Tag 23 – Das Buch in deinem Regal, das die wenigsten Seiten hat
Schwierig. Ich mag dünne Bücher grundsätzlich nicht - davon hat man so wenig. Kaum hat man sich angefreundet, ist das Vergnügen wieder vorbei. Es gibt durchaus Tage, wo ich im Buchladen systematisch alles anschaue, was mehr als vielversprechende 500 Seiten hat.

Wenn ich jetzt also ein sehr schmales Buch suchen soll, ist die Auswahl begrenzt. Ich habe einige Novellen (Fontanes Grete Minde in einer sehr schön illustrierten Ausgabe, Tolstois Kreutzersonate). Vermutlich ist das dünnste Buch irgendwas von Khalil Gilbran, aber das fand ich so doof, daß es in eine Schmuddelecke verbannt wurde.
Nach eingehender Prüfung der Kandidaten: William Shakespeare, Einundzwanzig Sonette. 95 Seiten. Deutsch in der Übersetzung von Celan, aber auch auf Englisch. Ich glaube, ich habe das mal gekauft auf der verzweifelten Suche nach einem Sonett, das ich liebe und seit der ersten Lektüre in der Schule nicht wiedergefunden habe. Gerade dieses ist nicht in dem Bändchen, aber das macht nichts. Shakespeare ist einfach großartig. Man muß den Inhalt gar nicht verstehen, kann man sich doch in Worten verlieren:

All days are nights to see till I see thee,
And nights bright days when dreams do show thee me.


Und hier nun jenes, welches ich nie finden konnten, aber das I*net weiß einfach alles:

My mistress' eyes are nothing like the sun;
Coral is far more red than her lips' red:
If snow be white, why then her breasts are dun;
If hairs be wires, black wires grow on her head.
I have seen roses damask'd, red and white,
But no such roses see I in her cheeks;
And in some perfumes is there more delight
Than in the breath that from my mistress reeks.
I love to hear her speak, yet well I know
That music hath a far more pleasing sound.
I grant I never saw a goddess go:
My mistress, when she walks, treads on the ground.
And yet, by heaven, I think my love as rare
As any she belied with false compare.

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damenwahl, Samstag, 23. Oktober 2010, 16:48
Und noch eines, das mir in Erinnerung geblieben aus jener Zeit, als wir Sonette lasen:
One day I wrote her name upon the strand,
But came the waves and washed it away:
Again I wrote it with a second hand,
But came the tide, and made my pains his prey.
Vain man, said she, that doest in vain assay
A mortal thing so to immortalize,
For I myself shall like to this decay,
And eek my name be wiped out likewise.
Not so (quoth I), let baser things devise
To die in dust, but you shall live by fame:
My verse your virtues rare shall eternize,
And in the heavens write your glorious name.
Where whenas Death shall all the world subdue,
Our love shall live, and later life renew.

Spenser, Sonett 75

terra40, Samstag, 23. Oktober 2010, 17:03
Sagt doch das Sprichwort (jedenfalls bei uns):

Nicht das Viele ist gut,
sondern das Gute ist viel!


Ich wünsche dennoch viel Lesefreude.
Gruß, T.

damenwahl, Sonntag, 24. Oktober 2010, 12:30
Meine Mutter würde jetzt strafend sagen: Viel fährt man auf dem Wagen. Aber in manchen Dingen ist viel gar nicht schlecht.

ilnonno, Samstag, 23. Oktober 2010, 19:27
Hm. Ich fand ein paar short stories gut (Bierce?). Kaufte mir ein paar Bücher mit Kurzgeschichten. Liegen ungelesen herum, kann ich als Buch nicht lesen. Keine Ahnung warum.

damenwahl, Sonntag, 24. Oktober 2010, 12:31
Mein Ding auch nicht, Kurzgeschichten. Ich möchte in eine Geschichte eintauchen, mich mitziehen lassen, Personen kennenlernen, Entwicklungen verfolgen.