Montag, 4. Januar 2010
Sonntag in deutschen Bahnhöfen
Ich könnte jetzt eine Studie über die Kaffeequalität an diversen deutschen Bahnhöfen schreiben. Zwecks produktiver und bezahlter Arbeit für meinen Chef in Kinshasa – Abgabetermin 15. Januar – bin ich aus der Familienhölle an die Nordsee geflüchtet – leider jedes Mal eine entsetzliche Weltreise voller Hindernisse. Die ersten paar hundert Kilometer sind in diversen Regionalbahnen zu bewältigen, die an jeder Hundhütte halten, ungefähr vierzig Kilometer vor der Küste hat die Bahn jedoch das Schienennetz offenbar schon seit Jahren stillgelegt und so muß man in den Bus umsteigen. Aus jahrelanger leidvoller Erfahrung klug geworden, hatte ich eine viel zu frühe Verbindung rausgesucht und tatsächlich ersparte mir die Bahn, ganz umsonst zwei Stunden früher aufgestanden zu sein und kam schon beim allerersten Zug zu spät. Mit der Insel verbinde ich manche Erinnerung. Irgendwann während der ersten Studiensemester war ich alleine mit unserem Hund eine Woche dort zum lernen, schon nach wenigen Tagen jedoch begann der Hund zu kränkeln, auf der Rückfahrt kotzte er mir kurz nach der Abfahrt das Auto voll, das letzte Autobahnstück war Stau, ich nahm – zunehmend panisch wegen des kranken Tieres und des abartigen Kotzgestanks – die falsche Abfahrt, verfuhr mich auch noch und bei der Ankunft zu Hause war jeglicher Erholungseffekt wieder hin. Ein andermal war ich im Herbst mit meiner damals besten Freundin fünf Tage dort. Auf der Hauptstraße saßen die Kurgäste schon mit Schals und Mänteln und nippten Tee oder Nordseewelle, aber die Nordsee war mit siebzehn Grad Wassertemperatur gerade noch schwimmtauglich und so trabten wir täglich, angetan mit Bademänteln, an den frierenden Urlaubern in Cafés unter ihren Heizstrahlern vorbei zum Strand. Auch auf dem Rückweg, blaugefroren und mit Handtuch-Turban, amüsierten wir uns prächtig und waren stolz auf unsere Zähigkeit. Abend für abend kochten wir aufwendig, saßen mit Büchern vorm Kamin und leerten eine Flasche Martini bei Gesprächen bis in die Nacht. Einige Jahre später waren wir im Sommer noch mal gemeinsam dort, diesmal mit der gesamten Familie und diversen Freundinnen meiner Schwestern. Für die bevorstehenden zwei Wochen hatte ich nicht nur die allerschönsten Hoffnungen auf reichlich Parties und abendliche Aktivitäten im Gepäck, sondern auch entsprechend fast den gesamten Inhalt meines Kleiderschranks. Schon in einem der ersten Züge - einem dieser Doppeldeckerwaggons – brach der Griff und der Koffer purzelte die gesamte Treppe bis zur Tür hinunter und verlor dabei auch noch eines der Füßchen für sicheren Stand. Die Freundin war gleichermaßen schwer bepackt, unter anderem mit einer großen, bunten, steifen Tasche, aus Plastik geflochten und oben offen wie ein Korb. Darin neben allerlei Krams auch ihre Reitkappe und Verpflegung für die lange Fahrt. An einem der unzähligen Umsteigebahnhöfe stellte sie diese Tasche auf das Gepäckband an der Treppe hinunter und widmete ihre Aufmerksamkeit ihrem Koffer. Hinter ihr gehend sah ich, wie sich die Tasche in Zeitlupe über die Kante bewegte, an der das Gefälle des Gepäckbands begann, sich neigte, weiter neigte und über die Mitte hinaus immer weiter neigte. Während ich warnend zu schreien begann, überschlug sich die Tasche, fiel vom Band und verstreute ihren Inhalt auf der gesamten Treppe. Unter den schadenfrohen Blicken der Mitreisenden sammelten wir alles wieder ein, eilten zum nächsten Zug und stand irgendwann im letzten Kuhkaff am Bahnhof. Nachdem ich die Reise schon einige Male gemacht hatte, stellten wir uns zwischen Gleisen und Bahnhofsgebäude auf und warteten. Warteten. Warteten. Zwanzig Minuten nach planmäßiger Abfahrt des Buses stellte sich heraus: der Bus war allerdings pünktlich gefahren, nur leider ohne uns, von der frisch renovierten Haltestelle VOR dem Bahnhofsgebäude. Eine alte Dame teilte unser Problem und am Ende teilten wir uns ein Taxi bis zum Anleger, wo wir im letzten Moment noch das Schiff erreichten und zwischen plärrenden Kindern, Großfamilien in der Sommerfrische und krakeelenden Landschulheimgruppen Käse und Rotwein genossen mit den pappigen Brötchen, die wir an der letzten Bahnhofsgaststätte erworben hatten.

