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Jedem Mißstand seine Lobby
Die Beamten der EU-Kommission kämpfen derzeit für ihre regelmäßige Gehaltserhöhung. Da EU-Beamten, wie allgemein bekannt und leicht zu verifzieren ist, nicht schlecht verdienen, kann man die Angemessenheit der Gehaltserhöhung durchaus hinterfragen, andererseits wurden die jährlichen Erhöhungen ja nicht umsonst in eine verbindliche Formel verpackt und wenn diese Formel in gerade diesem Jahr unangemessen scheint ist das wirklich dumm. Andererseits ist es nie sehr elegant, einmal gemachte Zusagen zurückzunehmen und am Ende – unbeachtet aller finanziellen Konsequenzen – wird das ohnehin nicht gerade glänzende Image aller Streitparteien wohl weiteren Schaden genommen haben. Und die Bevölkerung der EU-Staaten wieder einmal Grund haben, über die ausufernde EU-Bürokratie und die verkrusteten Lobbying Strukturen zu lamentieren. Interessante Lektüre zu diesem Thema ist das Büchlein Postdemokratie von Colin Crouch, der Wirtschaftsunternehmen und Lobbyismus als Strippenzieher im modernen Staat sieht. Auch in unserer schönen Heimat gibt es viele sichtbare– und vermutlichen noch mehr unsichtbare – Fälle von Interessenpolitik und Lobbyismus: Beamtengehälter, wirtschaftliche Interessen großer Industrien, Krankenkassen und Gesundheitspolitik und sowieso machen ja die meisten Politiker nicht das, was sinnvoll wäre, sondern das, was am wahrscheinlichsten zur Wiederwahl führt.
Es liegt vermutlich in der Natur des Menschen, immer das eigene Interesse ohne Rücksicht auf andere durchzusetzen, sofern er irgend kann. Besonders gut kann man im Kongo. Fast immer fallen hier kollektives, gesamtgesellschaftliches und individuelles Interesse auseinander. Fast alle wesentlichen Dienstleister (Energie, Wasser, Transport...) sind seit jeher Staatsunternehmen: Dienstleister, Beschäftigungsmaßnahme und Wirtschaftsmotor in einem. Inklusive sämtlicher Behörden und Wirtschaftsunternehmen hält der Staat zumindest Teileigentum an über fünfzig Entitäten, und jede davon hat mindestens zwei Interessengruppen: die gutbezahlten Kader und die mäßig oder gar nicht bezahlten niederen Angestellten. Von Kundenlobbies hört man selten, jedoch gilt es noch die Interessen der vierzig verschiedenen Ministerien miteinzubeziehen, die allein oder gemeinsam für die Aufsicht verantwortlich sind. Alle dieser Gruppen – und ohnehin jeder einzelne für sich – denken zuallererst an sich selbst, maximieren den eigenen Vorteil und vermutlich noch den der näheren Verwandtschaft oder der eigenen Interessengruppe. Ein kollektives Interesse darüber hinaus oder Solidarität jenseits der eigenen Wohlfahrt gibt es nicht. Niemand fragt sich: welche Auswirkungen hat mein Handeln auf die Gesellschaft als Ganzes? Und leider gibt es kein Gesetz, kein Gericht und keine Institutionen, die das kollektive Interesse wirksam zu schützen vermöchten. Aus Eigennutz erwachsen harte Lebensumstände und ständiger Überlebenskampf, die wiederum den Eigennutz zur einzigen Überlebensstrategie machen. Jeder Mißstand hat eine Lobby, die von deren Erhalt profitiert, und so steckt das gesamte Land in einem kollektiven Dilemma.
Natürlich wäre es gesamtwirtschaftlich sinnvoll, hoffnungslos ineffiziente Staatsunternehmen zu reformieren, überbordende Personalbestände zu reduzieren und vergreisende Mitarbeiter in die Rente zu schicken. Dagegen sind sämtliche Mitarbeiter, die Entlassung und Arbeitslosigkeit für den Rest ihres Lebens fürchten, sogar Mitarbeiter anderer Unternehmen, und bereits Entlassene, die auf gleichwertigen Konditionen für alle Entlassenen beharren, dagegen sind diverse Gewerkschaften und natürlich – letzten Endes – Politiker, die unpopuläre Entscheidungen vermeiden. Sinnvoll wäre es auch, das Land würde sein juristisches Rahmenwerk neu strukturieren und demjenigen anderer Länder der Subregion angleichen, zum Beispiel mittels Beitritt zur Organisation pour l'Harmonisation en Afrique du Droit des Affaires. Trotz aller politischen, finanziellen, und internationalen Unterstützung jedoch hängt das Projekt immer noch in administrativen Prozessen fest, dies nun schon seit 2004. Man kann sich schon fragen, ob es möglicherweise Juristen im Lande gibt, die keine Lust haben, von einem Tag auf den anderen mit nutzlosem Wissen dazustehen und noch einmal neu lernen zu müssen, und welche Macht eine solche Lobby möglicherweise entfalten könnte in einem Land, in dem die gut ausgebildete Elite sehr klein und sehr gut vernetzt ist.
