Dienstag, 5. April 2011
Totale Freiheit
6h09 – der Wecker klingelt, ich bleibe liegen.
6h15 – der mechanische Schepperwecke klingelt, ich bleibe liegen.
6h20 – eigentllich wollte ich schon unter der Dusche sein... ich stehe auf.
6h45 – mit einem Kaffee in der einen Hand und den Klausurunterlagen in der anderen überlege ich, was es mit dem „critical μ“ auf sich hat
7h00 – vielleicht bekomme ich das mithilfe der Unterlagen in der Uni raus? Ich gehe los.
7h35 – es scheint mehr als nur ein „critical μ“ zu geben – noch 45 Minuten Zeit, das Rätsel zu lösen.
7h55 – ich begreife das nicht. Höchste Zeit, die Nash-Gleichgewichte zu jedem μ einfach stumpf auswendig zu lernen.
8h12 – eine Zigarette geht noch, wird mich inspirieren.
8h15 – der Professor freut sich über meine Ankunft.
8h16 – die Aufgaben sind doof. Gut, daß ich das Modell, von dem ich annahm, es käme eh nicht dran, trotzdem gelernt habe. Es ist Frage 1.
9h13 – ich schreibe den letzten Satz.
9h14 – ich habe über dem letzten Satz noch Platz gelassen, kluge Sache das, kann noch einen weiteren Satz hineinquetschen.
9h15 – Krampf in der Hand. Meine guten Vorsätzen, nicht alles aufs Papier zu schmieren, was ich weiß, habe ich vergessen vor lauter Strebsamkeit.
9h20 – jetzt erst mal 'ne Zigarette, zur Belohnung.
9h30 – Mails gecheckt, jetzt sollte ich anfangen, die Literaturübersicht für das morgige Seminar zu schreiben.
9h40 – man soll ja systematisch vorgehen, ich überführe das alles erst mal von MS Word in LaTeX.
9h45 – ich habe vergessen, wie das in LaTeX ging. Nachschlagen.
10h30 – vielleicht war ich bei der Recherche etwas abgelenkt – aber dafür bin ich jetzt voll im Bilde was das Tagesgeschehen betrifft.
10h45 – 40 Aufsätze aus Google-Scholar raussuchen und Bibtex-Einträge kopieren. Das kann dauern.
11h20 – Ende in Sicht. Hunger.
11h21 – großer Hunger. Wann gehen wir essen?
11h25 – hoffentlich kommen die anderen bald.
11h31 – Schritte im Treppenhaus, ich raffe Geld und Schlüssel zusammen und sprinte zur Tür, man könnte mich ja nach mehrwöchiger Abwesenheit vergessen.
11h32 – falsche Kollegentruppe, egal, Hauptsache Essen.
12h05 – Kaffee mit richtiger Kollegentruppe. Man muß ja soziale Kontakte pflegen, unbedingt.
12h20 – jetzt aber, Literature Review schreiben. Im Ernst.
12h22 – einige Einträge sehen komisch aus. Ich muß noch mal schauen wie das mit der Formatierung war. Ohnehin gefällt mir der „plainnat“ style nicht – vielleicht probiere ich mal Harvard Style?
12h35 – ich fange an, ernsthaft über den Inhalt meiner Literature Review nachzudenken.
12h36 – eine Mail! Studentin, hat eine Frage. Wird sofort beantwortet, ich trage schließlich Verantwortung.
12h39 – Literature Review. Auf ein Neues.
13h00 – meine Finger fliegen über die Tasten – außer, wenn ich gerade etwas nachschlagen muss in den Aufsätzen.
14h00 – eine Seite, für den Anfang gar nicht schlecht.
14h15 – wie beschreibt man den eigenen Forschungsbeitrag, wenn man noch gar nicht weiß, was am Ende rauskommt? Schwierig.
14h25 – immer noch keine Eingebung. Schwachsinnig, jetzt Ergebnisse zu beschreiben, die ich gar nicht finden werde. Darauf einen Kaffee, vielleicht hilft das.
15h20 – so mag es angehen, das bleibt jetzt so. Layout aufhübschen, dann abschicken.
15h35 – ... oder auch nicht. Eigentlich, wenn ich so drüber nachdenke... geht das irgendwie am Ziel und Zweck des Seminars vorbei. Wenn, sollte ich so schreiben, wie es auch später im Paper stehen soll. Ob ich das jetzt noch mal neu abfasse?
15h40 – aber das ist so viel Arbeit. Hausegehen will.
16h00 – aber ich sollte das wirklich noch fertig machen. Oder reicht auch morgen früh?
16h03 – ... und in die Stadt muß ich auch noch. Bevor hier alle Läden schließen.
16h05 – eine Zigarette wird mir bei der Entscheidung helfen.
16h06 – ich könnte den Rechner anlassen, in die Stadt gehen, und nachher wiederkommen.
16h07 – ich könnte den Rechner aber auch ausmachen.
16h09 – ... dann kommt ich aber ganz sicher nicht wieder.
16h10 – auf dem Weg in die Stadt. Der Rechner wartet auf mich.
16h45 – ging schneller als erwartet. Noch schnell ein Stück Kuchen mitnehmen, wo ich schon mal unterwegs bin.
17h00 – frisch ans Werk, jetzt wird eine supertolle Literature Review geschrieben.
17h30 – der erste Teil war leicht, aber mein Forschungsbeitrag hat sich in den vergangenen drei Stunden leider nicht weiterentwickelt. Was schreib ich bloß?
18h00 – nix. Ich schreibe nichts und erklär's dem Prof in einer Mail.
18h10 – drei Sätze mit Mühe abgerungen.
18h20 – mal gucken was im Fernsehen kommt. Tatort! Die, die ich gerne gucke (und das ist nur ein Stadt-Serie). Jawoll! Jetzt schnell fertig werden.
18h30 – eine Stunde noch, da kann ich das Layout noch fertig machen.
18h40 – oder das Layout macht mich fertig.
19h00 – endlich fertig. Obwohl: ich sollte vielleicht noch die Arbeiten meines Professors der Literaturliste anfügen – macht sich besser.
19h05 – wo ich schon dabei: auch gleich ausdrucken, und endlich mal lesen. Die Sachen meines Profs.
19h20 – Heimweg.
19h30 – Risotto kochen. Mehr als zwölf Stunden produktiv gewesen (nominal, nicht real). Wenn das kein erfolgreicher Tag war.