Sieht man davon ab, daß ich dank der morgendlichen Verspätung Gelegenheit hatte, an etlichen Dorfbahnhöfen in der Pause – nicht genug zum Hinsetzen, aber zuviel, um auf dem Bahnsteig zu stehen – scheußlichen Instant Kaffee zu trinken, habe ich die Fahrt genossen. Das Land wurde immer platter, die Wälder wurden Wäldchen, der Himmel wurde blauer, die Ortsnamen immer lispeliger und die Häuser immer weniger Mauern und immer mehr Dach. Nach Norden wurde die Strecke wieder vertrauter, die Käffer entlang der Strecke kenne ich noch von Autobahnschildern und als ich endlich im letzten Kuhkaff ankam, schien mir, als sei die Zeit stehengeblieben. Die Bahnhofsgaststätte ist von der Sorte, die an Wochenenden das soziale Zentrum der Dorftgemeinschaft darstellt: an den Tischen neben mir zwei alternde Pärchen in fester Winterkleidung, die während des Sonntagsspaziergangs eine Kaffeepause machten (Hölle, was für ein Leben, wenn das hier die beste verfügbare Lokalität am Wochenende darstellt). Zwischendurch kamen junge Männer vorbei für ein Sixpack Bier (nur 4,44 Euro!) oder eine Schachtel Zigaretten. Im Regal die übliche Zeitschriftenauswahl von Blitz Illu bis Bild der Frau, Würstchen im Brötchen und Kuchen mit Schokosplitter aus der Backmischung, auf der Theke ein buntes Sammelsurium zum Verkauf: Schneegläser mit Leuchttürmen drin, Pulswärmer mit Glitzerlurex und eine einsame Shisha samt Tabak, außerdem Amulette an Lederbändern, Muscheln eingeschweißt im Bastkörbchen und Weingummi stückweise. Die Bedienungen – drei an der Zahl – plauschten nett mit den Gästen, offenbar außer mir alles Stammgäste. Die Qualität der Brötchen immerhin hat sich sehr verbessert seit meinem letzten Einkauf dort. Auch wenn ich nie hier leben wollte, hege ich doch eine gewisse Sympathie für diese verschlafenen Orte, in denen Straßen so phantasivolle Namen tragen wie Hauptstrasse oder Im Gewerbegebiet, wo es den obligaten Inder-Italiener oder Italiener-Griechen für die fremdländische Küche gibt, drei verbliebene Einzelhändler und sonst nicht viel – dafür aber intakte soziale Strukturen und freundliche, bodenständige Menschen. Am Anleger traumhaftes Wetter und klare Sicht bis zur Insel, der Leuchtturm ein zwinkerndes rotes Auge, ein wunderbarer Sonnentuntergang, der sich neben den Schauspielen meiner kongolesischen Terrasse nicht zu verstecken braucht, eine kleine Handvoll verspäteter Urlauber mit an Bord. Ich hatte mich schon mental darauf eingestellt, mein kleines Köfferchen (hämischer Kommentar der Familie: es reicht, wenn du ein T-Shirt und eine Hose mitnimmst, da oben kannste eh nix machen und nicht ausgehen) aufgeben zu müssen, aber der freundliche Herr an der Gepäckaufgabe bot von selbst an, ich könne ihn mit an Bord nehmen. Die Hafenarbeiter pfiffen fröhlich, während die Kofferkarren an ihrem Kran durch die Luft schaukelten, der Kapitän auf dem entgegenkommenden Schiff grüßte den Kollegen von der Brücke herab – wie habe ich das alles vermisst!