Was für große Gruppen gilt, läßt sich auch auf einzelne Mitglieder der Eliten übertragen: Ein amerikanischer Ex-Präsident kann sich als Redner oder politischer Aktivist engagieren, ein deutscher ex-Bundeskanzler als Berater der Wirtschaft oder Aufsichtsratsmitglied und im Notfall bliebe immer noch die normale Verrentung mitsamt diverser Doktortitel ehrenhalber. Diese Optionen stehen dem afrikanischen Politiker nur begrenzt zur Verfügung. Möchte er eine vernünftige Rente haben, die ihm den gewohnten Lebensstil – mitsamt regelmäßiger Flüge für die gesamte Familie in die westeuropäische Zivilisation – finanziert, muß er sich zu Amtszeiten bemühen, ein enstprechendes Gesetz auf den Weg zu bringen. Ehrenhafte Tätigkeiten für Rentner in der Wirtschaft sind angesichts des desolaten bzw. kaum existenten Privatsektors dünn gesät und sollte sich die Transition aufs Altenteil aufgrund außergewöhnlicher, gewalttätiger Umstände ergeben – in Afrika nicht eben die Ausnahme – bleibt ohnehin nur noch die Flucht ins teure Exil. Unter solchen Umständen würde jeder Wirtschaftswissenschaftler bescheinigen, daß rechtzeitige Anhäufung größtmöglicher Reichtümer auf Schweizer Bankkonten eine vernünftige Strategie darstellt, solange keine Sanktionen drohen. In jedem Fall aber eine gute Altersabsicherung für schlechte Zeiten. Ähnliches gilt für jede einflußreiche Person im Einflußkreis der Machthaber: die Kombination aus fehlender Alterssicherung, politischer Fragilität und hochgradig unsicheren Zukunftsaussichten machen es für den verantwortungsbewußten Pater Familias geradezu notwendig, in guten Zeiten für die schlechten vorzusorgen. Da dies nicht nur für das Staatsoberhaupt sondern für einen wesentlichen Teil des politischen Regierungsapparats gilt, hat niemand ein Interesse daran, entschlossen gegen derartige Mechanismen zu kämpfen. Vor die Wahl gestellt, staatliche Gelder dem Erhalt der Infrastruktur oder dem Bildungswesen zuzuführen oder den privaten Kassen, fällt die Wahl nicht schwer. Infolgedessen muß aber auch der mittlere Angestellte oder Beamte für die Schuldbildung seiner Kinder bezahlen und angesichts desolter Straßen ist ein solider Geländewagen der Mittelklasse-Limousine stets vorzuziehen. Diese Ausgaben sind von einem durchschnittlichen Gehalt nicht zu bezahlen und so hält sich jeder an der nächstschwächeren Partei schadlos, um den eigenen Vorteil zu maximieren, statt die Lebensumstände für alle zu verbessern.
Das System, sich an der nächsten schwächeren oder abhängigen Partei bei fast jeder Transaktion schadlos zu halten, zieht sich bis ganz hinunter in die untersten Ränge: auch der letzte Zollbeamte oder LKW-Fahrer nutzt seine – wie auch immer beschränkte – Macht aus, das erbärmliche Hungergehalt aufzubessern. Polizisten drangaslieren die Autofahrer in der Stadt ebenso wie LKW-Fahrer und Transportunternehmen, um aus deren erbärmlichen Löhnen ihre eigenen – ebenso bescheidenen – Gehälter aufzustocken. Der LKW-Fahrer läßt Verwandte und Bekannte unter lebensgefährlichen Umständen schwarz mitfahren und beklaut außerdem noch seinen Arbeitgeber, wenn sich die Möglichkeit bietet. Zollbeamte bessern ihr Einkommen mit Naturalentnahmen von Importen auf, wer Arbeitsplätze zu vergeben hat orientiert sich nicht nur an der Qualifikation der Bewerber sondern auch dem Nutzen im weitverzweigten Beziehungsnetzwerk.
Kollektiv wäre es sinnvoll, diesen Teufelskreis zu durchbrechen: ohne die allgegenwärtige Korruption und Schikane könnte der Staat bessere Gehälter zahlen, Bildung könnte billiger und Betrug teurer werden, die Unternehmen anständige Löhne anbieten und das Leben würde berechenbarer für alle. Tatsächlich hält sich jedoch das desolate System des Eigennutzes selbst am Leben. Gehälter werden eben nicht pünktlich oder gar nicht bezahlt, Renten sind lächerlich niedrig und so muß sich jeder um Nebenverdienste bemühen, zumeist auf Kosten seiner Mitbürger. Im Kongo hat Korruption eine ganz eigene Dimension: gemeinhin ist ein Schaden der Korruption, daß sie die Preiskalkulation für Unternehmen erschwert und die Preisbildung auf Märkten verzerrt. Hier hingegen fließen informelle Zahlungen ganz selbstverständlich bei allen Beteiligten in die Preisfindung ein. Wirtschaftsteilnehmer wissen recht gut, wieviel bei welcher Transaktion an Schmiergeldern und Geschenken zu zahlen ist, fakturieren dies in den Preis mit ein, reichen die Kosten an die Kunden weiter. 85 % der kongolesischen Unternehmen gaben in 2006 an, für Transaktionen inoffizielle Zahlungen zu leisten – aber nur 20 % empfanden dies als wesentliches wirtschaftliches Hindernis. Wer einen neuen LKW für sein Transportunternehmen anschaffen möchte, weiß aus Erfahrung, wieviel an Zollbeamten bei der Einfuhr zu zahlen ist, wieviel städtische Beamte für die Zulassung erhalten und wieviel für einen durchschnittlichen Transport in Polizistentaschen landet – das gehört einfach dazu. Der gesamtgesellschaftliche Schaden hingegen – betrifft ja nicht den einzelnen. Der Einzelne kann auch nichts dagegen ausrichten. Unternehmerische Tätigkeit im Kongo ist nicht legal zu machen – es wird immer einen Wettbewerber geben, der seine Waren mit Extrazahlungen früher aus dem Zoll holt, seinen LKW schneller zuläßt dank Zuwendungen an die Beamten, seine Umsätze unterbewertet, um Steuern zu sparen. Jeder kennt die Spielregeln, jeder macht es, viele profitieren davon und für sich genommen möchte niemand etwas daran ändern, weil die Einkommensquelle bitter fehlen würde – beim LKW-Fahrer, beim Zollbeamten und auch beim Politiker oder Unternehmer. In aller Konsequenz zieht hier eine Gesellschaft an einem Strang – leider dem falschen.