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Mittwoch, 30. März 2011
Handarbeitsstunde
Mein erstes Kleid war aus heutiger Sicht fürchterlich. Knöchellang, aus dunkelblauem Nickistoff und schrecklich brav. Das nächste aus violettem Samt mit Wasserfallausschnitt war schon besser und ungefähr zu Abiturzeiten kriegte ich die Kurve zur Mode. Nachdem ich zum Abiball von einer Freundin ein chinesisches Kleid geliehen hatte, kaufte ich kurz danach mein erstes richtiges Abendkleid: es war hellblau mit diagonalen braunen und goldenen Streifen, ansonsten sehr schlicht und ich mag es heute noch – auch wenn ich es seit Jahren nicht mehr getragen hatte. Es folgten einige Jahre mit Varianten von „langer schwarzer Rock mit Corsage“, bis der Rock irgendwann nicht mehr nur einen heruntergetretenen Saum, sondern tatsächlich Risse im Futter hatte und aufs Altenteil kam.

Das richtige Kleid zu finden ist gar nicht so einfach. Über die unzähligen Scheußlichkeiten, die man so auf Kleiderständern findet, habe ich ja schon berichtet. Selbst die schönen Kleider jedoch erfüllen lange nicht immer alle Anforderungen. Nach Ausschluß von Glitzer, Strass, Rüschen und Polyester gilt es weitere Kriterien zu erfüllen: es muß tanzfreundlich sein – der Rock also nicht zu eng, ohne Schleppe, das Oberteil muß fest sitzen, auf daß man nicht irgendwann oben ohne dasteht (auch das hatte ich schon). Bustieroberteile gehen also nur, wenn sie perfekt passen, was sie selten tun. Sehr dünne Spaghettiträger sind prinzipiell prima, aber leider an soviel Frau wie mir oft ein bißchen lächerlich – richtige Träger sehen besser aus. Es darf nicht zu lang sein (sonst tritt man drauf) aber auch nicht zu kurz – wir sind ja nicht bei armen Doktoranden Leuten.

Dunkelblau geht gar nicht – das ist in den meisten Fällen eine Farbe von Damen, die nicht schwarz tragen wollen, aber sich auch mehr als blau nicht trauen. Grau ist großmütterlich. Dem Teint schmeicheln sollte es möglichst auch, womit bei mir gelb und rot entfallen. Trotzdem hätte ich aber gerne etwas eigenwilliges, das nicht jeder hat. Und das ganze bitte für unter 300 Euro. Seit Jahren träume ich davon, ein Kleid ganz nach meinen Wünschen schneidern zu lassen, karierte Seide fände ich chic, aber am Ende täte es mir doch zu weh, deutlich mehr als 300 Euro in etwas zu investieren, das ich allerhöchstens drei Mal trage – danach habe ich mir ein Kleid meistens leidgesehen (von den hochgezogenen Augenbrauen der üblichen verdächtigen Damen meines erweiterten Bekanntenkreise gar nicht zu reden). Angesichts der vielfältigen Herausforderung beim Schnitt bin ich ein großer Freund klassisch-schlichter Kleider in extravaganten Farben.

