Freitag, 8. Januar 2010
Im Umkleideraum
Nachdem ich mich gestern tapfer über den Deich gequält und dabei die Entfernungen deutlich unterschätzt habe, heute schwimmen gewesen. Es ist bemerkenswert, welchen Auftrieb Meerwasser entwickelt: die ersten Bahnen kam ich mir vor wie eine Seekuh, bei der der Hintern immer oben treibt – oder eine Boje. Besäße ich einen roten Badeanzug, man hätte mich in der Fahrrinne nach Wilhelmshaven aussetzen können, ich bekam kaum die Füße ins Wasser. Das Absperrseil mit den Kugeln auf halber Strecke nahm der Bademeister umgehend und unaufgefordert hoch für mich – nehme alles zurück, was ich über unfreundliche Insulaner gesagt habe. Außer mir gab es – wie zu erwarten – kaum andere Badegäste, eine Frau, ein Papa mit seinen Kindern – warum eigentlich sind es immer die Väter, die mit ihren Kindern schwimmen gehen? Bei uns war das früher auch so.

Als ich in die Umkleide kam, traf ich auf ein kleines Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt.
„Diesmal habe ich sogar den richtigen Schrank erwischt, nicht den von meiner Freundin.... Sind noch Jungs im Wasser?“ fragte sie. Ich mußte mich entschuldigen, bei meiner Kurzsichtigkeit würde ich nicht mal einen Seehund von einem Kind unterscheiden können, geschweige denn Jungs von Mädchen.
Sie so: „ Aber ein Mädchen ist bestimmt noch da, das ist nämlich meine Freundin“ und bevor ich erneut Unwissenheit bekennen mußte: „mit der bin ich verabredet!“
Ich so: „Ah, ja.“ Während ich mich anzog und sie sich auszog, ächzte sie:
„Morgen habe ich bestimmt einen riesengroßen blauen Fleck auf dem Knie“
Ich so: „Bist du gefallen?“
Sie so: „Ja, auf dem Schulhof, an der Rutsche.“
Ich so: „Das tat dann wohl dolle weh?“
Sie so: „Ja, aber ist gar nicht schlimm, geht schon wieder. Hoffentlich ist meine Freundin noch da.“
Ich so: „Geht ihr oft zusammen schwimmen?“
Sie so: „Ja, mein Papa arbeitet hier.... aber nicht heute, heute hat er frei.“
Ich so: „Gehst du dann heute schwimmen, weil Dein Vater frei hat, oder obwohl?“
Sie so: „Wir gehen oft schwimmen. Und dann ist ja noch DLRG, und danach Disco-Schwimmen heute Abend.“ (Erstaunlich, welche geselligen Aktivitäten das Inselleben bietet)
Ich so: „Als ich so alt war wie du, durfte ich mir aussuchen, ob ich DLRG oder Reiten möchte... ich habe Reiten genommen.“
Sie so: „Hm“
Ich so: „Macht dir DLRG denn Spaß?“
Sie so: „Ja, und reiten kann man ja auch hier nicht so oft. Aber eine Freundin von mir, die reitet, die ist aber auch schon groß. Die hat zwei Pferde.“
Ich so: „Wo stehen denn die Pferde? Am alten Deich?“
Sie so: „Ja, äh..., da hinten, am Deich. Meine Freundin, die ist ganz groß, größer als ich und größer als unsere Lehrerin.“
Ich so: „Wirklich? Dann ist Deine Freundin aber wirklich groß. Oder ist Eure Lehrerin so klein?“
Sie so: „Die Freundin ist groß. Und die Lehrerin ist klein. Aber ich bin immer noch kleiner als meine Lehrerin.“
Ich so: „Aha. Na dann, viel Spaß beim schwimmen.“
In der Zwischenzeit hatte sie ihren Bikini angezogen, immerhin keines dieser Lolita-Fetzchen, sondern etwas mit fast so viel Stoff wie meine Badeanzüge (ich trage nur Badeanzüge, den Anblick meiner Wenigkeit im Bikini möchte ich der Welt nicht zumuten). Sie verließ die Kabine, unter den Absperrwänden hindurch sah ich ein zweites Paar Mädchenfüße und ein Paar Herrenfüße in Badeschlappen, die beiden Mädchen kreischten fröhlich:
Freundin so: „Ihhhhhh, da bist Du ja, ich hab dich schon soooooo vermißt!“
Sie so: „Ohhh, ich dich auch, sind die Jungs noch da?“
Typ mit Herrenfüßen so: "Jetzt beherrscht Euch mal... ihr wart doch heute morgen noch zusammen in der Schule..."
Und dann zogen die beiden ab.

