Tag 14 – Ein Buch aus deiner Kindheit
Mein Vater hat immer viel gearbeitet, aber er hat sich jedes Jahr zu Weihnachten und Geburtstagen die Zeit genommen, Buchgeschenke für seine Kinder sorgfältig auszuwählen. Er las nicht nur die Buchempfehlungen seiner Wochenzeitung, er arbeitet sie geradezu durch, machte Notizen, riß die Koordinaten aus. Vor Weihnachten dann nahm er sich einen Samstag-Nachmittag Zeit, entließ meine Mutter in die Schuh- und Bekleidungsläden der nächstgrößeren Stadt und widmete sich dem Buchgiganten vor Ort.

Er legte seine Empfehlungen vor, diskutierte mit Buchhändlerinnen, las in Bücher rein und suchte mit viel Liebe und Aufwand Geschenke aus. Über die Jahre wurde er geradezu zum Fachmann für Kinder- und Jugendliteratur jeder Couleur. Astrid Lindgren, Rainer M. Schröder, Tolkien und Klaus Kordon, Gudrun Pausewang und Dagmar Chidolue - fast alles von Rang und Namen sammelte sich über die Jahre bei uns. In jenem Jahr, in dem mein Lesehunger am schlimmsten war, kauften meine Eltern einen kompletten Meter "Goldköpfchen" - ein Buch von 1930, aber erstens war es grandios, den riesigen Stapel hinterm Sofa zu finden und zweitens hat es mir trotzdem gefallen, auch wenn es etwas unmodern war. Sowas fiel mir kaum auf.

Die prägendste Autorin meiner Kindheit war jedoch Frances Hodgson Burnett, auf die ich immer noch große Stücke halte. Kein Jahr vergeht, in dem wir nicht alle "Der kleine Lord" im Fernsehen schauen - und doch ist es nie so schön wie jene Abende, an denen mein Vater uns jeden Abend ein Kapitel daraus vorlas, auf das man sich schon den ganzen Tag vorfreuen konnte.

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nnier, Freitag, 15. Oktober 2010, 11:45
Oh. Wenn ich solche Buchhüllen sehe, läuft ein Schauer über meinen Rücken, es ist ein nicht nur angenehmer Grusel. Ich kenne einige Kinderbücher aus dieser Zeit, eher natürlich die für Jungs - und es kommt einem da schon oft ein ziemlicher Muff entgegen. Ffleißige und brave Buben und Mädchen, alles, und wehe nicht! Da verstehe ich umso besser, wie befreiend die Bücher von Astrid Lindgren damals gewirkt haben müssen. Und warum es dann zu dieser manchmal auch ganz übel gezwungen und moralisch daherkommenden Emanzipationsliteratur mit den starken Mädchen und Mugnog-Kindern kommen musste.

("Goldköpfchen" kenne ich nur als Titel, deshalb sind das hier ganz allgemeine Anmerkungen. Ich habe z.B. ein Lieblingskinderbuch, in dem es ganz selbstverständlich heißt: Die Mädchen trugen ihre Puppen spazieren und die Buben fuhren mit ihren Tretrollern herum ...)

damenwahl, Freitag, 15. Oktober 2010, 12:09
Ziemlich muffig, sogar, wenn ich drüber nachdenke. Hat mich aber mit zehn Jahren nicht gestört, es war eher so, daß sich das las wie ein historischer Roman aus längst vergangenen Zeiten.