So wie dieses hier.


In den Stoff habe ich mich sofort verliebt. Er lag in Kinshasa vor dem Büro auf einem der unzähligen kleinen Stände. Sehr bunt, etwas steif, ein bißchen glänzend von der Wachsbeschichtung. Irgendwie klassisch – und doch eigenwillig. Klassisch auf LSD, könnte man sagen. Beim Brainstorming mit Schneiderin Céline kamen wir irgendwann aufs Abendkleid. Eine Freundin ließ sich bei der Gelegenheit eines der typisch afrikanischen Kleider schneidern, die im Schnitt ja häufig fast wie Abendkleider sind und so ließ ich mir für umgerechnet etwa zwanzig Dollar etwas machen. Etliche klägliche Malversuche meinerseits später hatte die Schneiderin verstanden, was ich mir vorstellte, und versprach, Ihr Bestes zu tun. Wie üblich wurde es erst auf die letzte Minute vorm Abflug fertig, aber: es passte. Perfekt.

Und stellte zu Hause ein ums andere Mal bei jeder Gelegenheit fest, daß das Kleid irgendwie doch nicht das richtige für gerade jene Gelegenheit war. Zu fein für Anlässe, bei denen es auch ein kurzes Kleid täte – und zu wenig elegant und zuviel eigenwillig für richtige Bälle. Schon vor der Einkaufstour in Wien hatte ich überlegt, ob man das gute Stück nicht irgendwie aufrüschen könnte. Meine Idee, den Rock mit Tüll zu unterfüttern und die rückseitige Naht so weit zu öffnen, daß man den Tüll dort auch sähe, wurde sogar von einer Schneiderin hier für machbar und hübsch befunden – sollte allerdings inklusive Material 300 Franken kosten, was mir dann doch zuviel für ein solches Experiment war.

Heute hat es mich dann wieder gepackt, das schöne Wetter verführt ohnehin zu nachmittäglichen Einkaufsbummeln und in einem der vielen Abendmoden-Geschäfte gab es einen halbfertigen Unterrock für lächerliche 40 Franken. Das Ding am Unterrock anzunähen, so dachte ich mir, kann so schwierig nicht sein. Falsch gedacht. Drei Stunden, einen steifen Rücken und gefühlte zehn Meter Nähgarn später ist der Tüll immer noch etwas schief, aber dem kann ich vielleicht noch mit einer Schere zu Leibe rücken. Drei Stunden! Für einen lächerlichen Meter Umfang Naht! Habe völlig unterschätzt, daß der voluminöse Tüll es schwer macht, unter den Rock zu greifen, um die Nadel aufzunehmen. Wie sperrig Tüll ist. Wie wenig Licht so ein kleiner Kronleuchter gibt, wenn man diffizile Handarbeiten ausführen möchte. Einen halben Meter Naht aufzutrennen zum Beispiel. Céline in Kinshasa hat gute Arbeit geleistet - der Abschluß war so eng genäht, daß ich mit der Schere kaum drankam. Immerhin sitzt der Tüll jetzt etwa so, wie es mir von Anfang an vor dem inneren Auge stand. Jetzt muß ich nur noch meine geschätzte vietnamesische Schneiderin dazu bringen, mir bis Donnerstag den Saum wieder zu schließen und den Tüll hinten festzustecken.



Und das Häkchen vom Bustier enger zu machen. Nicht vergessen.

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Montag, 21. Februar 2011
Ehrlich währt am längsten...
... sagt man ja so, gemeinhin. Bei dem ein oder anderen Karrieristen aus meiner Vergangenheit, deren hervorstechendste Eigenschaft sicher nicht die Ehrlichkeit war, warte ich noch auf das Eingreifen der himmlischen Gerechtigkeit, und manchmal zweifele ich sehr an deren Existenz.