Wer solche Zustände gesehen hat – ohne jedoch jemals den Finger auf das Problem legen zu können, immer nur basierend auf vermuteten Interessen und Verbindungen – ist geradezu dankbar für die Transparenz und Öffentlichkeit im europäischen System, wo Öffentlichkeit zumindest ein breites Bewußtsein für das Problem und seine Konsequenzen geschaffen hat. Wenn man sich fragt, warum Politiker in Afrika so außerordentlich und sichtbar korrupt und untreu sind, lautet die mutmaßliche Antwort: weil sie es können. Es fehlt an verantwortungsvollen Eliten, es fehlt an verläßlichen Gesetzen, vor allem aber fehlt es an Gerichten und Institutionen, Regeln durchzusetzen in einer Welt, in der sich kaum jemand jemals an Regeln hält. Minister erlassen ministerielle Dekrete in Bereichen, wo eigentlich zwei Ministerien verantwortlich wären und ein interministerielles Dekret notwendig wäre. Botschafter im Ausland verkaufen ihre Botschafterresidenz unter dubiosen Umständen und Rechtfertigungen, und die Unterscheidung zwischen öffentlichen, zu Dienstzwecken geliehenen Gütern und Privatvermögen scheint allgemeine Schwierigkeiten zu bereiten. Politikergattinnen reisen mit Millionen in Bargeldkoffern aus und mit Reisetaschen voll Mobiltelefonen wieder ein, ohne jemals auch nur das kleinste Problem mit nationalen Behörden zu haben – weil sie es können. Jeder ist mit jedem verwandt und das wird auch so bleiben, denn nur wer Geld hat, kann seinen Kindern eine anständige Ausbildung bezahlen und so bleiben die Machthaber unter sich – jede Generation aufs Neue mit allen Verbindlichkeiten, Verpflichtungen und gegenseitigen Loyalitäten. Folglich hat der Gesamtzustand eine Lobby all jener, die davon profitieren. Wie soll man da dem Polizisten auf der Straße erklären, daß er für seine Tätigkeit bereits bezahlt wurde und daher kein Anrecht auf zusätzliche Zahlungen hat?
Es liegt vermutlich in der Natur des Menschen, immer das eigene Interesse ohne Rücksicht auf andere durchzusetzen, sofern er irgend kann. Besonders gut kann man im Kongo. Fast immer fallen hier kollektives, gesamtgesellschaftliches und individuelles Interesse auseinander. Fast alle wesentlichen Dienstleister (Energie, Wasser, Transport...) sind seit jeher Staatsunternehmen: Dienstleister, Beschäftigungsmaßnahme und Wirtschaftsmotor in einem. Inklusive sämtlicher Behörden und Wirtschaftsunternehmen hält der Staat zumindest Teileigentum an über fünfzig Entitäten, und jede davon hat mindestens zwei Interessengruppen: die gutbezahlten Kader und die mäßig oder gar nicht bezahlten niederen Angestellten. Von Kundenlobbies hört man selten, jedoch gilt es noch die Interessen der vierzig verschiedenen Ministerien miteinzubeziehen, die allein oder gemeinsam für die Aufsicht verantwortlich sind. Alle dieser Gruppen – und ohnehin jeder einzelne für sich – denken zuallererst an sich selbst, maximieren den eigenen Vorteil und vermutlich noch den der näheren Verwandtschaft oder der eigenen Interessengruppe. Ein kollektives Interesse darüber hinaus oder Solidarität jenseits der eigenen Wohlfahrt gibt es nicht. Niemand fragt sich: welche Auswirkungen hat mein Handeln auf die Gesellschaft als Ganzes? Und leider gibt es kein Gesetz, kein Gericht und keine Institutionen, die das kollektive Interesse wirksam zu schützen vermöchten. Aus Eigennutz erwachsen harte Lebensumstände und ständiger Überlebenskampf, die wiederum den Eigennutz zur einzigen Überlebensstrategie machen. Jeder Mißstand hat eine Lobby, die von deren Erhalt profitiert, und so steckt das gesamte Land in einem kollektiven Dilemma.
Natürlich wäre es gesamtwirtschaftlich sinnvoll, hoffnungslos ineffiziente Staatsunternehmen zu reformieren, überbordende Personalbestände zu reduzieren und vergreisende Mitarbeiter in die Rente zu schicken. Dagegen sind sämtliche Mitarbeiter, die Entlassung und Arbeitslosigkeit für den Rest ihres Lebens fürchten, sogar Mitarbeiter anderer Unternehmen, und bereits Entlassene, die auf gleichwertigen Konditionen für alle Entlassenen beharren, dagegen sind diverse Gewerkschaften und natürlich – letzten Endes – Politiker, die unpopuläre Entscheidungen vermeiden. Sinnvoll wäre es auch, das Land würde sein juristisches Rahmenwerk neu strukturieren und demjenigen anderer Länder der Subregion angleichen, zum Beispiel mittels Beitritt zur Organisation pour l'Harmonisation en Afrique du Droit des Affaires. Trotz aller politischen, finanziellen, und internationalen Unterstützung jedoch hängt das Projekt immer noch in administrativen Prozessen fest, dies nun schon seit 2004. Man kann sich schon fragen, ob es möglicherweise Juristen im Lande gibt, die keine Lust haben, von einem Tag auf den anderen mit nutzlosem Wissen dazustehen und noch einmal neu lernen zu müssen, und welche Macht eine solche Lobby möglicherweise entfalten könnte in einem Land, in dem die gut ausgebildete Elite sehr klein und sehr gut vernetzt ist.
