ohne die Herrengesellschaft am Nebentisch wäre es noch schöner gewesen. Im Bücherregal standen übrigens Bismarcks Briefe an seine Gattin. Im Restaurant. Interessierte außer mir aber niemanden.

Heute morgen dann zum Flughafen. In der S-Bahn saß mir eine etwas ältere, grauhaarige Stewardess gegenüber – sehr gepflegt, wie sich das gehört. In Niederrad stieg eine Frau dazu, relativ jung vermutlich, aber verhärmt, etwas dicklich und schäbig gekleidet, mit tiefroten Augen und sehr ungesundem Aussehen. Ihren Bauch umfassend bat sie die übrigen Fahrgäste um etwas zu essen und während ich noch überlegte, was sie wohl von einer Spende kaufen würde, kramte die Stewardess eine Orange und eine Dose Erdnüsse aus ihrem Gepäck und überreichte beides. Die Frau hustete entsetzlich, erklärte, an der Bahnhofsmission gebe es nur noch Tee, keine Suppe, weil so viele Obdachlose dort seien. Die Stewardess verwies auf die Flughafenmission und die Frau begann zu schniefen, dann zu weinen, man würde sie nun auch aus ihrer Wohnung rauswerfen, weil sie verbotenerweise vier Paar Schuhe im Flur habe stehen lassen, dabei täten das alle. Die Stewardess versuchte zu trösten, die übrigen Anwesenden schauten verlegen zum Fenster hinaus. Nachdem die Frau – Orange und Erdnüsse in der Hand – gegangen war, entspann sich eine kurze Diskussion über das deutsche Sozialsystem und Kinder als Hauptleidtragender einer verfehlten Politik.

Wenn man etwas genauer hinschaut, sind die sozialen Unterschiede in unserem schönen Wohlstandsland genauso frappierend wie jene im Kongo. Dabei hätten wir soviel mehr Möglichkeiten, uns selbst zu helfen. Traurige Erkenntnis.

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