Die liebe Frau Nessy hat sachlich schon alles gesagt, was es zu unserem Nationalhelden b.a.w. zu sagen gibt und ich stimme vollumfänglich zu. Eigentlich müßte ich mich jetzt entschuldigen und auf einem Bein in die nächste Ecke stellen zum Fremdschämen – ich habe nach aktueller Zählung mindestens 6 Personen in meinem virtuellen Freundeskreis, die (in einem Anfall geistiger Umnachtung?- ich gebe die Hoffnung nicht auf) den Like-Button dieser unsäglichen FB-Unterstützergruppe geklickt haben. Wen muß ich jetzt zuerst aus meinem Netzwerk löschen? Die evangelikalen Missionare aus der amerikanischen Schulzeit, oder doch diese Hohlfritten? Eigentlich möchte man ja mit so etwas wirklich nicht befreundet sein. Bei den üblichen Verdächtigen konservativ-bayerischer Provenienz verstehe ich das noch, da sind vielleicht dreißig Jahre familiäre Prägung so übermächtig, daß man nichts anderes erwarten konnte (und einige davon würde ich bei allem Wohlwollen nicht direkt zu den hellsten Köpfen meines Freundeskreises zählen). Völlig sprachlos hinterläßt mich jedoch das Mitgefühl einer durchaus nicht dummen, höchstselbst promovierten Juristin in leitender Position für die aktuelle Bredouille für den Kerl. Daß Personen, die nie ihr Doktorandenbrot mit Tränen assen die Leistung eines echten Wissenschaftlers nicht zu schätzen wissen – gut. Daß der Handwerker Max Mustermann nach all den Berichten über plagiierende Studenten und gekaufte Titel meint, es würden eh alle Wissenschaftler voneinander abschreiben – geschenkt. Aber wie kann jemand, der selbst ein paar hundert Seiten verfasst hat, Verständnis für sowas haben?

Ich für meinen Teil habe keines, und hätte auch keines gehabt, wenn er Superman, Gandhi und der Vater meiner Kinder in Personalunion gewesen wäre. Im Rahmen meiner – seltenen – Aufgaben als universitäre Autoritätsperson mußte ich letzte Woche Aufsätze für einen Wettbewerb sichten und Vornoten verteilen. Und stieß auf ein Werk, das meine Aufmerksamkeit erregte. In Struktur und Inhalt von der durchschnittlichen Sorte (eher obere Hälfte): ein paar ganz kluge Gedanken, aber etwas kursorisch und ziellos im Aufbau. Ein längerer Verweis auf ein Beispiel aus Schwarzafrika ließ mich mutmaßen, ob es sich wohl um einen afrikanischen Studenten handeln könnte, so daß ich erst mal meine Sympathie-Reflexe zügeln mußte. Andererseits passten allerlei andere Beispiele nicht so recht dazu, namentlich ein eher unangebrachter Bezug auf die USA mit besitzanzeigendem Fürwort. Und der Wechsel zwischen einwandfreiem, sehr gediegenen Englisch und stümperhaften Fehlern in Satzbau und Rechtschreibung. In einer Einfrau-Wikiplag-Aktion stellte sich heraus: alles ganz frech von verschiedenen Homepages – Wikipedia, diversen Universitätsseiten – abgeschrieben. Genauer gesagt: ganze Abschnitte unverändert kopiert.

Es ist mir völlig rätselhaft, wie man so etwas tun kann – man lernt doch heutzutage vom ersten Semester an, daß abschreiben verboten ist und nicht mit dem obligatorischen Spicker in der Mittelstufe zu vergleichen. Eines der wenigen Dinge, die ich seinerzeit in der amerikanischen Provinz uneingeschränkt zu schätzen wußte, war die Mentalität in der Schule. Lehrer konnten bei Prüfungen tatsächlich zwischendurch einen Kaffee trinken gehen – denn spicken oder abschreiben widersprach dem Ehrgefühl und war für niemanden eine Option. So einfach. Was geht in einer Gesellschaft kaputt, wenn selbst exponierte Personen kein Unrechtsbewußtsein für solche Taten mehr haben?

Irgendein Journalist hat es heute auf den Punkt gebracht: entweder er hat es schreiben lassen – dann hat er gelogen. Oder er hat selbst geklaut – dann hat er auch gelogen. Weiterhin wird ausgerechnet ein Mitglied der Prüfungskommission als Vertrauensmann hinzugezogen (hallo?... das ist, als würde man die Frösche bitten, den Teich trockenzulegen) und große Teile der Allgemeinheit finden das alles in Ordnung und können an dem Vorgang nichts verwerfliches finden? Diese idiotische FB-Gruppe mit den Poser-Fotos im Militärdress hat inzwischen tatsächlich über 150.000 Anhänger – das verschlägt mit die Sprache. Andererseits hat der Mann möglicherweise genau die Klientel, die er verdient:

Person 1: „Also ich glaube hier haben die wenigstens Poster Ahnung von den Ausmaßen des Sachverhaltes. Ich bin selbst Dokterant und arbeite seit mehreren Jahren an meiner Dissertation und darüber hinaus habe ich mir selbst einen Eindruck verschafft un...d KT's Diss in Teilen gelesen.
Es ist das ist ein massives Plagiat, das ist offensichtlich und für jeden nachvollziehbar. Aller Vermutung nach hat er es nicht selbst geschrieben; da er so doff wahrscheinlich auch nicht ist.“
Person 2: „Als Doktorant "doff" und doktErant schreiben. Ist ja witzig. Ich halt Guttenberg für einen der fähigsten Minister zur Zeit. Und ich kann mich einigen meiner Vorpostern nur anschließen, dass es vielen Leuten unbekannt war, dass er überhaupt promoviert hat und dass ihm dieser Titel in der Politik hilft... ."
Wahrscheinlich hat er damals, als die Zeitungen sich über das „Kairos“ amüsierten, gedacht, es ginge um die Stadt am Nil.

Person 3: „Bis jetzt steht KT`s Beurteilung unter den befragten Teilnehmern allein bei t-online im Verhältnis zu seinen Gegnern prognostisch ziemlich genau im GOLDENEN SCHNITT der Kosmischen Kräfte und zwar sogar über 62 Prozent, bei 63.4 Prozent, der Teilnehmer sind seiner Sympatisanten. Das heißt, er ist auf der göttlich positiven Seite und wird diesen Prozess mit absoluter Sicherheit gewinnen, was wir ihm auch alle wünschen.“

Und wahre Fans reisen ihrem Idol eh hinterher, scheint es: „Hochachtung! Zu Guttenberg spricht gerade in Kelkheim und entschuldigt sich bei den nicht genannten Quellen. Die Doktorarbeit habe Fehler, die sich über 7 Jahren angesammelt haben. Er hat klare Worte gefunden und jetzt sehe ich Ihn noch positiver. Hut ab!“

Andererseits: in der Kürze liegt die Würze: „KTG ist und bleibt der Doktor unserer Herzen!!!!“ von Maxi. Und „Ehrlich währt am längsten (Sprichwort)“ ich hoffe er bleibt so.“ - ich fürchte, nicht ironisch gemeint. Die sehen das so. Sollte der Mann jemals Kanzler werden, heirate ich meinen ägyptischen Dauerverehrer und gebe die deutsche Staatsbürgerschaft ab. Versprochen.

Ein kläglicher Trost ist es mir, daß es am Wochenende bei einem Fest in durchaus konservativen Kreisen keiner gewagt hat, sich für den Übeltäter auszusprechen – aber 6 Personen in meinem Freundeskreis mit Sympathien für Ideenklau, Betrug und Hochstapelei sind mir immer noch 6 zuviel. Ich glaube, ich gehe mich jetzt noch eine Runde fremdschämen. Oder lösche die Kontakte aus meinem Profil – sieht ja keiner, wenn man Kontakte abbricht.

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Donnerstag, 20. Januar 2011
3 auf einen Streich
Erstens, ein Stück meiner kostbaren Bügelflicken umsonst verbraten.
Zweitens, eine weiße Badematte ruiniert, da sind nämlich versehentlich beim Aufbügeln von (1) schwarze Flecken von
Drittens, meiner ziemlich neuen Lieblingsjeans drauf. Und auf der Hose sind weiße Flecken von der Badematte. Nicht so gut. Drei Teile aufeinmal kaputt gemacht, das muß man erst mal schaffen. Muß jetzt neue Jeans kaufen.

Weil ich aber gar nicht abergläubisch bin, und die Kleiderreinigung hier unverschämt teuer ist, gleich noch - jetzt erst recht - das Abendkleid in die Waschmaschinge gesteckt. Das zumindest ging prima. Wer braucht schon chemische Reinigung?

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Montag, 10. Januar 2011
Ich bin die zweitbeste Grünkohlköchin der Welt!
Es ist ja bereits deutlich geworden, daß ich gutem Essen nicht abgeneigt bin. Ich mag Scampi auf Safranrisotto, Lammfilets an Rotweinsauce und Jakobsmuscheln. Meine größte Leidenschaft jedoch ist Grünkohl – auch wenn dafür nicht jeder Verständnis hat. Ich kann im Winter einmal pro Woche Grünkohl essen, natürlich mit Kohlwurst und Kartoffeln – es wird mir nie langweilig.
Im letzten Winter habe ich den Rückstand aus Kinshasa danach an Mutterns Eßtisch aufgeholt, dieses Jahr jedoch bin ich auf mich allein gestellt.