Was für große Gruppen gilt, läßt sich auch auf einzelne Mitglieder der Eliten übertragen: Ein amerikanischer Ex-Präsident kann sich als Redner oder politischer Aktivist engagieren, ein deutscher ex-Bundeskanzler als Berater der Wirtschaft oder Aufsichtsratsmitglied und im Notfall bliebe immer noch die normale Verrentung mitsamt diverser Doktortitel ehrenhalber. Diese Optionen stehen dem afrikanischen Politiker nur begrenzt zur Verfügung. Möchte er eine vernünftige Rente haben, die ihm den gewohnten Lebensstil – mitsamt regelmäßiger Flüge für die gesamte Familie in die westeuropäische Zivilisation – finanziert, muß er sich zu Amtszeiten bemühen, ein enstprechendes Gesetz auf den Weg zu bringen. Ehrenhafte Tätigkeiten für Rentner in der Wirtschaft sind angesichts des desolaten bzw. kaum existenten Privatsektors dünn gesät und sollte sich die Transition aufs Altenteil aufgrund außergewöhnlicher, gewalttätiger Umstände ergeben – in Afrika nicht eben die Ausnahme – bleibt ohnehin nur noch die Flucht ins teure Exil. Unter solchen Umständen würde jeder Wirtschaftswissenschaftler bescheinigen, daß rechtzeitige Anhäufung größtmöglicher Reichtümer auf Schweizer Bankkonten eine vernünftige Strategie darstellt, solange keine Sanktionen drohen. In jedem Fall aber eine gute Altersabsicherung für schlechte Zeiten. Ähnliches gilt für jede einflußreiche Person im Einflußkreis der Machthaber: die Kombination aus fehlender Alterssicherung, politischer Fragilität und hochgradig unsicheren Zukunftsaussichten machen es für den verantwortungsbewußten Pater Familias geradezu notwendig, in guten Zeiten für die schlechten vorzusorgen. Da dies nicht nur für das Staatsoberhaupt sondern für einen wesentlichen Teil des politischen Regierungsapparats gilt, hat niemand ein Interesse daran, entschlossen gegen derartige Mechanismen zu kämpfen. Vor die Wahl gestellt, staatliche Gelder dem Erhalt der Infrastruktur oder dem Bildungswesen zuzuführen oder den privaten Kassen, fällt die Wahl nicht schwer. Infolgedessen muß aber auch der mittlere Angestellte oder Beamte für die Schuldbildung seiner Kinder bezahlen und angesichts desolter Straßen ist ein solider Geländewagen der Mittelklasse-Limousine stets vorzuziehen. Diese Ausgaben sind von einem durchschnittlichen Gehalt nicht zu bezahlen und so hält sich jeder an der nächstschwächeren Partei schadlos, um den eigenen Vorteil zu maximieren, statt die Lebensumstände für alle zu verbessern.
Das System, sich an der nächsten schwächeren oder abhängigen Partei bei fast jeder Transaktion schadlos zu halten, zieht sich bis ganz hinunter in die untersten Ränge: auch der letzte Zollbeamte oder LKW-Fahrer nutzt seine – wie auch immer beschränkte – Macht aus, das erbärmliche Hungergehalt aufzubessern. Polizisten drangaslieren die Autofahrer in der Stadt ebenso wie LKW-Fahrer und Transportunternehmen, um aus deren erbärmlichen Löhnen ihre eigenen – ebenso bescheidenen – Gehälter aufzustocken. Der LKW-Fahrer läßt Verwandte und Bekannte unter lebensgefährlichen Umständen schwarz mitfahren und beklaut außerdem noch seinen Arbeitgeber, wenn sich die Möglichkeit bietet. Zollbeamte bessern ihr Einkommen mit Naturalentnahmen von Importen auf, wer Arbeitsplätze zu vergeben hat orientiert sich nicht nur an der Qualifikation der Bewerber sondern auch dem Nutzen im weitverzweigten Beziehungsnetzwerk.
Kollektiv wäre es sinnvoll, diesen Teufelskreis zu durchbrechen: ohne die allgegenwärtige Korruption und Schikane könnte der Staat bessere Gehälter zahlen, Bildung könnte billiger und Betrug teurer werden, die Unternehmen anständige Löhne anbieten und das Leben würde berechenbarer für alle. Tatsächlich hält sich jedoch das desolate System des Eigennutzes selbst am Leben. Gehälter werden eben nicht pünktlich oder gar nicht bezahlt, Renten sind lächerlich niedrig und so muß sich jeder um Nebenverdienste bemühen, zumeist auf Kosten seiner Mitbürger. Im Kongo hat Korruption eine ganz eigene Dimension: gemeinhin ist ein Schaden der Korruption, daß sie die Preiskalkulation für Unternehmen erschwert und die Preisbildung auf Märkten verzerrt. Hier hingegen fließen informelle Zahlungen ganz selbstverständlich bei allen Beteiligten in die Preisfindung ein. Wirtschaftsteilnehmer wissen recht gut, wieviel bei welcher Transaktion an Schmiergeldern und Geschenken zu zahlen ist, fakturieren dies in den Preis mit ein, reichen die Kosten an die Kunden weiter. 85 % der kongolesischen Unternehmen gaben in 2006 an, für Transaktionen inoffizielle Zahlungen zu leisten – aber nur 20 % empfanden dies als wesentliches wirtschaftliches Hindernis. Wer einen neuen LKW für sein Transportunternehmen anschaffen möchte, weiß aus Erfahrung, wieviel an Zollbeamten bei der Einfuhr zu zahlen ist, wieviel städtische Beamte für die Zulassung erhalten und wieviel für einen durchschnittlichen Transport in Polizistentaschen landet – das gehört einfach dazu. Der gesamtgesellschaftliche Schaden hingegen – betrifft ja nicht den einzelnen. Der Einzelne kann auch nichts dagegen ausrichten. Unternehmerische Tätigkeit im Kongo ist nicht legal zu machen – es wird immer einen Wettbewerber geben, der seine Waren mit Extrazahlungen früher aus dem Zoll holt, seinen LKW schneller zuläßt dank Zuwendungen an die Beamten, seine Umsätze unterbewertet, um Steuern zu sparen. Jeder kennt die Spielregeln, jeder macht es, viele profitieren davon und für sich genommen möchte niemand etwas daran ändern, weil die Einkommensquelle bitter fehlen würde – beim LKW-Fahrer, beim Zollbeamten und auch beim Politiker oder Unternehmer. In aller Konsequenz zieht hier eine Gesellschaft an einem Strang – leider dem falschen.