Trotz der Einschränkungen freue ich mich auf eine Woche Ruhe – auch wenn meine Mutter prophezeit, daß mir nach zwei Tagen sterbenslangweilig sein wird. „Bis Anfang nächster Woche bekommst Du vielleicht wegen der letzten Silvesterurlauber noch eine Pommes irgendwo, aber danach?“ Ich bin aber optimistisch, ich werde auf dem Deich laufen gehen, meinen Gedanken nachhängen, dem Meer zuhören, lesen und – wohl oder übel – meine Arbeit machen. Ich werde Sie dann informieren, wenn sich hier den Dünen ein Sandkorn bewegt oder der Wind meine Mütze wegbläst – mehr wird es wohl nicht zu berichten geben.

Permalink (2 Kommentare)   Kommentieren





Sonntag, 3. Januar 2010
Ein Vorbild
Am Freitag Abend habe ich mich mit meinem alten Deutschlehrer getroffen, der prägenden Persönlichkeit meiner Schulkarriere. Ich schätze mich noch immer glücklich, seine Schülerin gewesen zu sein: was ich bei ihm über den Umgang mit Texten gelernt habe, hat mich durch mein gesamtes Studium getragen und nutzt mir noch heute. Gemessen an den Maßstäben seiner Familie ein mißratener Sohn aus traditionsreichen Bürgerhaus, war sein Bildungsweg durch diverse Studienfächer und Universitäten auf der ganzen Welt noch disparater als der meinige – und das will etwas heißen. Am Ende nötigte ihn die Familie, irgendein Fach zu Ende zu studieren und so wurde statt er einer Koryphäe seines Faches – welches Faches auch immer, er hätte sicherlich fast alles herausragend bewältigt – Gymnasiallehrer in der Provinz. Aber was für einer! Nie sah ich ihn anders als im dreiteiligen Tweed-Anzug in der Schule, stets waren seine Umgangsformen tadellos und als Lehrer suchte er seinesgleichen. Er mied die einschlägigen Texte des Kurrikulums so weit es irgend ging und las lieber abseitige, gerne zeitgenössische Romane mit seinen Klassen. Die siebte Stunde nutzte er über Jahre hinweg zu Buchvorstellungen durch die Schüler und ich fühlte mich sehr geehrt, als mir Sophies Welt übertragen wurde, aber auch Die Brautprinzessin – vorgestellt durch meine damalige beste Feindin und später beste Freundin – fand seinen Zuspruch und er hätte auch Comics aus Entenhausen enthusiastisch aufgenommen, wenn man es nur mit dem richtigen Anspruch verkauft hätte. Gleich, ob Goethe oder Frank Baer gelesen wurde – wir konnten alles behaupten im Unterricht, solange wir nur mit Textstellen argumentativ gut aufgestellt waren. Am bemerkenswertesten war jedoch sein unendlicher Einsatz für die Schüler: in zwanzig Jahren als Vertrauenslehrer legte er sich mit unzähligen Kollegen an, die Schülerrechte mißachteten, unnachgiebig kämpfte er um jeden Punkt und jede Note, er kümmerte sich besonders und auch über die Verrentung hinaus um ausländische Schüler mit Problemen, ebenso wie er sich behutsam der leistungsstarken Streber mit Beliebtheitsproblemen annahm. Die schwierigsten Chaotenklassen waren für ihn – nachdem er sie etwas besser kennengelernt hatte – reizende junge Leute und nie habe ich ihn über die verkommene Jugend von heute jammern hören – wohl aber über intellektuell schlampige Kollegen und das drittklassige Lehrpersonal nachfolgender Generationen. In intellektuellen und gesellschaftlichen Belangen in mancher Hinsicht von latenter Arroganz, war er doch eine Zierde seines Faches. Als ich ungefähr sechzehn Jahre alte war, äußerte ich die Absicht, Wirtschaft zu studieren und er erklärte damals nachdrücklich: „Damenwahl, Wirtschaft ist nichts für Dich, das ist nicht sinnstiftend... überleg Dir das noch mal.