Krieg und Frieden
Ich bin natürlich nicht unparteiisch. Sondern indoktriniert. Durch mein Elternhaus, meine Studienwahl, meine Ausbildung, meine Arbeitgeber. Ich glaube an Märkte, freien Kapitalverkehr und die Segnungen von Welthandel, Liberalisierung und Globalisierung. Irgendwie jedenfalls.

Hätte man mich vor einer Woche gefragt, ich hätte selbstverständlich gesagt, daß Welthandel und Frieden in Deutschland untrennbar miteinander verbunden sind. Unser Frieden hat nämlich viel mit Konsum zu tun, Konsum für alle, und möglichst viel. Bananen aus Lateinamerika und Kaffee aus Afrika für jedermann, T-Shirts für die H&M Teenager aus Bangladesh, wenn ich meine Computer-Hotline anrufe melden sich Damen, die irgendwo in Osteuropa sitzen und riefe ich von Amerika aus an, säßen sie in Indien. Wollte man all die Einzelteile zurückverfolgen, würde es richtig kompliziert, das Öl für meinen Joghurtbecher und meine Plastiktüten kommt vielleicht vom kaspischen Meer, oder aus Iran, die Metalle fürs Deckelchen aus Afrika oder Lateinamerika, die Milch kommt von subventionierten Landwirten in Deutschland, die künstlichen Aromen und Zusatzstoffe aus der Rest-EU und die Arbeitskräfte, die alles zusammensetzen, die sind natürlich deutsch. Oder haben zumindest ihren Wohnsitz in Deutschland, vielleicht irgendwo in der baden-württembergischen oder bayerischen Provinz. Ich weiß das, Sie wissen das, und die meisten Deutschen wissen es auch irgendwie. Eine andere Sache ist natürlich, darüber nachzudenken jenseits des eigenen Konsumhorizonts. Zum Glück für uns – und für die Weltwirtschaft – müssen wir darüber meistens nicht nachdenken, das tun hunderttausende Volkswirte, unter anderem beim IMF in Washington.

Die Frage, ob Wohlstand und Frieden zusammenhängen, muß man dort aber nicht mehr stellen, das ist längst beantwortet. Die Frage lautet viel mehr: wie sehr beeinflussen Konflikte das Wirtschaftswachstum? Besonders interessant ist das im Zusammenhang mit dem ewigen Sorgenkind Afrika, das neben vielen traurigen Rekorden auch mehr ethnische Gruppen und bürgerkriegsähnliche Konflikte verzeichnen kann, als die meisten anderen Regionen dieser Welt. Da für die koloniale und postkoloniale Grenzziehung Fragen der Stammes- oder Volkszugehörigkeit nicht übermäßig relevant waren, springen ethnische Konflikte in Afrika schnell auf Nachbarländer über. Der Bürgerkrieg im Kongo, in Rwanda, Uganda und in Burundi hat über die Jahre geschätzte 5 Millionen Opfer gefordert, und wird völlig zurecht manchmal als „afrikanischer Weltkrieg“ bezeichnet. Unter solchen Bedingungen kann Wirtschaft natürlich nicht wachsen.
Bürgerkriege untergraben die Fundamente von Recht und Gesetz, mindern Produktionskapazitäten, sowohl menschliche wie auch maschinelle, und blockieren Handelswege. Ohne Lieferung und ohne Verkauf keine Wirtschaft. Nicht zu reden von den Auswirkungen auf den Staatshaushalt, Militärausgaben und den materiellen Kosten zerstörter Infrastruktur.
Wissenschaftler haben versucht, die Kosten für Konflikte zu schätzen und haben festgestellt, daß ein Bürgerkrieg – basierend auf einem größeren cross-country sample – geschätzte 2 % Wachstum pro Jahr kostet. Dies nur für das bürgerkriegsführende Land, ohne Berücksichtigung von indirekt betroffenen Nachbarstaaten oder regionalen Auswirkungen.
Ein anderes Beispiel: eine empirisch basierte Schätzung der Transitionskonflikte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in verschiedenen osteuropäischen Ländern kam zu dem Ergebnis, daß die Konflikte das Wachstum der Region zwischen 1984 und 1994 um etwa 9% gemindert haben. Wenn man bedenkt, daß wir heute schon über 2 % Wachstum froh wären, sind 9 % wirklich eine ganze Menge – für vergleichsweise harmlose Konflikte.