Wer solche Zustände gesehen hat – ohne jedoch jemals den Finger auf das Problem legen zu können, immer nur basierend auf vermuteten Interessen und Verbindungen – ist geradezu dankbar für die Transparenz und Öffentlichkeit im europäischen System, wo Öffentlichkeit zumindest ein breites Bewußtsein für das Problem und seine Konsequenzen geschaffen hat. Wenn man sich fragt, warum Politiker in Afrika so außerordentlich und sichtbar korrupt und untreu sind, lautet die mutmaßliche Antwort: weil sie es können. Es fehlt an verantwortungsvollen Eliten, es fehlt an verläßlichen Gesetzen, vor allem aber fehlt es an Gerichten und Institutionen, Regeln durchzusetzen in einer Welt, in der sich kaum jemand jemals an Regeln hält. Minister erlassen ministerielle Dekrete in Bereichen, wo eigentlich zwei Ministerien verantwortlich wären und ein interministerielles Dekret notwendig wäre. Botschafter im Ausland verkaufen ihre Botschafterresidenz unter dubiosen Umständen und Rechtfertigungen, und die Unterscheidung zwischen öffentlichen, zu Dienstzwecken geliehenen Gütern und Privatvermögen scheint allgemeine Schwierigkeiten zu bereiten. Politikergattinnen reisen mit Millionen in Bargeldkoffern aus und mit Reisetaschen voll Mobiltelefonen wieder ein, ohne jemals auch nur das kleinste Problem mit nationalen Behörden zu haben – weil sie es können. Jeder ist mit jedem verwandt und das wird auch so bleiben, denn nur wer Geld hat, kann seinen Kindern eine anständige Ausbildung bezahlen und so bleiben die Machthaber unter sich – jede Generation aufs Neue mit allen Verbindlichkeiten, Verpflichtungen und gegenseitigen Loyalitäten. Folglich hat der Gesamtzustand eine Lobby all jener, die davon profitieren. Wie soll man da dem Polizisten auf der Straße erklären, daß er für seine Tätigkeit bereits bezahlt wurde und daher kein Anrecht auf zusätzliche Zahlungen hat?
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Alle Jahre wieder
Der 31.12. ist alljährlich ein fürchterlicher Tag: überfrachtet mit Erwartungen, kann er eigentlich nur hinter selbigen zurückbleiben. Als Kind war Silvester noch perfekt: wir bekamen bunt glitzernde Hütchen, es gab Raclette oder Fondue, schon das Abendessen geriet zum Abenteuer und danach Knallbonbons, Bleigießen und Luftschlangen. Silvester war etwas ganz Besonderes, voller nicht alltäglicher Aufregungen und Festlichkeiten und um Mitternach standen wir alle im Garten, Mama hielt uns an den Kapuzen unserer Bademäntel fest damit wir dem Feuer nicht zu nahe kämen und jauchzend feuerten wir unseren Vater im Kampf mit leeren Weinflaschen und Feuerwerkskörpern an, schimpften bei jeder Fehlzündung wie die Rohrspatzen und konnten uns vor Freude kaum fassen, wenn sie bunt am Nachthimmel aufblühten.
Das erste Silvester ausserhalb der Familie verbrachte ich in Amerika mit Schulfreunden in einem Haus am See, wo ich im Laufe des Abends mehr „Death by Chocolate“ aß, als mir zuträglich war, Auftakt zu etlichen Jahren, die ich mit Schulfreunden in diversen Örtlichkeiten eher unspektakulär feierte bis zum Abitur.
Der schlimmste aller erwartungs-überfrachteten Silvesterabende, die Jahrtausendwende, sah mich mit Pinguinanzug und dunkelrotem Kummerbund im Hotel Interconti in Berlin. „Darf ich Ihnen noch ein Glas Champagner bringen? – Wenn Sie fertig sind, darf ich abräumen? – Fräulein, noch Wein bitte!“ Dem Anspruch, unter allen Umständen bei der besten Party des Jahres dabeizusein und unbedingt einen grandiosen Abend zu verbringen entzog ich mich, indem ich mit einigen guten Freunden die ganze Nacht kellnerte. Immerhin: die Bediensteten bekamen ebenfalls ein Glas Champagner und zehn Minuten Zeit, das Feuerwerk am Brandenburger Tor zu bewundern. Die vorangegangenen Tage hatte ich vor lauter Übermut mein gesamtes Gehalt in festliche Silvestergarderobe umgesetzt (wofür? - weiß ich bis heute nicht), die zu tragen ich keine Gelegenheit hatte: als mir das Geld für die Rückreise ausging, übernahm ich auch noch die Frühstücksschicht, mit kurzer Pause zum Füße in der Badewanne kühlen, und kehrte nach 72 Stunden in Berlin und mehreren Stunden auf dem Gang eines völlig überfüllten ICE völlig erschöpft wieder nach Hause zurück. Mein Vater hätte mich am Bahnhof abholen sollen, setzte allerdings auf halber Strecke sein Auto auf einen Baumstumpf, so daß ich mir ein Taxi nehmen mußte. Meine Familie lacht heute noch darüber, daß der Kofferdeckel jener Mercedes-Limousine beim rausheben meiner Reisetasche zurückfederte und die Kante mit meinem Kopf schmerzhafte Bekanntschaft machte, auch wenn ich damals in unserer Einfahrt vor Erschöpfung in Tränen ausbrach und danach zwei Tage durchschlief.
Ich habe etliche Silvester mit Freunden an meinem Studienort die Nächte durchtanzt, in kleinem, mittelgroßem und großem Kreis, ich habe in Ballkleidern, Cocktailkleidern und Jeans gefeiert – und mich mal mehr und mal weniger amüsiert. Mindestens einmal war ich schon am Vorabend eingeladen und startete in den letzten Tag des Jahres mit einem veritablen Katertier, ansonsten jedoch verschwimmen alle diese Nächte zu einem einzigen Essen, einem einzigen Feuerwerk und meine Tanzpartner und Tischherren könnte ich heute auch nicht mehr zuordnen.
In guter Erinnerung hingegen ist mir das Silvester 2005, an dem meine damals beste Freundin und ich schon nachmittags in der Küche aktiv wurden und um neunzehn Uhr ein unmäßig feudales, sich über Stunden ziehendes, mehrgängiges Abendessen starteten, nur für uns zwei. Um Mitternacht stiegen wir aufs Dach, nippten an unserem Sekt und erfreuten uns an anderer Leute Feuerwerken, bevor wir bis spät in die Nacht Musik hörten und von vergangenen Zeiten träumten. Zwei Jahre zuvor hatte ich noch kleiner gefeiert: mit mir selbst. An Einladungen mangelte es mir nicht, allein: mir fehlte der Wille, hunderte Kilometer durch die Republik zu fahren um auf irgendeinem mir unbekannten Marktplatz mit mir vorwiegend unbekannten Leuten die Zehen abzufrieren und so blieb ich daheim. Kaufte eine Flasche Sekt, lieh Noten und eine großartige Gesamtaufnahme vom Don Carlo aus und amüsierte mich prächtig bis gerade kurz nach Mitternacht.