“ Was ich damals nicht recht verstand, ist mir seither oft durch den Kopf gegangen und so rufe ich immer an, wenn ich mehrere Tage bei meinen Eltern bin und lasse mich von ihm einladen. Entweder zu Tee mit Keksen und einem abschließenden Sherry, oder nach dem Abendessen zu Wein und Zigaretten. Stets nimmt er mir den Mantel ab und hängt ihn auf, ich überreiche mein Mitbringsel (meistens Wein oder Schokolade, diesmal jedoch ein Kompendium französischer Literatur, in Kinshasa gefunden). Während er in der Küche Wein oder Tee vorbereitet, trotte ich wie ein Hund hinter ihm her, richte die obligaten Grüße meiner Eltern aus, bevor wir uns setzen. Auf sämtlichen Tischen und Tischchen stehen identische Kristallaschenbecher mit Nickelrand, er nimmt Platz im Schaukelstuhl, ich habe mittlerweile auch einen Stammplatz und dann plaudern wir. In regelmäßigen Abständen nimmt er eine Schachtel filterlose Gauloises aus der silbernen Dose auf dem kleinen Beistelltisch, entnimmt eine Zigarette, steckt die Schachtel zurück, schließt die Dose wieder. Nimmt ein Feuerzeug aus einem silbernen Becher, gibt mir Feuer, zündet seine eigene Zigarette an und dann rauchen wir. Gemeinsam sitzen wir in seiner Junggesellen Wohnung zwischen antiken Möbeln, Stichen mit Zuchtpferden und einem Gemälde irgendeiner Schlacht der napoleonischen Kriege, zwischen zustaubenden Bücherstapeln, Zeitungsbergen - Frankfurter Rundschau, gegen Alterskonservativismus – und Silberbehältnissen und unterhalten uns. Über den Krieg in Afghanistan und die Integrität deutscher Politiker, über den Niedergang des Bildungswsesens im Allgemeinen und in unserem Provinznest im Besonderen, über seine Schul- und Studienzeit im Nachkriegsdeutschland, über Thomas Mann und die verschiedenen Übersetzungen von Tolstoi, über Patricia Highsmith und amerikanische Milieustudien ebenso wie über die Tagebücher vom Klemperer. Ich gebe mir große Mühe, nicht zuviel und möglichst kluge Dinge zu sagen, damit er nicht lange nach meinem Schulabgang seine gute Meinung von mir revidiert und lerne dabei bis heute jedes Mal etwas dazu.

Permalink (5 Kommentare)   Kommentieren





Freitag, 1. Januar 2010
Warum?
Herr Stubenzweig hat gefragt, warum. Warum dieses Ausmaß an Korruption, und wer ist schuld? Wir? Die entwicklungspolitische Forschung hat sich der Frage schon angenommen und zwei sich überschneidende Erklärungsansätze helfen beim Verständnis, wenn man annimmt, daß politische Institutionen und Korruption einen Gesamtkomplex darstellen, und Korruption ein Teilproblem schlechter Regierungsführung und mangelhafter Institutionen (im Sinne von Gesetzen, Mechanismen, Sanktionen) ist.