Schon vor Wochen durchkämmte ich die Tiefkühltruhen der Supermärkte, wobei sich leider heraussstellte, daß Grünkohl hier ähnlich schwer zu bekommen ist wie in Kinshasa. Keine TK-Pakete. Keine Einmachgläser.
Nach Weihnachten wurden die Entzugserscheinungen akut, mein Vater hatte mir auf den letzten Drücker vor der Abfahrt noch eine Kohlwurst besorgt (während wir Damen die Kleidungsläden durchstreiften), aber ich konnte immer noch keinen Grünkohl finden. Auf dem Wochenmarkt wurde mir bescheiden, der heiße hier Federkohl und manchmal hätten sie auch dieses Gewächs im Angebot, aber nicht heute.
Am Freitag während meiner Stippvisite, so meinte ich, mir allerdings endlich Grünkohl beschaffen zu können, strebte voller Vorfreude im Supermarkt gen Tiefkühlabteilung – ausverkauft! Am Samstag dann wieder Wochenmarkt, wo man mir zuletzt versichert hatte, Samstag gäbe es bestimmt Federkohl. Nur nicht mehr um 11h, da war nämlich schon alles ausverkauft. Fünf Stände weiter dann endlich Erfolg.

Nun ist Grünkohl ein Gemeinschaftsgericht und eignet sich nicht für Singles, das hat irgendwie etwas trostloses, und auf der Suche nach einem geeigneten Mitesser, der diese Köstlichkeit zu schätzen weiß, verfiel ich auf niemand besseren als eine alte Flamme. Die auch tatsächlich für Montag Abend zusagte. Also heute. Und dann wieder absagte.
Dabei wollte ich doch so gerne Gesellschaft für meinen ersten Kochversuch mit frischem Kohl, ein Versuchskaninchen gewissermaßen (das hatte ich so deutlich natürlich nicht gesagt). Jetzt sitze ich hier also doch alleine, aber immerhin kann ich so nachher an meinem Hausarbeits-Essay weiterarbeiten. Geschmeckt hat's trotzdem, schließlich bin ich die Tochter meiner Mutter, der weltbesten Grünkohlköchin überhaupt.



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Freitag, 7. Januar 2011
Fünf Stunden für ein Komma
Ich bin nicht ganz zu Unrecht die familiäre IT-Hotline für alle Computer-Belange: ich spiele gerne mit Technik rum. Wenig Ahnung, aber so weit es geht, helfe ich mir gerne selber.

Nach Linux ist Latec die neueste Entdeckung - fantastische Sache. Sieht man davon ab, daß ich drei Stunden brauchte um zu merken, daß bei der Einbindung von Graphen die Graphik im selben Verzeichnis liegen muß - es sei denn, man gibt den gesamten Pfad an.

Gestern dann: fünf Stunden an Bibtex gebastelt und einfach nicht begriffen, warum trotz korrekter Befehle (in 100 Kombinationen) beim Kompilieren gar keine Referenzliste entsteht. Ich habe Bibtex und Biblatec probiert, habe die Kommandos quer durchs Dokument geschoben, immer wieder F2 und F11 gedrückt. Nichts. Habe das Text-File variiert, umbenannt, alle möglichen packages geladen. Nichts. Um 0.22h dann die Entdeckung: im Text-File ein einziges, dämliches Komma hinter der Kurzreferenz vergessen. Wie konnte ich so dämlich sein, das die ganze Zeit zu übersehen?

Tröstlich ist nur, daß mir das nie wieder passieren wird und ich nebenbei die Option gefunden habe, Bibtex-Referenzen aus Google zu exportieren.

[Continued:
Ich bin zwar bodenlos faul und durchaus in der Lage, den ganzen Tage im Internet zu surfen und mir abends selbst weiszumachen, das habe der Allgemeinbildung gedient und sei produktiv gewesen. Wenn ich jedoch erst mal genug Druck habe (in der Art von: noch fünf Tage bis zur Abgabe von 15 Seiten über ein kniffeliges Thema, bei dem ich niemals die Absicht Chance hatte, die gesamte umfangreiche Literatur zu erkunden), dann kann ich auch richtig produktiv sein. Nachdem ich also gestern endlich die Regeln der Kommasetzung in Bibtex kapiert hatte, waren das Literaturverzeichnis und das Deckblatt ruckzuck fertig, und es blieb noch genug Zeit, ganze 2000 Wörter zu schreiben. Wenn ich so weitermache, werde ich doch noch pünktlich fertig. Da konnte ich es mir durchaus erlauben, abends über die Grenze zu fahren um meine neueste Neuerwerbung abzuholen: schwarze Stiefel von Hugo Boss. Die waren ohnehin schon recht günstig und der Händler hatte sogar einer Steuererstattung zugestimmt. Im flirten mit verhandeln mit Zöllnern konnte ich ja schon beim letzten Mal erste Erfahrungen machen, diesmal wieder keine Rechnung, aber ich hatte einen Mail-Ausdruck der Transaktion dabei.

