Malaisen
Man kann viele Schubladen für Expatriates finden – eine davon ist der Umgang mit Malaria. Die hiesige Variante kann theoretisch tödlich enden, wenn die Erreger auf das Gehirn übergreifen und natürlich ist mit diesem Risiko nicht zu spaßen. Andererseits sind Expats ja in der glücklichen Situation, jederzeit Zugang zu Medikamenten zu haben und wenn man um das Risiko weiß und entsprechend rasch reagiert, ist das Risiko überschaubar. Jeder, der zwei oder drei Jahre hier war kennt einen Kollegen, der daran gestorben ist – allerdings meist Männer, die aus Dickfälligkeit und wahre Männer leiden schweigend Attitüde den Gang zum Arzt zu spät angetreten haben. Am Umgang mit Malaria scheiden sich hier die Geister, vor allem bei Aufenthalten im Zeitfenster zwischen sechs und zehn Wochen, wo es keine eindeutige Empfehlung für oder gegen Prophylaxe gibt. Ich habe drei Wochen vor dem Ende meines letzten Aufenthalts aufgehört, mein in Tunis unter unglaublichen Umständen erworbenes Medikament zu nehmen und viele Kollegen sehen es ähnlich: man kann das Zeug nicht über Monate wie Smarties essen, das Risiko ist überschaubar, kein Grund zur Panik. Die andere Hälfte der Kollegen verspeist schon zum Frühstück die tägliche Tablette zuzüglich Vitamin C, Mineralien und meist unzähliger anderer Pillen, ich vermute beinahe, die Amerikaner haben neben Hand Sanitizer und einer Batterie antibakterieller Toiletten- und Reinigungsartikel auch antibakterielle Tabletten erfunden. Diese Kollegen schauen einen mit großen, ungläubigen Blicken an und sagen: Are you crazy?! wenn sie hören, daß man die Prophylaxe aufgegeben hat. Die Reaktion könnte nicht heftiger ausfallen, würde man eröffnen, jeden Abend mit geladenen Ebola-Injektionen Russisch Roulette zu spielen.

Davon abgesehen gibt es natürlich noch andere Unannehmlichkeiten. Eine Freundin hat erhöhte Bilharziose Werte, seit sie im Umland in einem Teich planschen war. Sie sagt aber, sie kann die Viecher nicht unter der Haut krabbeln sehen, so daß auch solche Bedrohungen ihren Schrecken verlieren. Der Gang zum Tropenarzt nach der Rückkehr zwecks vollständiger Entwurmung wurde mir schon mehrfach empfohlen (dabei verbinde ich mit Wurmkur eher die in eine Scheibe Wurst eingerollten Pillen für unsere Hunde). Neulich habe ich zum ersten Mal von acid ants gehört – kleinen Insekten, die brennendes Sekret abgeben, wenn man sie plattmacht und häßlichen Ausschlag verursachen. Wunden verheilen schlechter. Alle paar Tage sticht mich eine besonders fiese Mücke und wenn ich dann irgendwann gedankenverloren zu heftig scheuere, weil der Juckreiz unerträglich ist, sieht es einen Tag später aus, als hätte ich mir übel das Schienbein aufgeschlagen, zwei verschorfte rote Streifen, ohne daß es jemals geblutet hätte. Die Freude hält sich dann auch in der Regel über mehrere Tage.
Weniger dramatisch, aber optisch ein echtes Hindernis beim Männerfang ist der Zustand meiner Haare. Selbst mit Spülung könnte man mit meinem Schopf nach vier Wochen hier auch eine Pferdebox auslegen und das Ergebnis meines Friseurs zu Hause, den Schaden zu begrenzen, ist inzwischen wieder perdu. Parfum kann man, nebenbei bemerkt, auch gleich daheim lassen, denn angesichts des großzügigen Gebrauchs von Anti-Mücken Spray (mein Haushalt weist derzeit fünf verschiedene Sorten auf und die Flaschen werden so freizügig herumgereicht bei gemeinsamen Abendessen wie das Bier auf Binge-Drinking-Parties) riechen ohnehin alle wie ein Krankenhaus. Von derlei Petitessen abgesehen habe ich aber glücklicherweise die Konstitution eines Ackergauls und so hoffe ich, daß mir Besuche im Krankenhaus weiterhin erspart bleiben werden.

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saxanasnotizen.blogspot.com, Montag, 2. November 2009, 10:50
Ja, hoffentlich passiert Dir in diesem gefährlichen Umfeld nichts. Pass auf Dich auf!

damenwahl, Montag, 2. November 2009, 11:31
Danke danke! Allerdings hört sich alles viel gefährlicher an, als es ist. Ich bin mir sicher, Nairobi und Johannesburg sind ein weniger sicheres Pflaster.
Andererseits: Kollegen hier fliegen schon mal zum Arztbesuch nach Johannesburg, weil die Versorgung dort besser ist. Neulich gehört, der belgische Arzt vor Ort hat nicht mal ein Ultraschallgerät in der Praxis, dafür schickt er einen in Centre Medical - und da möchte man nun wirklich nicht hin.

schusch, Dienstag, 3. November 2009, 19:39
Zeckenbiss im urdeutschen Odenwald hat aber auch was für sich. Kongo war okay für mich, Odenwald nicht. Ich hoffe, ich krieg den Mist weg, bevor ich wieder runter komme.

damenwahl, Mittwoch, 4. November 2009, 17:04
Ich wünsche gute Besserung. Und hoffe, daß ich noch hier bin, wenn Sie kommen!

schusch, Donnerstag, 5. November 2009, 00:45
Wie bitte?

Ich hoffe, dass ich noch ankommen kann, wenn Sie noch da sind.

Das sollten wir jetzt schon noch unbedingt hinkriegen, das mit den eins, zwei, zehn Primus.

jean stubenzweig, Mittwoch, 4. November 2009, 16:46
Nachdem ich den arte-Schwerpunkt über gefälschte Medikamente gesehen habe, in dem es unter anderem vieles aus Afrika gab, mag ich dazu gleich gar nichts sagen, weil mir ganz anders geworden ist.

damenwahl, Mittwoch, 4. November 2009, 17:06
Gruselig. Die Welt ist schlecht und die Ärmsten leiden immer als erstes. Eine Packung Malaria Medikament in der Apotheke kostet 16 USD - das kann sich der Durchschnittskongolese nicht leisten. Wenn Sie sehen könnten, was hier alles als pharmacie firmiert... .