Dieses Jahr allerdings sind die Aussichten bescheiden und ich bekomme die Auswirkungen meiner Reisefreude zu spüren. Meine engsten Freunde in Deutschland haben alle feste Arbeitsplätze, feste Wohnungen, feste Freundeskreise mit Wohnsitz in Deutschland und zumeist auch feste Beziehungen. In direkter Folge ihrer Lebensumstände haben außerdem alle feste und überaus solide Silvesterpläne: Raclette-Essen mit befreundeten Pärchen oder den Schwiegereltern ist das Standardprogramm und ich wäre dabei überflüssig und bin allenfalls aus Mitleid eingeladen. Die rauschenden Parties meiner Kollegen und Freunde in Kinshasa, London und Oslo sind für mich unerreichbar oder jedenfalls weiter weg als ich reisen möchte, und meine Anwesenheit auf der alljährlichen Party meines Studienumfelds würde vermutlich die jugendlichen Gäste inzwischen zu der Frage veranlassen, ob man nun schon Senioren einließe. Infolgedessen werde ich voraussichtlich mit meinen Schwestern zu Hause feiern, zu fortgeschrittener Stunde möglicherweise in weinseligem Zustand Fotos von den zehn Käsesorten präsentieren, die wir zu raclettieren planen (acht Pfännchen durch drei: wir werden nicht verhungern) und einen eher ruhigen Abend haben. Das ist auch sowieso besser, denn auf die Art kann ich meine Arbeit fertig machen und noch einige Bewerbungen schreiben, auf daß ich nächstes Jahr nicht länger der Katgorie Hartz IV Empfänger ohne Bezugsrecht angehören muß. Silvester wird wahrhaftig überschätzt.
Das erste Silvester ausserhalb der Familie verbrachte ich in Amerika mit Schulfreunden in einem Haus am See, wo ich im Laufe des Abends mehr „Death by Chocolate“ aß, als mir zuträglich war, Auftakt zu etlichen Jahren, die ich mit Schulfreunden in diversen Örtlichkeiten eher unspektakulär feierte bis zum Abitur.
Der schlimmste aller erwartungs-überfrachteten Silvesterabende, die Jahrtausendwende, sah mich mit Pinguinanzug und dunkelrotem Kummerbund im Hotel Interconti in Berlin. „Darf ich Ihnen noch ein Glas Champagner bringen? – Wenn Sie fertig sind, darf ich abräumen? – Fräulein, noch Wein bitte!“ Dem Anspruch, unter allen Umständen bei der besten Party des Jahres dabeizusein und unbedingt einen grandiosen Abend zu verbringen entzog ich mich, indem ich mit einigen guten Freunden die ganze Nacht kellnerte. Immerhin: die Bediensteten bekamen ebenfalls ein Glas Champagner und zehn Minuten Zeit, das Feuerwerk am Brandenburger Tor zu bewundern. Die vorangegangenen Tage hatte ich vor lauter Übermut mein gesamtes Gehalt in festliche Silvestergarderobe umgesetzt (wofür? - weiß ich bis heute nicht), die zu tragen ich keine Gelegenheit hatte: als mir das Geld für die Rückreise ausging, übernahm ich auch noch die Frühstücksschicht, mit kurzer Pause zum Füße in der Badewanne kühlen, und kehrte nach 72 Stunden in Berlin und mehreren Stunden auf dem Gang eines völlig überfüllten ICE völlig erschöpft wieder nach Hause zurück. Mein Vater hätte mich am Bahnhof abholen sollen, setzte allerdings auf halber Strecke sein Auto auf einen Baumstumpf, so daß ich mir ein Taxi nehmen mußte. Meine Familie lacht heute noch darüber, daß der Kofferdeckel jener Mercedes-Limousine beim rausheben meiner Reisetasche zurückfederte und die Kante mit meinem Kopf schmerzhafte Bekanntschaft machte, auch wenn ich damals in unserer Einfahrt vor Erschöpfung in Tränen ausbrach und danach zwei Tage durchschlief.
Ich habe etliche Silvester mit Freunden an meinem Studienort die Nächte durchtanzt, in kleinem, mittelgroßem und großem Kreis, ich habe in Ballkleidern, Cocktailkleidern und Jeans gefeiert – und mich mal mehr und mal weniger amüsiert. Mindestens einmal war ich schon am Vorabend eingeladen und startete in den letzten Tag des Jahres mit einem veritablen Katertier, ansonsten jedoch verschwimmen alle diese Nächte zu einem einzigen Essen, einem einzigen Feuerwerk und meine Tanzpartner und Tischherren könnte ich heute auch nicht mehr zuordnen.
In guter Erinnerung hingegen ist mir das Silvester 2005, an dem meine damals beste Freundin und ich schon nachmittags in der Küche aktiv wurden und um neunzehn Uhr ein unmäßig feudales, sich über Stunden ziehendes, mehrgängiges Abendessen starteten, nur für uns zwei. Um Mitternacht stiegen wir aufs Dach, nippten an unserem Sekt und erfreuten uns an anderer Leute Feuerwerken, bevor wir bis spät in die Nacht Musik hörten und von vergangenen Zeiten träumten. Zwei Jahre zuvor hatte ich noch kleiner gefeiert: mit mir selbst. An Einladungen mangelte es mir nicht, allein: mir fehlte der Wille, hunderte Kilometer durch die Republik zu fahren um auf irgendeinem mir unbekannten Marktplatz mit mir vorwiegend unbekannten Leuten die Zehen abzufrieren und so blieb ich daheim. Kaufte eine Flasche Sekt, lieh Noten und eine großartige Gesamtaufnahme vom Don Carlo aus und amüsierte mich prächtig bis gerade kurz nach Mitternacht.