Erstens wäre da die juristische Tradition eines Landes, die sich aus der kolonialen Geschichte herleitet. In Abhängigkeit von der Kolonialmacht wird die Rechtstradition eines Landes auch heute noch entweder von den Prinzipien des britischen common law oder des kontinentaleuropäischen civil law bestimmt. Das britische common law legt – wie man nach all den Juristen-Thrillern im Fernsehen weiß – großes Gewicht auf Rechtsprechung in spezifischen Fällen, welche fast gleichrangig neben dem kodifizierten Gesetzestext stehen. Gleichzeitig gilt common law als flexibler, anpassungsfähiger an wechselnde Umstände und legt vor allem im Wirtschafsrecht mehr Gewicht auf Anlegerschutz und die Rechte des Individuums. Die Tradition des civil law geht zurück auf den römischen corpus iuiris civilis, germanische Rechtstraditionen und den franzöischen Code Civil. Der entscheidende Unterschied zum britischen Rechtskreis ist die ausgeprägte Kodifizierung des Rechts bis ins Detail, die Richtern lediglich eingeschränkte Interpretation und Auslegung erlaubt, darüber hinaus gilt civil law allerdings auch als dirigistischer, zentralistischer und räumt dem Individuum weniger Rechte ein als wesentlichen Organen oder Entitäten. Klassisches Beispiel hierfür sind im Wirtschaftsrecht die Schutzrechte von Kleinaktionären: das britische common law sieht ausgeprägte Rechte vor, das französische civil law vertraut darauf, daß Management, Großaktionäre und der Staat den Schutz gewährleisten. Zurück zur Korruption: empirische Wirtschaftsforschung zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen der Rechtstradition und wirtschaftlicher Entwicklung, vor allem im Finanzsektor. Kausale Zusammenhänge nachzuweisen ist außerordentlich schwierig, aber die gängige Theorie fußt darauf, daß das britischstämmige System einzelne wirtschaftliche Akteure besser schützt, berechenbarer und flexibler ist, und daher wirtschaftlicher Betätigung förderlicher ist als die französische Tradition.

Eines der innovativsten Forschungsprojekte der letzten Jahre denkt in ähnlicher Richtung, stellt allerdings stärker auf das von den Kolonialmächten hinterlassene Regierungskonzept ab. Die Autoren stellen die Hypothese auf, daß die europäischen Kolonialmächte zweierlei Typen von Kolonien etablierten: Nachbildungen ihrer europäischen Heimat in Regionen, die dauerhaft angenehm bewohnbar waren (z.B. die Vereinigten Staaten, Australien, Indien) und den dafür notwendigen vernünftigen, gewaltenteiligen, administrativen Bürokratie- und Staatsorganen. In so lebensfeindlichen Regionen wie Zentralafrika hingegen beschränkten sich die Kolonialmächte auf das absolut notwendige Minimum an Verwaltungsapparaten, um die Reichtümer der Kolonie auszubeuten – hier ist Belgisch-Kongo unter Leopold II. das Paradebeispiel. Die Argumentationskette ist etwas umständlich, die Autoren weisen jedoch nach, daß es einen Zusammenhang zwischen der Sterblichkeit europäischer Siedler in verschiedenen Kolonien und heutigem Pro-Kopf Einkommen gibt – vermutlich, weil die Qualität der etablierten Regierungsapparate und Kontrollen bis heute nachwirkt.* Unabhängig von der wissenschaftlichen Qualität – und den hochkomplexen mathematischen Grundlagen empirischer Wirtschaftsforschung – ist der Zusammenhang zumindest intuitiv nachvollziehbar: in Südafrika kamen Siedler, um zu bleiben, bauten Straßen, Schulen und etablierten einen Verwaltungsapparat, den die erste Unabhängigkeitsregierung übernehmen konnte. Im lebensfeindlichen Kongo hingegen blieb die Kolonialgesellschaft klein, Siedler kamen für einige Jahre um reich zu werden, lieber ohne als mit Familie und entsprechend wenig wurde in das Land investiert und an die erste nationale Regierung unter Lumumba und später Mobutu übergeben.