Etwas detaillierter und in Richtung soziologische Voraussetzungen für Bürgerkriege, kann man auch schauen, wozu ethnische Fragmentation innerhalb von Ländern führt. Ohne die verschiedenen verwendeten Maße für ethnische Diversität zu erläutern, kann man zusammenfassend sagen:

The data indicate that high levels of ethnic diversity are strongly linked to high black market premiums, poor financial development, low provision of infrastructure, and low levels of education. Although ethnic diversity is not significantly correlated with every economic indicator, the evidence is consistent with the hypothesis that ethnic diversity adversely affects many public policies associated with economic growth.

Nun kann man als hartherziger Kapitalist natürlich sagen: was scheren mich die Konflikte in Afrika, das bißchen Kobalt aus dem Kongo und Kaffee aus den Nachbarländern ist nicht von weltmarktbestimmender Bedeutung, aber man kann diese Zahlen als Ausgangspunkt für weitere Überlegungen nehmen.

Man kann sich auch die Konsequenzen der Piraten vor Somalia anschauen, um ein Gefühl für die endlose Ketten von Verbindungen im Welthandel zu bekommen. In 2008 wurden im Golf von Aden 115 Schiffe gekapert, für etwa die Hälfte wurden Lösegelder von 1 bis 1,5 Mio. USD gezahlt. Das kann man wirklich verschmerzen, das können wir uns locker leisten, und die paar philippinischen Matrosen, die einige ungemütliche Monate verbringen müssen, haben eben Pech gehabt. Zumal umgelegt auf die 20.000 Schiffe, die jedes Jahr durch den Golf von Aden fahren, ist die Piraterie kein Drama. Damit hört das Problem aber nicht auf: die Versicherungen für Schiffe auf dieser Passage vervielfachten sich, von 500 USD in 2008 auf 20.000 USD in 2009. (Daten von hier). Angesichts dieser Kosten – und des bleibenden Risikos – erwägt man als Reeder andere Routen, aber 3.500 Meilen Umweg sind nicht zu verachten. Das dürfte ungefähr zehn Tage Zeit kosten, pro Passage, macht 200.000 Schiffstage mehr im Jahr, wenn alle Schiffe umgeleitet würden. Das ist auch eine Menge. Schiffe liegen nicht einfach untätig auf Reserve in Häfen, Schiffe fallen auch nicht einfach vom Himmel, und wollte man so etwas stringent durchziehen, müssten die 200.000 Tage eingespart werden – bei steigenden Frachtpreisen, denn gestiegene Nachfrage wirkt auf den Preis. Nicht zu reden von dem Kraftstoff, der durch den Umweg verbraucht würde, den Personalkosten, den Umweltfolgen. Mit Sicherheit würden die I-Phones aus China und T-Shirts aus Bangladesh teurer werden, vielleicht müssten wir auch auf ein paar Kisten Bananen aus Lateinamerika verzichten bzw. uns zwischen Bananen oder I-Phones entscheiden. Oder uns würden Container für den Abtransport unserer Exportautos und Exportmaschinen fehlen – auch das wäre weniger gut. Was genau passieren würde, höhere Preise, Containerknappheit, Güterknappheit oder Güterabwägung, kann niemand sagen – aber es würde nicht ohne Konsequenzen bleiben. Weniger vielleicht für Menschen, die ihr Obst nach Saison kaufen, Fleisch vom Bauern ihres Vertrauens und mehr Geld für Bücher als für Technikspielereien ausgeben. Mehr für jene Menschen, denen das I-Phone als Statussymbol wichtig ist, der Fernseher die beste Form der Unterhaltung, und der Einkauf von unverarbeiteten Lebensmitteln ein Abenteuer. Weniger für Ärzte und Buchhändler, mehr für Industriearbeiter und Autofirmen-Manager. Das wäre wirklich nicht schön, und da kann man doch froh sein, daß die internationale Staatengemeinschaft sich entschlossen hat, dieser Piraten-Bedrohung des Welthandels durch militärische Mittel zu begegnen. Es gibt übrigens auch eine Schätzung, was ein Pirat so verdient, dafür daß er seinen Kopf so weit aus dem Fenster streckt: Der Chef Pirat am Schreibtisch mit der Finanzierung im Hintergrund verdient etwa 120.000 USD pro Jahr, die verzweifelten armen Schweine an Bord 15.000 USD pro Jahr. Wobei das in Afrika natürlich viel Geld ist. Trotzdem: für einen reichlich riskanten Job, ohne Sozialversicherung.

