Hundeleben


Ich habe keine Ahnung, warum man vom sprichtwörtlichen Hundeleben spricht. Unsere Prinzessin jedenfalls kann nicht klagen. Morgens gegen acht dreht sie eine erste Runde in der Wohnung, kontrolliert sämtliche Betten in ihrer Reichweite, ob schon was los ist, geht notfalls noch ein Stündchen schnarchen, aber spätestens um neun kümmert sich jemand. Fressen, schlafen, spazierengehen, und wenn sie jemand ruft heißt das nicht, daß sie die Spülmaschine ausräumen oder den Computer reparieren soll, sondern daß sie gekrault wird.
Ich allerdings habe im Moment auch keinen Grund zu klagen: die letzte Woche war nämlich eine Hundwoche. Nur Fressen, Schlafen, Spazierengehen. Anders gesagt: paradiesisch.
Jetzt haben mich die Realität und die deutsche Bahn wieder. Der Regionalexpress verspätet, aber – dem Himmel sei Dank – der anschließende IC ebenfalls. Auf dem Gleis erste Verwirrung: IC auf dem Reiseplan, IC auf der Anzeigetafel, aber auf den sonstigen Plänen nur ICEs mit komplett anderer Streckenführung. Zurück am Service-Point – für solches Lustwandeln durch die Bahnhofshallen wäre ohne die Verspätung keine Zeit geblieben – informierte man mich fröhlich, es sei ja auch ein Ersatz-IC. Ich Dummchen! Wie konnte ich das nicht wissen! Bin eine sehr ungebildete Bahnfahrerin. Hätte ich mich ausnahmsweise mal darauf verlassen, daß die Bahn pünktlich sein würde und eine spätere Verbindung gewählt (was ich selbstredend nie täte), würde das Flugzeug ohne mich starten. So hatte ich noch Hoffnung. Ich werde nämlich heute meine möglicherweise zukünftige Heimat in der Schweiz besichtigen.

Bei der Gelegenheit – wo ich schon mal ausnahmsweise am Bahnhof war – die BahnCard hochgestuft. Stellen Sie sich vor: mit der BahnCard 50 kann man jetzt ein Premium Paket für 16 Euro im Jahr buchen. Darin enthalten: eine Gepäckversicherung. Die ich nicht benötige. Seit mir in Bruxelles-Midi vor einigen Jahren meine Laptoptasche mit sämtlichen Zeugnissen (im Original!) heimtückisch unter Ausnutzung meiner angeborenen Gutmütigkeit abgenommen wurden, bewache ich mein Gepäck wie Zerberus. Eher sitze ich auf den Treppenstufen im Gang oder gleich auf meinem Koffer drauf, als daß ich mein Gepäck aus den Augen ließe. Außerdem eine Laptopversicherung bis 500 Euro, für Diebstahl im Zug. Abgesehen davon, daß die vermutlich auch nicht zahlen würde, wenn man sein Arbeitgerät für einen kurzen Besuch im Bistro alleine ließe, gilt hier ebenso: brauche ich nicht, kann mir nicht passieren. Kostenlose Erstattung einer verlorenen BahnCard? Siehe oben. Das vierte Leckerli im Premium Paket jedoch ist eine Mobilitätsgarantie. Wenn einem ein Transportunternehmen eine Mobilitätsgarantie gibt, wird man natürlich hellhörig. Tatsächlich ist es so, daß die Versicherung unter allen Umständen im Falle von Verspätungen und Anschlußproblemen die Kosten für eine Übernachtung oder auch Weiterreise mit dem Taxi bis 250 Euro übernimmt. Das nun – ist ein echter Vorteil. Mit dieser Versicherung hätte ich mich wegen der gestrichenen Schiffe auf der Insel vor einigen Wochen nicht ärgern müssen – man hätte mir den Flug, das Taxi oder alternativ ein Hotelzimmer für eine Nacht bezahlt. Nicht zu reden davon, daß ich manches Mal Verbindungen gar nicht in Erwägung ziehe, um nicht irgendwo festzusitzen – was ich nun getrost tun kann. Ich muß die AGB noch einmal genau studieren, um meine neuen erweiterten Rechte als Fahrgast UND Versicherungsnehmer kennenzulernen, aber in diesem Fall sehe ich – sonst kein Freund unzähliger Versicherungen für Schadenfälle die fast nie auftreten und deren Absicherung völlig überflüssig ist – tatsächlich einen Nutzen. Zumal angesichts der atemberaubenden Preise der Bahn die 16 Euro wirklich nicht mehr ins Gewicht fallen. Nun ja, ich gedenke, die neue BahnCard soviel zu nutzen, daß die Bahn sich noch ärgern wird. So ähnlich wie abartig viel essen bei all you can eat Menus, nur ohne moralische Fragwürdigkeit und ohne dickwerden.

Und bevor Sie befürchten, dies hier wandele sich langsam zum Bahn-Blog: ich verspreche, mich zukünftig zurückzuhalten. Keine weiteren Bahngeschichten – außer das Schicksal präsentiert noch eine auf dem Silberteller.