Draußen hat der Wind aufgefrischt, die See ist kabbelig sogar weit ab vom Strand. Die Wellen wären bestimmt fantastisch, könnte man nur schwimmen. Von der Art, daß sie einem von den Füßen fegen und auch magere junge Teenagerinnen lieber Badeanzüge tragen, um nicht am Ende unfreiwillig nackt wie Venus den Wellen zu entsteigen. Die Flut hat einen Teil des Strands schneefrei zurückgelassen und der Wind trieb Schaumfetzen wie kleine weiße Rennmäuse über den Sand. Die Sicht hat sich ein bißchen zugezogen und die großen Frachter auf dem Weg nach Wilhelmshaven sieht man nur noch verschwommen. Ich aber sitze jetzt gemütlich mit Händel, einer Kanne Tee und zwei Keksen (ich will ja nicht die Dimensionen einer Hochsee-Boje annehmen) in der Wohnung und werde fleißig sein.

Permalink (13 Kommentare)   Kommentieren





Freitag, 8. Januar 2010
Vierter Anlauf, einen nöckeligen Beitrag zu schreiben. Ich wollte mich schon über mein Versäumnis auslassen, reiche Männer zu halten, als akzeptable Exemplare gerade im Angebot waren (lange her, dumm von mir), über meine eigene Faulheit, die mich erst gegen Mitternacht an den Schreibtisch treibt, über erfolglose Bewerbungen, über die gelegentlichen Bekanntschaften mit Personen, die das bekommen, was ich gerne hätte. Gestern nach langem Ringen eine Bewerbung abgeschickt und eben eine Stunde die Diskussionen anderer Bewerber im Internet verfolgt. Da frage ich mich zuweilen ernsthaft: und das sollen die vielgerühmten High Potentials sein? Wie kann man eine dermaßen dämliche Frage stellen und dann auch noch öffentlich, wo es jeder lesen kann? Gleichzeitig fällt mir auf, was ich alles versäumt habe und dann ärgere ich mich über mich selbst.
Und lande am Ende wieder bei meiner eigenen Dummheit. Gerade dem Chef eine Mail geschrieben und darauf hingewiesen, welche Dokumente ich noch nicht erhalten habe, aber für meine Aufgabe sinnvollerweise benötigen würde. Warum mache ich das? Warum habe ich nicht einfach am Montag abgegeben und die Schuld auf fehlende Informationen geschoben? Jetzt wird er vermutlich Freitag Nacht die Dokumente schicken und mein Wochenende ist hinüber. Sie dürfen sagen: blödes Huhn. Selber schuld.

Permalink (3 Kommentare)   Kommentieren





Dienstag, 5. Januar 2010
Faulheit hat einen Namen:
Damenwahl. Gestern ausgeschlafen bis zehn. Ich weiß kaum noch, wann ich das letzte Mal so lange geschlafen habe. Einkaufen gewesen, ausgiebig gefrühstückt (Frühstücksei am Montagmorgen - Luxus!). Den ganzen Tag im Sofa gesessen, gelesen, kurz gebloggt, das fühlte sich schon wie Arbeit an. Um vier habe ich mich immerhin aufgerafft, eine Stunde auf dem Deich laufen zu gehen, der Schnee knirschte unter meinen Füßen, der Blick so weit ins Grau hinaus, das letzte Stück im Dunkeln und die ganze Zeit keine Menschenseele gesehen bis ich wieder im Dorf war. Abendbrot genossen, Pretty Woman geguckt, noch mehr gelesen. Zu lange im Internet gesurft, weil mir plötzlich auffiel, daß mir noch gerade zwei Tage für eine komplexe, mehrdimensionale Entscheidung bleiben, die vermutlich völlig irrelevant für meine Zukunft ist, aber man weiß ja nie. Wer so lange wach ist, kann natürlich kein Frühaufsteher sein (jedenfalls nicht mehr in meinem Alter).
Heute daher wieder lange geschlafen, noch mehr gelesen, noch mehr süßes Nichtstun genossen. Ich fühle mich geradezu sündhaft müßiggängerisch und habe schon eine ganze Seite geschrieben für meinen Chef. So wird das nix mit dem Arbeitsurlaub, fürchte ich. Nie, niemals könnte ich selbständig arbeiten, viel zu faul und undiszipliziniert dafür. Ich brauche ein Büro, ein wachsames Chef-Auge und Druck von außen. Sehen Sie, ich tue es schon wieder: sollte eigentlich arbeiten, wenigstens zwei Seiten heute schreiben und nicht mit hungrigen Blicken das Bücherregal anstarren, zum Kühlschrank dölmern, und vor achtzehn Uhr schon Martini trinken. Andererseits: warum nicht. Arbeitsurlaub. Im Moment noch in der Urlaubsphase. Aber morgen.* Ganz bestimmt.

*Ich war schon immer so. Als ich klein war, erzählte mein Vater mir die Geschicht von einem Restaurant in Frankreich, wo sich jeden Tag eine große Menschenmenge unter dem Aushang versammelte: Demain on mange ici gratisse.

Permalink (17 Kommentare)   Kommentieren