Die zwei Prozent Wachstum, die die Wirtschaftskrise gerade gefressen hat, sind ja schon hart und das spüren wir allenthalben, Zeitarbeit, Kurzarbeit, defizitärer Staatshaushalt und so. Man könnte sich zum Beispiel vorstellen, daß wir bei der nächsten Anfrage der NATO um ein paar Überwachungsflugzeuge „nein“ sagen, wir sagen überhaupt „nein“ zu allem, was die Amerikaner von uns wollen, weil wir ein souveräner Staat sind. Der Rest der Welt sieht das anders und betreibt weiterhin strategische, pragmatische Außenpolitik, zieht sogar im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen an einem Strang, aber wir sagen „nein“. Moralisch wäre das vermutlich in vielen Fällen durchaus richtig, aber wenn die Amerikaner eine Angelegenheit zum nationalen Heiligtum erküren und sich nicht darauf beschränken, Volkswagen in Peoplecar umzubenennen (wie seinerzeit die Freedom Fries), sondern Millionen US-Bürger statt Audi, BMW und Volkswagen nun Toyota und Chevrolet kaufen, dann ist es mit der Gemütlichkeit und den Opernhäusern in dummen, kleinen Provinzstädten möglicherweise schnell vorbei.

Niemand weiß, ob, wann und wo die nächste große Krise stattfinden wird. Bestenfalls gar nicht oder wenigstens weit weg von Ölpipelines und Handelswegen, aber selbst dann ist es in einer komplexen Wirtschaftswelt nicht leicht, die Konsequenzen einzuschätzen. Einer unserer großen Politiker würden sagen: We are all sitting in one boat. Meines Wissens hat sich noch niemand die Mühe gemacht, in einem Modell zu simulieren, welche Auswirkungen ein größerer regionaler Konflikt auf den Welthandel und auf einzelne Länder hätte. Aus gutem Grund: die Weltwirtschaft würde in ihrer Komplexität jedes noch so raffinierte Modell und jede noch so umfangreiche Rechnerkapazität sprengen. Und deswegen weiß niemand, was passiert, sollte es unwahrscheinlicherweise irgendwo richtig krachen.
Rationalerweise kann es in niemandes Interesse sein, der Weltwirtschaft zu schaden, aber niemand garantiert, daß nicht irgendein fehlgeleiteter Politiker oder irrer Militärputschist noch rational handeln wird, wenn er am Drücker sitzt.