Vor der Zollstation also Lipgloss aufgetragen, Haare verwuscheln, gut gelaunt lächeln. Zum Schalter, Bauch rein, Brust raus und freundlich meinen Mail-Ausdruck vorzeigen: "Gilt das hier vielleicht auch noch als Rechnung? Der Händler hat es nämlich vergessen... ?" Augenaufschlag. Zöllner guckt. Ich, übereifrig: "Meinen Ausländerausweis habe ich auch dabei!" Zöllner guckt schon milder - "haben sie die Stiefel dabei?". Natürlich hatte ich. Hat funktioniert.

Das nenne ich mal einen wirklich, wirklich produktiven Tag. 2.000 Wörter und 35 Euro Zollerstattung. Mehr kann man nicht erwarten.]

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Sonntag, 2. Januar 2011
Outdoor
Man muß vermutlich ein bißchen einen an der Waffel haben, um sich am ersten Sonntag des neuen Jahres den Wecker auf sechs Uhr früh zu stellen, und um sieben Uhr morgens am Bahnhof zu stehen.
Zumal wenn die Wettervorhersagen Nieselregen und 3 % Sonnenwahrscheinlichkeit vorhersagt.
Es hat aber durchaus Vorteile, quasi blind auf der Piste zu fahren, weil die Sicht nur drei Meter weit reicht: wenn man nicht sieht, wie steil es ist, fährt man einfach drauflos.

Und bricht sich, als Naturtalent auf den Brettern auf den Brettern am Hang wie ich es bin, natürlich nicht die Knochen, sondern segelt mehr oder minder elegant alles herunter, was sich bietet. Es war lausekalt, 70 Franken fürs Skiticket sind nicht gerade ein Schnäppchen und 6 Franken für einen Teller Bouillon mit Kichererbsen (?) drin nachgerade Wucher, aber ich bin glücklich.

Da ich nicht die sportlichen Talente meiner Mutter geerbt habe, kommt es mir immer noch wie ein Wunder vor, daß ich so schnell so viel lerne. Geradezu über Nacht werde ich jedes Mal besser, sicherer, und habe immer mehr Freude. Nennen Sie mich in Zukunft nur noch Pistensau, bitte. Letztes Mal noch habe ich rote Pisten gemieden wie der Teufel das Weihnwasser und meine Freunde mit meinen Pistenwünschen in den Wahnsinn getrieben - dieses Mal waren wir fast den ganzen Tag nur auf roten Pisten unterwegs und nur ein einziges Mal hat es mich gelegt.

Vor Heißhunger gerade eine halbe Tüte Chips gefressen, jetzt heiße Dusche, danach Safranrisotto, und noch einen letzten gemütlichen Abend. Das war trotz der unchristlichen Uhrzeit heute ein gelungener Abschluß der Weihnachtsferien.

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Freitag, 31. Dezember 2010
Ein unspektakuläres Jahr hört ganz auch ganz unspektakulär auf. Laufen gewesen, über die Eis- und Schneeplatten auf dem Berg. Den Bodensee kann man vor lauter Nebel kaum sehen, dafür bekam ich einen Silvesterkuss von Figaro – lange schwarze Haare, vierzehn Wochen alt, vier Pfoten. Das dürfte der Höhepunkt des Tages gewesen sein, heute Abend wird mit Freunden gekocht und angestossen. Sonntag geht es dann hoffentlich wieder Skifahren. Falls ich bis dahin den Schreibtisch leer geräumt habe.
Ich habe keinerlei gute Vorsätze. Wer dauernd Treppen klettert und ein Naturtalent auf Brettern am Hang ist, muß nicht abnehmen. Ich muß auch nicht weniger trinken, mehr Sport machen, oder weniger rauchen – irgendein Laster braucht der Mensch.
Ich habe auch keine großen Wünsche, mehr Geld wäre schön, aber nicht notwendig, mehr Spaß an der Arbeit kann man nicht haben, mehr Abwechslung und Freiheit noch viel weniger. Mehr Freunde schadet nie, aber jene, die ich habe, sind mir teuer und genug. Ich bin, wie man so schön sagt, weitgehend wunschlos glücklich.