Wer sich mit Kongolesen über Mobutu und Korruption unterhält, bekommt eine von zwei Versionen zu hören:
1) Unter Mobutu war alles besser. Kinshasa war noch La Belle, die Straßen waren gut erhalten und von Bäumen gesäumt, die staatlichen Unternehmen funktonierten, es gab genug zu essen, Schulen, Bildung, Infrastruktur und der Flughafen N’Djili war eines der großen Drehkreuze für Afrika. Allenfalls – so wird der Gesprächspartner konzedieren – gegen Ende der Mobutu Herrschaft Anfang der neunziger Jahre begann der Abstieg, als dem Diktator die persönliche Gesundheit und der Einfluß im Land gleichermaßen abhanden kamen. Freie Rede? Menschenrechte? Korruption?... wen schert das schon, wenn man genug zu beißen hat.
2) Mobutu war die Saat allen Übels. Das gesamte Regime war eine oligarchisch organisierte Kleptokratie, 140 Millionen Hektar Selbstbedienungsladen für die Elite, welche die von den belgischen Kolonialherren zur Unabhängigkeit überreichte Infrastruktur systematisch heruntergewirtschaftet hat und – schlimmer noch – sämtliche 60 Millionen Einwohner mit dem Korruptionsvirus infizierte, dessen Folgen heute allgegenwärtig sind.
Daran orientiert sich in der Regel auch die Beurteilung der heutigen Situation: erstere können einer leidlich freien Presse (Zeitungsartikel mit mäßiger Kritik kann man gegen Geld bei Journalisten und den einschlägigen Blättern mit gewünschtem Inhalt platzieren) und den in Europa gerühmten freien Wahlen wenig abgewinnen, solange der Magen knurrt. Zweitere sind in der Regel frei von existentiellen Sorgen und hegen auch zehn Jahre nach dem Ende der Alleinherrschaft Mobutus noch Hoffnung für ihr Land.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren: wer ist schuld? Wir? Sicherlich – unter anderem. Die Kolonialisierung zerstörte die gesellschaftlichen Grundlagen der Stammessysteme in vielen afrikanischen Ländern, ohne einen adäquaten Ersatz zu schaffen und die Bevölkerung beim Umbruch zu begleiten und unterstützen. Ein Freund erzählte mir, in vielen Bantusprachen gebe es kein Wort für „stehlen“ – der Eigentumsbegriff sei einfach ein anderer. Konflikte und Unabhängigkeitskriege in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinterließen oftmals überforderte Persönlichkeiten und Machthaber – man schaue sich nur die Vita von Mobutu oder Samuel Doe an – in den verantwortlichen Regierungspositionen, die mit dem administrativen Erbe wenig anfangen konnten und ihr Land in die Katastrophe führten. Andererseits: nachher ist man immer schlauer und wer hätte damals – mit viel weniger sozialwissenschaftlicher und anthropologischer Forschung, dafür reichlich rassistischen Vorurteilen im Gepäck – vorhersehen können, wohin diese Nachlässigkeit führen würde. Darüber hinaus muß man sich schon fragen, warum es trotz jahrzehntelanger Bemühungen im Kampf gegen die Korruption nur wenige Fortschritte gibt. Von einzelnen Leuchttürmen der Redlichkeit abgesehen – gerne zitiert ein inzwischen abgesetzer oberster Korruptionskämpfer in Nigeria – muß man ehrliche Machthaber in den meisten Ländern suchen wie die Nadel im Heuhaufen. Bei allem Verständnis für das menschliche Bedürfnis, Reichtümer für zukünftige Absicherung anhäufen zu wollen, ist die Maßlosigkeit, die nach oben kein Ende und keine Scham kennt immer wieder erstaunlich – bei europäischen Investmentbankern und Wirtschaftsgrößen aber ebenso wie bei afrikanischen Politikern. Womit wir wieder bei den Institutionen wären: Europa hat Schranken, die die menschliche Gier im Zaum halten und Grenzen setzen – das war ja allerdings auch nicht immer so. Im Mittelalter waren Bankiers und Fürsten in ein Netz aus Verpflichtungen, Gefallen und finanziellen Zuwendungen verstrickt, im Gefängnis konnte und mußte für jede Annehmlichkeit bezahlt werden und der Begriff des öffentlichen Eigentums war auch ein anderer. Der gemeinsame Nenner ist möglicherweise eine kleine, gut vernetzte Elite, die sich gegenseitig stützt. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, und so wie sich im Mittelalter Adel, Fürsten und Kirche die Macht aufteilten und in einem fragilen Gleichgewicht hielten, agieren auch die heutigen Eliten in Afrika. Die Oberschicht im Kongo ist keineswegs eine homogene Einheit: es gibt die Anhänger des Mobutu Regimes, Anhänger des aktuellen Präsidenten wie auch jene der Opposition (deren Galionsfigur Urlaub im schönen Den Haag macht), es gibt Provinzgouverneure und Prätendenten auf einflußreiche Positionen und viel Geschacher um die Zuwendungen für die verschiedenen Provinzen – aber letztlich begegnen sich alle auf denselben Hochzeiten und Taufen, die Kinder gehen in dieselbe Schule, man begegnet sich im Urlaub und im Restaurant und über allem politischem Schacher gibt es doch ein gemeinsames Interesse: ein System zu erhalten, von dem die Oberschicht profitiert. Das jedoch ist keineswegs typisch afrikanisch, sondern typisch menschlich. Der Kongo ist korrupter als Deutschland, weil es im Kongo so viel leichter ist - eine Versuchung, der ja schon mancher Konzern erlegen ist.
Bei den Gesellschaften jedoch stößt jede Entwicklungszusammenarbeit an ihre Grenzen: man kann Anti-Korruptionsagenturen und –kommissionen schaffen, Richter schulen und ausbilden, Konventionen verabschieden und verbalen Druck ausüben: eine Gesellschaft zu transformieren hingegen ist praktisch nicht möglich, es sei denn man wollte zur Kolonialherrschaft zurückkehren. Der Aufbau von funktionierenden Institutionen hingegen braucht Zeit und Geduld.