Ich bin nicht für Wirtschaftskriege. Die amerikanische Strategie, wichtige und unterlegene Ölländer zu besetzen, andere Staaten als Erfüllungsgehilfen ihrer Interessen zu mißbrauchen und dabei gleichzeitig ihrer Souveränität zu berauben ist verachtenswert und schändlich. Umso mehr, wenn sie mit dem Mäntelchen der Demokratisierung behängt wird. Unsere Autos und unser Wohlstand sind auch keine Menschenleben wert, nicht Soldatenleben und nicht Opferleben an irgendeinem gottverlassenen Fleck dieser Erde. Aber zu behaupten, daß internationale Wirtschafts- und Handelspolitik nicht ein Kernbestandteil der deutschen Außenpolitik sind, halte ich für naiv. Das kann nur sagen, wer die Konsequenzen nicht bis zum Schluß durchdacht hat. Denn sollte es irgendwann irgendwo zu einem gravierenden Konflikt kommen, was passiert mit uns in Deutschland, wenn das Öl unbezahlbar wird, wenn wir keine Rohstoffe für all die technischen Spielzeuge mehr bekommen, die wir so schätzen, keine Materialien für die Autos, die wir bauen und in alle Welt verkaufen, und im Winter über jede Vierteldrehung am Heizkörper fünf Mal nachdenken müssen? Wenn sich die Arbeitslosigkeit in Deutschland verdoppelt, gleichzeitig die Staatseinnahmen einbrechen (ohne Unternehmensgewinne keine Staatseinnahmen), und wir ganz nebenbei, sozusagen als Collateral Damage, mehr Asylanträge als jemals zuvor erhalten von alle den verzweifelten Flüchtlingen aus einer zusammenbrechenden Region?
Das ist hoffentlich natürlich ein völlig unrealisitsches Alptraumszenario, aber nach reiflicher Überlegung und Abwägung, scheint es durchaus in unserem Interesse, internationale Krisenherde im Auge zu behalten und uns notfalls auch um Stabilität in entlegenen Regionen zu kümmern. Oder aber wir werden wirklich konsequent, ändern unser Konsumverhalten, hören auf, Billiggüter aus aller Welt über die Meere zu schiffen, reduzieren den Ölverbrauch und werden ein weitgehend export- und importunabhängiges Land. Dann könnte uns die internationale Weltwirtschaft vielleicht egal sein und wir können die Pazifisten werden, die wir gerne wären. Aber beides: den Kuchen essen und gleichzeitig behalten, wird möglicherweise schwierig.

Es gibt aber noch eine andere Perspektive, die ich noch wichtiger finde: nicht nur im eigenen Interesse sollten wir an anderen Regionen in der Welt Anteil nehmen. Sondern vor allem aus Humanismus und Gerechtigkeit und menschlichem Mitleid mit den Schwächeren dieser Welt. Wir schicken deutsche Polizisten und Soldaten zur Stabilisierung in den Kongo, um weitere Kriege zu verhindern – nur kommt da niemand auf die Idee, von Wirtschaftskrieg zu sprechen, weil es keine offensichtlichen wirtschaftlichen Interessen und keine Toten gibt. Davon abgesehen bekommt allein die Demokratische Republik Kongo von uns 12-14 m Euro jährlich. Und Afghanistan 80 m Euro pro Jahr (zwischen 2005 und 2008). Man kann aber nicht alles mit Geld kaufen. Frieden zum Beispiel.

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nnier, Donnerstag, 3. Juni 2010, 21:10
Eine Frage, die sich mir da immer wieder stellt: Was wird da gehandelt? Ist der (Welt-)Handel ein Selbstzweck? Vollkommen klar, dass man die Bananen schlecht hier anbauen kann, schön, dass wir Rohstoffe und Energie importieren können, und sicher hat der Handel auch allerlei kulturellen Fortschritt mit sich gebracht. Aber Zweifel kommen mir schon dann, wenn ich an die Megatonnen Plastikspielzeug denke, die in all den Frachtcontainern fröhlich herangeschifft werden, um irgendeinem Burger beigelegt zu werden und dann nach einer Woche samt blinkendem Chip und Knopfzelle im Gelben Sack zu landen. Oder an die "frischen" Nordseekrabben, die in Marokko gepuhlt werden. Ihnen fallen sicher noch passendere Beispiele ein. Will sagen: Die schiere Masse der bewegten Güter ist für mich kein Wert an sich.