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nnier, Dienstag, 26. Januar 2010, 14:57
Ob sie darüber bloggen oder nicht: Geben Sie keinesfalls auf, ehe man Sie in jedem Zug schon beim Einsteigen mit "Jack Vroom" anredet!

pastiz, Dienstag, 26. Januar 2010, 15:28
Liebe Frau Damenwahl, eine gute Wahl, das mit der möglicherweise zukünftigen Heimat, zumindest in Bezug auf den öffentlichen Verkehr. Was den Rest anbelangt, könnte dies vielleicht hifreich, bestimmt aber amüsant sein.
Zudem haben da die Züge, Busse, Strassenbahnen kaum und wenn, nur erstere sehr mässige Verspätung. Herzliche Grüsse, pastiz

conma, Dienstag, 26. Januar 2010, 15:59
Naja, wie heißt es doch so schön: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Und mit der Bahn erst recht, jedenfalls war es schon damals so, als ich noch regelmäßig Bahn gefahren bin und nicht vergrault wurde.

damenwahl, Dienstag, 26. Januar 2010, 21:19
Ehrlich gesagt, Herr nnier, diese Ambition habe ich dann doch nicht. Falls das Personal mich irgendwann mit Namen kennt, werde ich das hier vermelden.
Herr pastiz, in der Tat, alle Züge in D. verspätet, der Zug hier hingegen pünktlich. Und auch sonst ist es ganz nett hier. Nur daß ich die Leute kaum verstehe?
Frau Conma, man kann immer was erleben in der Bahn. Kürzlich mit jemandem über die Vor-und Nachteile von Individualverkehr vs. Bahn diskutiert... die Bahn mag unbequemer sein, aber allemal aufregender. Danach ist man nie um eine neue Geschichte verlegen.

pastiz, Donnerstag, 28. Januar 2010, 14:46
Ich fürchte nicht um Ihren Integrationserfolg, denn mit dem Wort "Leckerli" (Original "Läckerli") haben Sie dafür bereits einen soliden Grundstein gelegt. Es handelt sich dabei nicht um so etwas, was die Österreicher im übertragenen Sinn ein "Schmankerl" nennen, sondern um eine Art Honiglebkuchen mit Zuckerguss in mundgerechter Grösse, der in Basel altehrwürdige und (fast) unantastbare Tradition hat und gleichzeitig ein Exportschlager ist, sowohl als Gebäck als offensichtlich auch als Wort. Sollten Sie sich in Zürich aufhalten, empfehle ich Ihnen, das Wort nicht zu verwenden, aufgrund der uralten Konkurrenz der beiden Städte und lieber auf Begriffe wie "Leckerbissen" oder so zurückzugreifen. Und sollten alle Stricke reissen: Es gibt in Zürich einen Club der Deutschen.
Mit herzlichen Willkommensgrüssen, pastiz

damenwahl, Donnerstag, 28. Januar 2010, 18:32
Schon gesehen, Herr pastiz. Mich aber doch für Schweizer Schokotrüffelpralinen entschieden. Eine Packung für die Mama, und eine für nächste Woche. Sonst ist die Schweiz ganz nett, und die Züge in der Tat äußerst pünktlich.

donalphons, Donnerstag, 28. Januar 2010, 20:24
Und dann gäbe es auch noch die Albulabahn; vielleicht die einzige Bahn, mit der ich ohne Notlage fahren würde:

http://de.wikipedia.org/wiki/Albulabahn

Aber wirklich nur vielleicht.

damenwahl, Freitag, 29. Januar 2010, 15:30
Das sieht hübsch aus, deutlich hübscher als meine Strecke diese Woche. Sollte ich es irgendwann dahin schaffen, werde ich berichten, vermutlich über lauter ergrauende Herrschaften beim Drei-Gänge Menu im Speisewagen, oder so.

donalphons, Freitag, 29. Januar 2010, 20:55
Das ist stets ein Hinweis für gutes Essen, wenn da ältere Herrschaften scharenweise auftreten. Draussen ziehen die Berge vorbei, drinnen fragen alte Herren, ob sie sich setzen dürfen, und sind charmant.

jean stubenzweig, Mittwoch, 27. Januar 2010, 02:13
«... mit sämtlichen Zeugnissen (im Original!) ...» Das erinnert mich an einen Herrn, damals noch Lektor des heute von ihm geleiteten Verlages, aber auch aufstrebender Autor, dem in den siebziger Jahren auf einem Londoner oder Stockholmer Flughafen ein Koffer geklaut wurde, in dem sich ein komplettes Buchmanuskript – im Original – befand. Das hat seinerzeit einige irrtiert, denn bereits zu dieser Zeit gab es bereits Diebe, allerdings auch Kopiergeräte, wenn ich mich recht erinnere sogar welche für Normalpapier. – Wie kann man auf eine solche Idee kommen? Nun ja, vermutlich hat man die nur einmal.

damenwahl, Mittwoch, 27. Januar 2010, 09:08
Ja, das mit den Zeugnissen war schlimm und Kopien haben da auch nicht mehr geholfen. Es dauerte Monate, bis ich alles wieder beisammen hatte und nun steht überall "Duplikat" drauf. Immerhin: im Gegensatz zum Manuskript war das nicht unersetzlich.

vert, Freitag, 29. Januar 2010, 22:55
oh schweiz. das ist mal exotisch.
die schweizer züge sind allerdings nicht gerade bequem.
aber schweizer ja gerne auch mal nicht.

damenwahl, Freitag, 29. Januar 2010, 23:08
Plan B mit mehr Exotik gibt es auch. Mal sehen. Schweizer kann ich noch nicht beurteilen, ich verstehe sie leider nicht.

vert, Montag, 1. Februar 2010, 11:03
es brüllt von hinten "Excusez!" (betont auf der ersten silbe) und schon hat man zeitgleich einen ellenbogen im kreuz.

damenwahl, Montag, 1. Februar 2010, 19:37
Das hört sich ja total sympathisch an. Dann hoffe ich mal auf Plan B, oder?

vert, Montag, 1. Februar 2010, 19:52
aber die bahnen sind pünktlich, da kann man nicht meckern!
;-)