* Das Problem bei empirischer Wirtschaftsforschung ist, daß ein statistischer Zusammenhang mittels Korrelation oder Regressionsanalysen leicht nachzuweisen ist, die Kausalität hingegen nur sehr schwer. Man nehme zum Beispiel Maßzahlen für die Qualität der Institutionen (im Sinne von Gewaltenteilung, Gesetzen, Rechtsstaatlichkeit) eines Landes und GDP/Capita, wie im obigen Beispiel. Einwandfrei belegen läßt sich ein positiver statistischer Zusammenhang, aber bewirken gute Institutionen wirtschaftliche Entwicklung, oder fördern wirtschaftliche Entwicklung und Reichtum Institutionen, zum Beispiel weil sich wohlhabende Länder eher aufwendige Staatsapparate leisten können? Um die Richtung des Wirkungsmechanismus zu isolieren, suchen Wissenschaftler nach geeigneten instrumental variables - zum Beispiel Siedlersterblichkeit als Indikator für heutige Institutionsqualität, der aber eben tatsächlich nur in eine Richtung wirken kann. Nachteil der Methode ist, daß mit der Auswahl der Instrumentalvariablen die Qualität der Forschung steht und fällt und man unter Umständen mit einfach Argumenten die gesamte Hypothese aushebeln kann, wenn der Wissenschaftler eine angreifbare Instrumentalvariable gewählt hat.

Permalink (17 Kommentare)   Kommentieren





Wenn ich am Neujahrsmorgen in einem Haushalt voller Personen jüngeren Baujahrs als einzige keine Kopfschmerztablette benötige: habe ich am Vorabend nicht gut genug gefeiert oder bin ich für mein Alter noch gut im nehmen?

Ich wünsche Ihnen ein wunderbares Jahr 2010!

Permalink (6 Kommentare)   Kommentieren