damenwahl, Donnerstag, 3. Juni 2010, 21:17
Nein, aber der volkswirtschaftichen Theorie nach - der ich anhänge - sind die Dinge billiger. Jeder produziert das, was er am besten kann. Wir in Deutschland entwickeln Maschinen, die Inder machen Call-Center, und in Bangladesh und China wird produziert. Es hört sich unwahrscheinlich an, aber ich vermute schon, daß es stimmt.

nnier, Donnerstag, 3. Juni 2010, 22:58
Das klingt ja auch erst mal ganz rational. Man könnte jetzt ganze Fässer aufmachen und über Heuschreckenschwärme, Arbeitsbedingungen, Umweltschäden usw. diskutieren - was die angesprochenen T-Shirts angeht z.B. - und sich dann fragen, ob die Dinge wirklich "billiger" werden, und wenn ja, ob das das einzige Ziel sein soll. Ich kann mit keiner Theorie ankommen; aber dieses vielbeschworene Wachstumszahlenwerk ist mir suspekt. Zumal immer nur sehr kurze Zeiträume betrachtet werden, und irgendwann kommt z.B. jemand an und sagt, oh, der Atomstrom sah nur so billig aus (via).

damenwahl, Freitag, 4. Juni 2010, 10:03
Herr nnier, billiger finden die meisten Menschen ja erst mal gut. Umweltschäden zum Beispiel oder die Kosten für Renaturierung heißen in der VWL "externalities" - weil die Kosten für solche Sachen nicht vom Verursacher (der Industrie) getragen werden, wenn man nur den Markt walten läßt. Der Staat muß also dafür sagen, daß solche Kosten internalisiert werden (zum Beispiel durch verpflichtende Rückstellungen für Kohlebergwerke oder Emissionshandel) - typisches Beispiel, wo die VWL Staatsintervention gutheißt.
Und natürlichen zahlt am Ende immer noch der Verbraucher durch höhere Kosten - allerdings möglicherweise in anderen Verhältnissen. Ohne Emissionshandel zahlen die Bürger anteilig nach ihrer Steuerlast - mit Emissionshandel nach individuellem Verbrauch.

Aber erklären Sie sowas mal dem durchschnittlichen Verbraucher. Vor allem, wenn es um Kinderspielzeug aus China geht, wo die sozialen und umweltbezogenen Kosten nicht mehr so offensichtlich sind.

arboretum, Freitag, 4. Juni 2010, 10:10
Nein, aber der volkswirtschaftichen Theorie nach - der ich anhänge - sind die Dinge billiger. Jeder produziert das, was er am besten kann.

Ich sehe das wie Herr nnier, "billiger" ist nicht gleichbedeutend mit "besser". Wenn das Kinderspielzeug mit giftigen Farben angemalt ist, finden das die Leute auch ganz schnell nicht mehr gut. Und der Textil- oder Geflügelmarkt in manchen afrikanischen Ländern ist ja nicht deshalb kaputt gegangen, weil die einheimischen Stoffe und Hühner schlechter gewesen wären. Sondern weil die westlichen Länder Altkleidung und Hühnerflügel billigst dorthin exportieren und auf den Markt drücken.

damenwahl, Freitag, 4. Juni 2010, 10:19
Oh, ich wollte nicht sagen, daß ich selbst auch billiger gleich besser finde. Ich glaube aber schon, daß der typische, durchschnittliche Konsument billiger mag - und der deutsche ganz besonders. Und daß freie Märkte dazu führen, den billigsten Produktionsweg (inkl. Transport) zu finden, in der Regel jedenfalls. Will man eine Welt, in der Billig nicht das Maß aller Dinge ist, muß man Konsumenten erziehen. Oder die Wirtschaft entsprechend regulieren - was ich gar nicht schlecht fände.
Afrikanische Lebensmittel wiederum leiden vor allem unter Agrarsubventionen - das ist wiederum ein weites Feld. Und afrikanische Stoffe kommen inzwischen aus China. Weil die Produktion da billiger ist.