Darauf, und auf Sie, meine treuen und überaus geschätzten Leser, ein Glas Sekt – mit Thymian und Pfirsich-Sirup!

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Freitag, 17. Dezember 2010
Vorweihnachtlich
Ich weiß, zuhause gibt es im Moment auch viel Schnee, aber hier gibt es noch mehr Schnee, davon bin ich überzeugt. Und das ganz ohne Chaos. Wobei ich zugeben muß, daß sogar die Schweizer Schneeräumer heute leicht überfordert wirkten. In der Fußgängerzone schieben kleine Bagger täglich wachsende Schneehaufen auf und ich träume von Rodeln! Innerstädtisch!
Schon seit Wochen erwäge ich, die Skier mit auf den Uniberg zu nehmen, dann wäre der morgendliche Aufstieg endlich mal zu etwas gut (außer zum Erhalt der Figur), denn ich könnte abends bequemer nach Hause schlittern, als in Schuhen mit stets zu wenig Profil. Ich bräuchte schicke Lederstiefel mit Spikes drunter, für Schneegries und Eisplatten.

Eine Einführung in die Wetterverhältnisse hatte ich ja schon Anfang des Jahres, aber nun tun sich ganz neue Dimensionen auf. Die Vielfalt von Schnee ist wirklich ungeheuer! Der erste Schnee war noch trocken, aber die nächste Ladung kam feucht herunter und klebte unter strahlend-blauem Himmel an Bäumen und Dächern fest, daß es eine Freude war! Dann wieder kam es in dicken, flauschigen Flocken, die so leicht waren, daß sie vor meinem geöffneten Fenster von der Wärme wieder nach oben trieben. Warm ist es leider nur drinnen, draußen herrschen Temperaturen, daß meine Lippen nach jedem Ausflug vor die Tür erst wieder auftauen müssen, bevor ich mich artikulieren kann.

Heute dann gab es kleine, körnige Kügelchen von Schnee, die von ekligem Wind vor sich hergetrieben wurden. Auf dem Hinweg wehte es mir entgegen, auf dem Rückweg sonderbarerweise auch. Wie einen Wehrschild hielt ich den Schirm vor mich, was zu etlichen Kollisionen mit anderen Passanten führte, gleichermaßen gerüstet – man sieht nämlich nichts, wenn man den Schirm vor sich (statt über sich hält), was entschieden von Nachteil ist. Die Fußwege sind längst nicht mehr geräumt, so viel kann keine Schneeabfuhr räumen wie das Zeug hier runterkommt. Schnee diszipliniert auch: man geht nur noch an vorgezeichneten Stellen über die Straßen, denn die Fahrbahn ist nunmehr durch tiefe Schneewehen abgegrenzt, in denen man fast versinken kann. Ich hätte es nicht geglaubt, aber exakt das, was normalerweise als Regen fällt, bekommen wir jetzt als Schnee, tagaus, tagein, allein heute 40cm Neuschnee. Ich kann nur staunen.

Das ist übrigens das einzig Vorweihnachtliche hier – der Weihnachtsmarkt ist eine riesige Enttäuschung: viel zu teuer und schließt in aller Regel, bevor ich von der Arbeit komme. Ich baue daher auf Glühwein in österreichischen Skihütten dieses Wochenende. Und entschuldige mich für die nächsten sieben Tage Schweigen.

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Freitag, 10. Dezember 2010
Live
Linux ist toll. Linux bekommt keine Viren, hängt sich nie auf, fährt rasend schnell hoch, aktualisiert sich fast von alleine. Linux macht VPN-Client, W-Lan, Drucker, Overhead, kurz: ich bin ein sehr glücklicher Mensch, seit ich nicht mehr durch Fenster schaue.

Aber: wenn bei Linux was kaputt ist, bin ich völlig aufgeschmissen. Zaghafte Versuche, mit dem Terminal zu arbeiten, haben mir anfangs soviele Sachen zerschossen, daß ich das inzwischen lieber lasse, macht nix, ohnehin überflüssig, es läuft ja alles.

Heute Morgen dann: 8 Seiten OO-Dokument, Ergebnis fleißiger Arbeit der letzten Tage: leer. Die Titelseite ist noch da, danach einsame Überschriftennummern, Bullet-Points ohne Text, Tabellenrahmen ohne Inhalt. Ich bin fertig. Ich gehe jetzt heim und ziehe mir die Decke über den Kopf. Na gut, vielleicht gehe ich erst mal eine rauchen.

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