Dieses Jahr allerdings sind die Aussichten bescheiden und ich bekomme die Auswirkungen meiner Reisefreude zu spüren. Meine engsten Freunde in Deutschland haben alle feste Arbeitsplätze, feste Wohnungen, feste Freundeskreise mit Wohnsitz in Deutschland und zumeist auch feste Beziehungen. In direkter Folge ihrer Lebensumstände haben außerdem alle feste und überaus solide Silvesterpläne: Raclette-Essen mit befreundeten Pärchen oder den Schwiegereltern ist das Standardprogramm und ich wäre dabei überflüssig und bin allenfalls aus Mitleid eingeladen. Die rauschenden Parties meiner Kollegen und Freunde in Kinshasa, London und Oslo sind für mich unerreichbar oder jedenfalls weiter weg als ich reisen möchte, und meine Anwesenheit auf der alljährlichen Party meines Studienumfelds würde vermutlich die jugendlichen Gäste inzwischen zu der Frage veranlassen, ob man nun schon Senioren einließe. Infolgedessen werde ich voraussichtlich mit meinen Schwestern zu Hause feiern, zu fortgeschrittener Stunde möglicherweise in weinseligem Zustand Fotos von den zehn Käsesorten präsentieren, die wir zu raclettieren planen (acht Pfännchen durch drei: wir werden nicht verhungern) und einen eher ruhigen Abend haben. Das ist auch sowieso besser, denn auf die Art kann ich meine Arbeit fertig machen und noch einige Bewerbungen schreiben, auf daß ich nächstes Jahr nicht länger der Katgorie Hartz IV Empfänger ohne Bezugsrecht angehören muß. Silvester wird wahrhaftig überschätzt.
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Familienidyll
Niemals langweilig wird es nicht nur im Kongo, sondern auch in meiner Familie. Wundersamerweise haben wir nicht nur die Weihnachtsvorbereitungen friedlich überstanden, sondern auch ganze zwei Feiertage.
Am Dienstag Mittag wurden mein Vater und ich mit letzten Lebensmitteleinkäufen beauftragt – allein hätte keiner von uns die notwendige Kompetenz für derlei anspruchsvolle Aufgaben, wobei wir trotzdem kläglich versagt haben: es gab in der ganzen Stadt keinen frischen Spinat mehr für Mutterns Pastete, sodaß ich mittags eine Stunde lang gefrorene Spinatblätter auseinandergefaltet und zum Trocknen ausgelegt habe. Fräulein Damenwahl die Jüngste war derweil die Weihnachtsgans auf dem Markt abholen und den Hund im Feld spazieren toben.
Lange Diskussionen über den Baum und wie die Kugeln aufzuhängen seien: Es gehört zu den alljährlichen Ritualen, daß meine Mutter jedes Jahr eine absolute Spitzentanne von etwa zwei Metern Höhe aussucht, und dann im Wohnzimmer fragt: „Ist die nicht doch ein bißchen groß?“ Völlig unbegründet, denn unsere Weihnachtsbäume sind immer perfekt. Papa erzählt dann, wie SEIN Vater SEINERZEIT – keine Nordmanntanne, damals – Äste abgesägt und woanders am Baum wieder eingesteckt hat, um die Zweige gleichmäßig zu verteilen. Die Herrin der Lichterketten bin jedes Jahr aufs Neue ich, wobei ich mir dieses Jahr die Aufgabe mit der Schwester geteilt und wir die Pflicht mit Amaretto versüßt haben und reichlich Spaß hatten. Das große Festessen fand bei uns dieses Jahr erst am 25. statt, als die ganze Familie versammelt war. Mama zeichnete verantwortlich für Fischterrine und Gänsebraten, ich fürs Dessert.
Schwester 1 [während sie mit nackten Pfoten eine weitere Scheibe Fischterrine aus der Küche auf ihren Teller holt]: Ich nehme gleich sechs Klöße! Hast Du auch genug Klöße gemacht?
Mama: Bist Du des Wahnsinns? Ich glaube, Du warst im Kongo, nicht Deine Schwester. Nimm wenigstens einen Teller, Kind!
Schwester 1: Ich habe so lange kein gutes Essen mehr gehabt, ich muß aufholen.
... [Am Ende des Hauptgangs schneidet Mama Reste für den Hund auf, Papa gibt großzügig Sauce über das Gänseklein. Schwester 2 stibitzt noch ein Stück.]
Mama: Jetzt frisst Du dem armen kleinen Hund noch den mickrigen Happen weg?! Dazu muß man wissen: der Hund lebt bei uns wie Gott in Frankreich und kann es sich leisten, gelegentlich das Trockenfutter komplett zu verschmähen.
[...]
Schwester 1 [berichtet aus ihrer Wahlheimat]: Da saß ich gestern nach D.s Abreise auf meinem Sofa und mir wurde so kalt ... hatte der doch alle Heizungen ausgedreht!?
Mama: Das halte ich für sinnvoll, der hat bestimmt gedacht: wenn Du abreist, läßt Du alles an.
Schwester 1: Was denkst Du denn, wie ich sieben Jahre in G. abgereist bin während des Studiums?
Mama: Durchheizen? Und wenn’s zu warm war, hast Du die Fenster aufgemacht?
Schwester 1 [betont beherrscht]: Das wäre eine Möglichkeit.
Papa: Ich finde ja, die Schwester Eins befleißigt sich einer sehr disziplinierten Gesprächsführung gerade.
Mama: Ja, finde ich auch. Das Schöne ist, daß man mir mit zunehmendem Alter mehr durchgehen läßt, weil ich ja langsam so atrophisch bin hier oben [tippt sich an den Kopf]. Wie bei Sissis Schwiegervater, der darf auch alles sagen und ihm wird verziehen.
Schwester 2: Aber der sagt nicht so viele Gemeinheiten wie Du.
Mama: Ja. Aber wenn ich nicht gemein wäre, wär's hier auch nicht so lustig.
Schwester 1: Was gucken wir denn jetzt heute Abend im Fernsehen?
Schwester 2: Tatort, oder Sissi.
Papa: Ich hätte auch noch einen Thriller auf DVD.
Mama: Na, den wolltest Du ja schon vor vier Wochen gucken.
Papa [zum Rest der Familie]: Aber da ging ja der Fernseher nicht.
Schwester 1: Wie heißt der denn?
Papa: Weiß ich nicht.