damenwahl, Freitag, 4. Juni 2010, 10:25
Um ganz sicher nicht falsch verstanden zu werden: ich glaube an das Prinzip freier Märkte, mit der Einschränkung staatlicher Intervention wo es Notwendig ist. Nicht notwendig sind Interventionen zugunsten von Lobby-Gruppen, weil Politiker wiedergewählt werden möchten. Über Notwendigkeit kann man natürlich streiten, aber Regulierung zugunsten der Umwelt, Regulierung zur Einschränkung von Casino-Banken oder Regulierung zur Förderung von nachhaltiger Landwirtschaft (mit Feldsäumen und Brachen und glücklichen Kühen) würde ich unbedingt befürworten.

damals, Samstag, 5. Juni 2010, 23:13
Irgendwie hab ich ein Misstrauen gegenüber dieser Idee, nach dem Mitleidsprinzip zu handeln. Das hat sowas Paternalistisches, Papahaftes. Sicher scheint es zunächst erst einmal gut, Schwächeren zu helfen. Aber der Unterlegene wird sich irgendwann vom Papa emanzipieren, vielleicht sogar aggressiv. Oder er wird die schlechtesten Manieren von Papa kopieren. Beides normal, aber nicht sehr schön.
Und was die "Stabilität in entlegenen Regionen" betrifft, das geht uns gar nichts an. Natürlich betrifft es uns. Aber wir sind nicht legitimiert, anders als diplomatisch einzugreifen (wenn wir fremde Souveränität akzeptieren, so wie wir unsere Souveränität akzeptiert sehen wollen). Demokratische Regeln, die wir uns selbst gegeben haben, stehen schließlich über den Interessen des Wohlstands .. also so gesehen find ich die Antwort auf die von Ihnen aufgeworfenen komplizierten Fragen recht einfach.

damenwahl, Sonntag, 6. Juni 2010, 09:59
Das stimmt natürlich, daß im Mitleid leicht etwas herablassendes liegt - aber die Menschen in Afrika verhungern zu lassen, scheint mir auch nicht richtig, also muß man es so hinbekommen, daß es nicht herablassend ist. Möglichst.

Davon abgesehen geht die Souveränität eines Staates selbstverständlich über alles, das würde ich niemals anzweifeln. Ich bin strikt der Meinung, daß man mit solchen Gütern nicht spielen darf - aber das heißt nicht, daß man nicht als eingeladener Gast eingreifen darf. Nur nicht ungebeten.

damals, Sonntag, 6. Juni 2010, 11:09
Finde ich auch. Möchte aber, da ich als Ostblockgeborener quasi "gebranntes Kind" bin, daran erinnern, dass auch für den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschecheslowakei 1968 unzweifelhaft eine Einladung exitistiert hat. Ebenso wie für den Einmarsch der Sowjetunion nach Afghanistan - man muss also auch sehr darauf achten, wer einlädt und warum.

damenwahl, Montag, 7. Juni 2010, 19:39
Ich meine, man sollte aus Prinzip keine Regeln für solche Fälle aufstellen, denn solche Fälle sollten nicht die Regel sein. Das einzig richtige Prinzip ist die Souveränität jedes Landes, unantastbar. In Einzelfällen muß man sehen, welches Vorgehen vernünftig ist und die Zustimmung der UN findet. Das ist nicht ideal, aber wohl der beste Weg, den wir haben.
Und sollten nachfolgende Generationen das anders sehen, hat man Pech gehabt.