Bilde mir nicht ein,...
... was Rechts zu wissen. In den langweiligeren Minuten meines Arbeitstages verfolge ich die Diskussion in dem ein oder anderen Blog und erfreue die Betreiber vielleicht mit erhöhten Klickzahlen. Das Ausmaß an Gelehrsamkeit, Belesenheit und Bildung, mit dem ich mich dort gelegentlich konfrontiert sehe, haut mich schlichtweg von den Füßen. Und macht mich traurig, weil es Anlaß zur Reue gibt. Reue, daß ich wertvolle Zeit meines Lebens mit so schwachsinnigen Vorlesungen wie Kostenrechnung oder Konzernrechnungslegung nach IFRS verschwendet habe. Das verschafft mir möglicherweise punktuell ein besseres Verständnis der Finanzkrise, und außerdem das beruhigende Gefühl, immer noch ein angelehntes Türchen zu einer gesicherten, vernünftigen Arbeitnehmer-Existenz zu haben – ändert aber nichts am Bedauern über all die verpaßten Gelegenheiten. Ich würde gerne noch einmal studieren: Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft, vielleicht? Ich hätte dann all die Werke gelesen, die in den schöneren Blogs diskutiert werden. Könnte Gedichte sofort in ihren Kontext einordnen. Wüßte die Quelle ausgefallener Zitate. Wäre in der Lage, andere Kommentatoren argumentativ auseinander zu nehmen, wenn mir deren Meinung nicht paßt.
Statt dessen halte ich meistens meinen Mund, beiße in die Tischkante, schäme mich ob meiner Unkenntnis der genannten Autoren und sehe betrübt, wie die Liste geplanter Lektüren immer länger wird. Vielleicht sollte ich mich mal für einige Jahre nach Saudi-Arabien versetzen lassen. Da gibt es keinen Alkohol, keine Parties, keine Männer, die mich ablenken könnten – und ich hätte ganz viel Zeit zum Lesen. Das wäre dann zwar Heimweh zum Quadrat, aber immerhin einem guten Zweck dienlich. Schlimmstenfalls werde ich mich in dreißig Jahren nach einem erfüllten Leben als Steuerzahler als Seniorenstudent einschreiben – und in der Zwischenzeit weiter die Klappe halten, um mich nicht mit meiner völligen Unkenntnis geisteswissenschaftlicher Bildung zu kompromittieren.

Immerhin kann ich mich damit trösten, daß man sich in den USA wie der Einäugige unter Blinden fühlen kann: dieses Schild - gegenüber einer Ampel - hätte ich nämlich nicht gebraucht:

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jean stubenzweig, Mittwoch, 25. März 2009, 00:50
Aber solange profitieren andere eben von Ihrem Wissen. Das gehört genauso zur Kultur. Und nebenbei: Glauben Sie ernsthaft, der Zustand des «Nichtwissens» würde sich je ändern?

Ich möchte heute nicht mehr studieren. Der Eindruck verstärkt sich zusehends angesichts der Bedingungen, die an den Universitäten herrschen. Alleine über die Familie bekomme ich das mit. Aber ich bin wohl auch ein paar Tage älter. In den Sechzigern und Siebzigern ging es wohl um einiges gemächlicher zu.

Dennoch: Ich stehe ebenso staunend da. Zumal sich vieles rasend schnell verändert. Vor allem Meinung, Ansicht. Andererseits kehrt so manches wieder zum Kernpunkt zurück. Das hat dann wieder etwas Reizvolles.

damenwahl, Mittwoch, 25. März 2009, 04:47
Ich habe mich dazu noch mal etwas ausführlicher geäußert, das ist ein langes, langes Thema. Studieren im Sinne von Klausuren und Examina - ach nein, das möchte ich auch nicht. Aber lernen, lernen, lernen - das immer gerne. Und zumindest in dem Gefühl leben, im Rahmen meiner Möglichkeiten gegen das Nichtwissen gekämpft zu haben. Ich bereue gewissermaßen, daß ich hinter meinen eigenen Ansprüchen und Möglichkeiten zurückbleibe.