Mama: Jahaaa, Du bist ja auch schon ein bißchen atrophisch im Kopf.
Schwester 2: Hast Du den aufgenommen?
Papa: Ja, den hatte ich aufgenommen.
Schwester 1: Und da habt Ihr Euch also abends erwartungsfroh um 20h15 im Wohnzimmer getroffen....
Mama: Genau, erwartungsfroh um 20h15 saßen wir vorm Fernseher und Dein Vater nahm seine drei Fernbedienungen zur Hand und drückte viele Knöpfe, und dann kam auch Bild, aber kein Ton.
Papa: Ja, Ton war keiner. Weil: da war ein Stecker locker und das habe ich erst eine Woche später entdeckt.
Mama: Und dann haben wir also keinen Film geguckt. Aber heute Abend vielleicht?
Schwester 1: Falls Papa den Fernseher richtig bedienen kann.
Am Dienstag Mittag wurden mein Vater und ich mit letzten Lebensmitteleinkäufen beauftragt – allein hätte keiner von uns die notwendige Kompetenz für derlei anspruchsvolle Aufgaben, wobei wir trotzdem kläglich versagt haben: es gab in der ganzen Stadt keinen frischen Spinat mehr für Mutterns Pastete, sodaß ich mittags eine Stunde lang gefrorene Spinatblätter auseinandergefaltet und zum Trocknen ausgelegt habe. Fräulein Damenwahl die Jüngste war derweil die Weihnachtsgans auf dem Markt abholen und den Hund im Feld spazieren toben.
Lange Diskussionen über den Baum und wie die Kugeln aufzuhängen seien: Es gehört zu den alljährlichen Ritualen, daß meine Mutter jedes Jahr eine absolute Spitzentanne von etwa zwei Metern Höhe aussucht, und dann im Wohnzimmer fragt: „Ist die nicht doch ein bißchen groß?“ Völlig unbegründet, denn unsere Weihnachtsbäume sind immer perfekt. Papa erzählt dann, wie SEIN Vater SEINERZEIT – keine Nordmanntanne, damals – Äste abgesägt und woanders am Baum wieder eingesteckt hat, um die Zweige gleichmäßig zu verteilen. Die Herrin der Lichterketten bin jedes Jahr aufs Neue ich, wobei ich mir dieses Jahr die Aufgabe mit der Schwester geteilt und wir die Pflicht mit Amaretto versüßt haben und reichlich Spaß hatten. Das große Festessen fand bei uns dieses Jahr erst am 25. statt, als die ganze Familie versammelt war. Mama zeichnete verantwortlich für Fischterrine und Gänsebraten, ich fürs Dessert.
Schwester 1 [während sie mit nackten Pfoten eine weitere Scheibe Fischterrine aus der Küche auf ihren Teller holt]: Ich nehme gleich sechs Klöße! Hast Du auch genug Klöße gemacht?
Mama: Bist Du des Wahnsinns? Ich glaube, Du warst im Kongo, nicht Deine Schwester. Nimm wenigstens einen Teller, Kind!
Schwester 1: Ich habe so lange kein gutes Essen mehr gehabt, ich muß aufholen.
... [Am Ende des Hauptgangs schneidet Mama Reste für den Hund auf, Papa gibt großzügig Sauce über das Gänseklein. Schwester 2 stibitzt noch ein Stück.]
Mama: Jetzt frisst Du dem armen kleinen Hund noch den mickrigen Happen weg?! Dazu muß man wissen: der Hund lebt bei uns wie Gott in Frankreich und kann es sich leisten, gelegentlich das Trockenfutter komplett zu verschmähen.
[...]
Schwester 1 [berichtet aus ihrer Wahlheimat]: Da saß ich gestern nach D.s Abreise auf meinem Sofa und mir wurde so kalt ... hatte der doch alle Heizungen ausgedreht!?
Mama: Das halte ich für sinnvoll, der hat bestimmt gedacht: wenn Du abreist, läßt Du alles an.
Schwester 1: Was denkst Du denn, wie ich sieben Jahre in G. abgereist bin während des Studiums?
Mama: Durchheizen? Und wenn’s zu warm war, hast Du die Fenster aufgemacht?
Schwester 1 [betont beherrscht]: Das wäre eine Möglichkeit.
Papa: Ich finde ja, die Schwester Eins befleißigt sich einer sehr disziplinierten Gesprächsführung gerade.
Mama: Ja, finde ich auch. Das Schöne ist, daß man mir mit zunehmendem Alter mehr durchgehen läßt, weil ich ja langsam so atrophisch bin hier oben [tippt sich an den Kopf]. Wie bei Sissis Schwiegervater, der darf auch alles sagen und ihm wird verziehen.
Schwester 2: Aber der sagt nicht so viele Gemeinheiten wie Du.
Mama: Ja. Aber wenn ich nicht gemein wäre, wär's hier auch nicht so lustig.
Schwester 1: Was gucken wir denn jetzt heute Abend im Fernsehen?
Schwester 2: Tatort, oder Sissi.
Papa: Ich hätte auch noch einen Thriller auf DVD.
Mama: Na, den wolltest Du ja schon vor vier Wochen gucken.
Papa [zum Rest der Familie]: Aber da ging ja der Fernseher nicht.
Schwester 1: Wie heißt der denn?
Papa: Weiß ich nicht.
Mama: Jahaaa, Du bist ja auch schon ein bißchen atrophisch im Kopf.
Schwester 2: Hast Du den aufgenommen?
Papa: Ja, den hatte ich aufgenommen.
Schwester 1: Und da habt Ihr Euch also abends erwartungsfroh um 20h15 im Wohnzimmer getroffen....
Mama: Genau, erwartungsfroh um 20h15 saßen wir vorm Fernseher und Dein Vater nahm seine drei Fernbedienungen zur Hand und drückte viele Knöpfe, und dann kam auch Bild, aber kein Ton.
Papa: Ja, Ton war keiner. Weil: da war ein Stecker locker und das habe ich erst eine Woche später entdeckt.
Mama: Und dann haben wir also keinen Film geguckt. Aber heute Abend vielleicht?
Schwester 1: Falls Papa den Fernseher richtig bedienen kann.
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